Zugegeben, der aktuelle JESU-Longplayer "Infinity" ist garnicht sooo brandneu. Schließlich ist dieses 1-Track-Album (zumindest meines Wissens!) bereits vor über einem Jahr auf dem asiatischen Markt veröffentlicht worden, und wurde seitdem zu sportlichen Import-Preisen jenseits der 40 Euro gehandelt. Doch nun kann die eingeschworene JESU-Fraktion in Europa auch endlich aufatmen. Denn seit einigen Wochen ist "Infinity" ebenfalls in unseren Breitengraden erhältlich. "Gott sei Dank!" möchte man sagen...denn es wäre undenkbar gewesen, wenn dieses Album nicht aus der Versenkung aufgetaucht wäre.
JESU-Chefdenker Justin K. Broadrick (Ex-GODFLESH/NAPALM DEATH) war ja bisher eh schon für seine ausufernden, aufwühlenden Longtracks bekannt. Doch mit diesem knapp 50-minütigen Breitwand-Epos hat der gute Mann sich in vielerlei Hinsicht selbst übertroffen. Als wichtiger Hinweis für alle Alt-Fans sollte man zunächst herausstellen, dass Mr. Broadrick sich auf "Infinity" musikalisch wieder im härteren Gewand präsentiert. Die Gitarrenwände schrammeln teilweise dermaßen massiv aus den Boxen, so dass Erinnerungen an selige GODFLESH-Zeiten gar nicht so weit entfernt sind - vor allem auch, weil der JESU-Mastermind sogar seine rauhen "Streetcleaner"-Shouts auspackt. Und wann hat man schon jemals zuvor programmiertes Doublebass-Dauerfeuer auf einem JESU-Album gehört ? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern...insofern ist "Infinity" ein eindeutiger Schritt zurück zu den Wurzeln des typischen Broadrick-Sounds.
Zur besseren Kategorisierung dieses 50-Minüters kann man es sich aber auch leichter machen: "Infinity" hat die kontrollierte High-Tech-Agression von "Heartache"...die schwebende, gleichzeitig so niederschmetternde Monotonie von "Jesu"...gepaart mit dem wohligen Pop-Appeal von "Conqueror". All dies verbindet Justin K. Broadrick zu einem fabelhaften Mega-Opus im Soundtrack-Format, welches allen Fans von ISIS , DEVIN TOWNSEND , TYPE O' NEGATIVE , PELICAN oder eben GODFLESH dringendst ans Herz gelegt werden muss. So ist "Infinity" ein einziger musikalischer Fluss, bei dem alle spürbaren Gefühlswelten buchstäblich gegeneinander kämpfen. Melancholische Ambient-Teppiche ziehen den Hörer auf ihre Seite, zerschellen im nächsten Moment aber hoffnungslos an den auftürmenden Klippen der brachialen Gitarrengewalt. Monotone Sound-Orkane zehren an den Nerven, ehe urplötzlich eine wundervolle Keyboard-Melodie für Entspannung sorgt. Ein Auf und Ab in Sekundenbruchteilen. Und hoch oben auf seinem Thron sitzt Justin K. Broadrick und spielt mit den musikalischen Basics, als wären es nur alberne Puzzelteile. Mit seinem beschwörenden Gesang lockt er den Hörer von einem Gefühlswirrwarr zum nächsten, und hat dabei das unangefochtene Gänsehaut-Abonnement. Himmelhochjauchzend - zu Tode betrübt ??? Gefährliche Brandung - seichte Gewässer ??? Das Ende aller Tage - ein neuer Anfang ??? Sind es Tränen der Freude - oder Tränen des Schmerzes ??? Bei "Infinity" trifft definitiv alles zu. Eine anstrengende Melange aus futuristischen Industrial-Soundscapes, chilligem Postrock, Synthie-Pop und zähem, alles zermürbendem Sludge. Ein Sonnenaufgang im schwarzen Loch. Ernüchternd und erlösend zugleich.
JESU stehen auch im Jahre 2010 für intensive, musikalische Grenzen neu definierende Klangwelten, deren Perfektion die meisten Bands niemals erreichen werden. Mehr muss und darf nicht gesagt werden. Klasse !!!