Irgendwann erreicht wohl jede band einmal den Punkt, an dem sie sich denkt "Wir machen seit 18 Jahren immer dasselbe. Es wird dringend Zeit, mal etwas Neues zu versuchen, uns zu verändern und erwachsen zu werden!".
Meistens hört diese Band dann auf damit das zu machen, mit dem sie erfolgreich und beliebt war und beginnt stattdessen etwas zu machen, was so ziemlich alle anderen auch machen. Anstatt weiter die Nische zu bedienen in der man seine Fans hat, wendet man sich neuen Gestaden zu.
Was viele dabei vergessen, ist, dass man wenn man etwas Neues macht, das auch anständig machen muss um einerseits die neuen Fans von den eigenen Qualitäten zu überzeugen und andererseits den alten Fans die den alten Stil schätzten, etwas gleichwertiges als Ersatz bieten zu können.
Üblicherweise endet dieses Vorgehen in einer Katastrophe, die meistens wenn auch nicht unbedingt den finanziellen, dann aber doch den künstlerischen Niedergang der Band einläutet.
Im hier vorliegenden Fall versuchen also die Jungs der Tempelritter-Combo "Hammerfall" die vorgeblich ausgetretenen Pfade des epischen Hymnen-Metal zu verlassen. Bereits das Artwork weist auf den neuen Stil hin, auch in den Lyriks finden sich keine genreüblichen Kings, Knights, Swords oder ähnliches mehr.
In den Texten findet man nun hauptsächlich Endzeit-Thematik, hier ein wenig Seuche, dort ein oder zwei Zombies, immer mal wieder etwas christlich-religiöse Einflüsse mit denen ein bibelfester Hörer sicher mehr anfangen kann und das Ganze eingebettet in Standard-Phrasen des Heavy Metal.
Der Sound braucht sich nicht zu verstecken, die chorälen Schwerpunkte die man sonst von den Schweden gewohnt war werden ersetzt durch knackig-rockigen Sound der dank der sauberen Produktion die neue Härte der Band gut rüber zu bringen weiß.
Ob jetzt aber "Infected" der große Wurf ist, ist umstritten. Der neue Stil ist gewöhnungsbedürftig, viele werden sicher den alten Ritterchören hinterhertrauern. Der harte Sound der neuen Scheibe weiß zwar zu begeistern, allerdings sind die Kompositionen selber weitaus weniger ausgefeilt und abwechslungsreich als man es von Hammerfall bisher gewohnt war.
"Patient Zero", "Bang your Head" und "Dia de los Muertos" sind die Songs in denen der Wechsel sehr gut funktioniert. Die drei Stücke sind lupenreine Hits, klingen super und wissen zu begeistern.
Der Rest des Albums kann da aber auch leider schon nicht mehr ganz mithalten. Während die Singleauskopplung "One More Time" noch ein Minimum an Langzeitmotivation besitzt, langweilen Songs wie "Redemption" bereits beim ersten hören.
"I refuse" ist einer von sogar zwei Totalausfällen des Albums. Der Song beginnt zwar mit ordentlichem Sound kommt dann auch gut in die Gänge, aber wenn dann der Refrain, der einzig und allein aus dem Songtitel besteht, dauernd immer wieder wiederholt wird, fängt das Stück einem sehr schnell an auf den Zeiger zu gehen. Schlimmer noch ist es mit "Send me a Sign", dem zweiten Nervenzerrer des Albums. Die Ballade ist eine Coverversion einer angeblich legendären Rockband, aber legendär war wohl nur deren Erfolglosigkeit. Hammerfall haben mit Balladen durchaus Erfahrung und auch schon das ein oder andere langsame Meisterstück hingelegt, aber dieser Song ist purer Kitsch zum Fremdschämen. Celine Dion lässt grüßen! Ich hab es bis jetzt in mehreren Versuchen nicht geschafft, den Song an einem Stück durchzuhören und werde wohl nie erfahren wie er ausgeht. Und nein, ich rechne bestimmt nicht damit, dass der Song in der zweiten Hälfte alle seine Qualitäten versteckt hat und man ihn erst ganz gehört haben muss.
Die beigepackte DVD soll dem Album einen Mehrwert geben, der der Käuferschaft die Entscheidung erleichtern soll, dem neuen Hammerfall eine Chance zu geben. Aber das Ding ist nicht nur völlig überflüssig sondern eine Frechheit. Die paar Playback Songs in schlechter Qualität locken keinen Hund hinterm Ofen hervor, sondern zeigen, wie man es besser nicht machen sollte. Weniger wäre hier mehr gewesen.
FAZIT:
Der Sound selbst hat den Stilwechsel der Band gut überstanden und rockt einfach! Leider sind die Songs selbst größtenteils Mittelmaß, so dass das neue Albums trotz aller Qualitäten nicht lange begeistern kann.
Das Album ist daher nicht unbedingt schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Manchen wird es freuen, dass Hammerfall seine 18jährige Templerphase endlich mal beendet hat, andere werden ihr noch lange hinterher trauern. Nichtsdestotrotz kann man sagen, dass die Band ordentlichen Metal spielt, die Kompositionen aber noch viel Verbesserungspotential haben. Wenn man sich entschieden hat aus seiner Nische herauszutreten und von nun an Allerwelts-Metal zu spielen, muss man in Zukunft den Fans etwas mehr bieten als abgegriffene 0815-Riffs in Metal-Songs die andere Bands bereits seit über 30 Jahren besser spielen.
Nicht dass wir uns hier missverstehen, das Album ist nicht wegen, sondern trotz des neuen Stils eher mittelprächtig. Ein neuer Stil ist nicht zwangsweise gleich etwas Schlechtes, aber leider wie in diesem Fallauch nicht automatisch eine Verbesserung!