Zwei junge Lehrerinnen (Audrey Hepburn, Shirley Maclaine) haben mit Liebe und Arbeitseifer ein eigenes Mädcheninternat in der US-Provinz aufgebaut. Plötzlich droht die Vernichtung, der Schule wie der Lehrerinnen. Ein intrigantes Kind erzählt seiner Großmutter, die beiden Damen korrigierten im Schlafzimmer nicht nur gemeinsam Hefte... Schnell ist die Schule leer, der Film schildert (wie schon das Theaterstück von Lillian Hellman und die Erstverfilmung von 1936) beeindruckend und gnadenlos die Macht der Lüge und das Brodeln der Gerüchteküche, der bald ein Lauffeuer entweicht, dessen Schwelbrand Wunden hinterlassen wird. Und der Film schildert auch die Probleme eines verklemmten Umgangs mit Homosexualität. Es ist zwar klar, dass an dem Gerücht insoweit nichts dran ist, als es tatsächlich zu sexuellen Handlungen gekommen wäre. Aber Maclaine muss erkennen und sowohl sich als auch Hepburn eingestehen: "Ich liebe Dich - SO WIE SIE SAGEN" (jaah, 1961 war eine gewisse zensorische Vorsicht noch geboten, aber deutlicher geht's nimmer). Zu zeigen, was es für sie bedeutet, jahrelang nicht gewusst zu haben, was da in ihr vorgeht, jahrelang mit der innerlich Geliebten auf engstem Raume zusammenzuleben und sich doch nicht zu öffnen, diese Qual der unterdrückten Gefühle - das ist bei aller vermeintlichen Zurückhaltung des Filmes zugleich sein stärkstes Plädoyer gegen Vorurteile: Hätten die beiden doch in einer offeneren Gesellschaft gelebt, so hätte Maclaine frühzeitiger ein selbstbestimmtes Leben führen können und ihr wäre viel erspart geblieben. Natürlich braucht man für die Darstellung eines unterdrückten Leidens starke Darsteller, und Maclaine wird den Erwartungen aufs Höchste, Facettenreichste gerecht. Zu der Hepburn später.
Der Film stammt von William Wyler, 1936 hatte er das Stück selbst schon einmal verfilmt, musste aber den homosexuellen Hintergrund weglassen und ein Happy End anfügen. Hier nun spricht er alles an, dezent in der Darstellung von Explizitem, radikal in der Vorführung der Konsequenzen von Bigotterie. Dies wollte 1961 niemand sehen, und die US-Filmkritik mochte nicht zugeben, den Spiegel der (nicht nur) amerikanischen Gesellschaft vorgehalten zu bekommen. Was 1936 ein Problem gewesen sei, stelle 1961 keines mehr dar - so hieß es allen Ernstes, wir wissen es seit Harvey Milk und deutschen Einbürgerungstests besser. Pauline Kael, ein Reich-Ranicki der US-Filmkritik, bloß noch subjektiver, störte sich daran, dass Maclaine und Hepburn ein späteres Versöhnungsangebot der erwähnten Großmutter ausschlagen: So etwas mache man einfach nicht gegenüber einer alten, gebrochenen Frau. Bei aller Liebe zum Subjektiven, das ja auch ich bei Amazon gern einmal praktiziere: Das ist das blödsinnigste Argument, das es gibt, und gerade die erwähnte Szene zeigt Wylers Genialität: Drehbuch und Schauspielführung arbeiten sehr gut heraus, dass diese Großmutter rein egoistisch handelt, "helfen Sie MIR" heißt es da: Sie, die Großmutter, kann nicht mit den Gewissensqualen leben, möchte nicht den jungen Frauen helfen, sondern sich selbst. Wie dies im Dialog und in der stillen Panik der Großmutter dargestellt wird, führt es zu einer konsequenten Versagung der Versöhnung. Man liest ganze Romane in den Gesichtern, obwohl der Dialog das nicht übermäßig ausbreitet.
Solche Dinge machen allgemein den Reiz von Wylers Kino aus, gerade hier: Gelungene Schauspielerführung sowohl in der Beobachtung von Gesichtern als auch durch räumliche Positionierung und ausgeklügelte Kameraperspektiven, Kombination aus viel Dialog, Auslassung von Dialog und bildlichen Mitteln. Bei "Infam" möchte Wyler gar nicht das Theaterhafte der Vorlage verhehlen, es gibt lange, kammerspielartige Dialoge, bei denen aber das Ausgesprochene immer auch dreimal soviel Unausgesprochenes parat hält. Und hier zeigt sich, dass Wyler nicht nur abgefilmtes Theater bietet. Es gibt dramatische Zuspitzungen auf Treppen (das bietet Aufsichten, Untersichten, Übergänge vom Privaten ins Öffentliche und umgekehrt, Zur-Rede-Stellen von oben herab, u.v.m.). Es gibt sehr bewusste Verzichtsmomente auf Schuss-Gegenschuss und stattdessen fein nuancierte Gesichtsstudien, z.B. verbunden mit einem häufigen Wyler-Subthema: Vertrauen. Wyler-Protagonisten, gerade seine vielen starken Frauen, brauchen tausendprozentiges Vertrauen in ihre Männer, z.B. bei Eleanor Parker und Kirk Douglas in "Detective Story", und die Hepburn braucht es nun in James Garner, der ihren Verlobten spielt. Wie Wyler in einer ungeschnittenen Einstellung durch ein nur Sekundenbruchteile dauerndes Zögern Garners vor der Bekundung, den Gerüchten nicht zu glauben, Zweifel zeigt, ist meisterhaft. Und wie er zeigt, dass die Hepburn das genau registriert hat, und dass es mit der Beziehung vorbei sein wird, obwohl sie ihn immer noch liebt. Das ist feinste Mimik mit ganz sparsamen, aber bewusst dosierten Mitteln, und ohne, dass der Zuschauer durch Zoom, Schnitt oder dramatische Musik allzu sehr auf etwas gestoßen wird, bei dem die Darsteller Hilfe bräuchten. Nein, Wyler ("40-takes-Willy") hat mit seinen ewigen Wiederholungen Großes kreiert, seine Mimen zum Besten gebracht, aber sie dennoch so inszeniert, dass die kunstfertige Bildgestaltung allenthalben spürbar wird. Die Szene, vor der im Theater wohl die Pause gewesen wäre (und in der ein paar Wochen vergangen sind), läutet er einfach mit einem Schwenk über das einst wunderschön gepflegte und nun halbwegs verwilderte Schulanwesen ein, nur mal als Beispiel für seine Kombination aus filmischen Mitteln und Theatermitteln. Noch eine weitere markante Szene: Am Ende sollten Sie einmal darauf achten, wie die Personen im Raum zueinander gruppiert sind - bei einem Ereignis, das eigentlich mit einem Aufeinander-Zugehen assoziiert wird.
Audrey Hepburn, soviel sei verraten, wird einen schwierigen Weg allein gehen müssen. Dieses Ende ist unglaublich stark und die entscheidende Verbesserung gegenüber der 1936er Verfilmung. Eine Großaufnahme aus leichter Untersicht drückt alles aus und zeigt endgültig, dass die Hepburn auch mal ohne Givenchy auskommen und große dramatische Rollen tragen kann (insoweit aber ebenfalls genial: "Geschichte einer Nonne"). Trauer, Schmerz, Hoffnung, Lebenswillen, das würde ich ohne Umschweife als die schönste, traurigste, ergreifendste, beste Hepburn-Einzelszene und das beste Film-Ende aller Zeiten bezeichnen. Neben vielem anderen kann man den Film nämlich auch emanzipatorisch deuten. Zwei junge Frauen möchten ein selbstbestimmtes Leben aufbauen, dies wird ihnen nicht gegönnt. Die Hepburn wird aber, obwohl das kein Happy End ist, eine zweite Chance nutzen. Ihr Blick sagt klar: Sie wird diese Chance bei aller Verletzlichkeit und Zartheit mit Klauen und Zähnen verteidigen.