Abseits des Cashflow-optimierten Mainstream-Gedudels tritt das ursprünglich bereits 2007 als (wahlweise) kostenloser Download veröffentlichte Album "The Inevitable Rise and Liberation of Niggy Tardust" den Beweis an, dass Hip-Hop auch heute noch mehr als nur mächtig bad-ass klingen, sondern thematisch vielseitig, clever und nachdenklich sein darf. Saul Williams ist mit dieser Scheibe der ganz große Wurf gelungen, eine perfekte Synthese von Form und Inhalt. Prominente Unterstützung fand das Projekt in Form von Trent Reznor (Nine Inch Nails), der als Produzent maßgeblich an dessen Umsetzung beteiligt war. Und als sei es die selbstverständlichste Sache auf der Welt, schlägt "Niggy Tardust" ganz locker die Brücke zwischen Hip Hop und Industrial-Rock -- und hat durchaus das Zeug, Anhänger beider Lager gleichermaßen vom Hocker zu reißen.
Williams hat die Seele eines Poeten, was sich immer wieder in den sprachlich faszinierenden und hintergründigen Lyrics offenbart. "What do you teach your little children about me? Pimp, thug, bling, drug, Lord of the Undergrounded Kings. How can you be so sure I won't call down the rain?", fragt er den Zuhörer während eines absoluten Gänsehaut-Moments in "Tr(n)igger", einem milieukritischem Stück mit einem Sample aus Public Enemy's "Welcome to the Terrordome". Auch sonst gibt sich Williams gerne gesellschaftskritisch, findet aber auch Zeit über Religion, Liebe, Sex und sein fiktives Alter-Ego Niggy zu reflektieren. In "No One Ever Does" etwa, einer unwahrscheinlich zerbrechlich wirkenden Ballade, singt er: "Aren't we whom we claim to be the descendents of, whom we place above? We must place within and slowly begin to love." Und etwas später: "Lift me from this floor. If I can't walk I'll crawl... to love." Diese Art von emotionaler und intellektueller Reife rechtfertigt dann auch Williams' Coverversion der U2-Übersingle schlechthin, "Sunday Bloody Sunday", was unter anderen Umständen wohl an Majestätsbeleidigung grenzen würde.
Klanglich geht es nicht weniger abwechslungsreich zu: Mit unvermittelt loswummerndem Stakkato-Bass landet Album-Opener "Black History Month" einen akustischen Überraschungstreffer, und noch bevor sich der Hörer davon zu erholen vermag, gibt "Convict Colony" mit einem wilden Percussion-Gewitter und Bitcrush-Beats abermals auf die Ohren. Doch bleibt es nicht über die gesamte Laufzeit so martialisch: Elektronisch gepimpte Kampfansagen wechseln sich ab mit überraschend zärtlichen Melodien, minimal-instrumentalisierter Wort-Akrobatik und Downbeat-Klangteppichen. Reznors Einfluß in der musikalischen Umsetzung ist stets spür-/hörbar, ohne dabei all zu offensichtlich NIN zu zitieren. Nicht alle der 15 (plus 5 Bonus-) Tracks können gleichermaßen überzeugen, was letztlich jedoch eine Frage des individuellen Geschmacks darstellt: So ziehe ich persönlich die atmosphärisch dichten Stücke wie "Break", "WTF!" und "Banged And Blown Through" den all zu puristischen Songs "Raw" und "Scared Money" vor. In seiner Gesamtheit jedoch überzeugt "The Inevitable Rise and Liberation of Niggy Tardust" durch beispielhafte Vielfalt und Reife, inhaltlich wie akustisch.