'Inertia', zusammen mit Drummer Simon Philipps produziert, stellt einen Quantensprung in der Entwicklung von Ex Dream Theater Tastenhexer Derek Sherinian dar. Er löst sich weitgehend von seinen Ursprüngen und wendet sich deutlich der Jazz-Rock Fusion im Stile der 70-er zu (etwa vom Mahavishnu Orchestra beim Titeltrack 'Inertia' oder von Al DiMeola bei 'Mata Hari'). Daß das Ganze kein bißchen angestaubt und klischeehaft wirkt (ein trauriges Markenzeichen vieler 70-er Fusion Platten), dafür sorgen die ab und an eingestreuten, krachend-scheppernden Heavy-Metal-Riffs (beigesteuert von Zakk Wylde) und die vielschichtigen Keyboard-Sounds. Solistisch hält sich Sherinian überraschend zurück, es gibt keine langen Frickelorgien, sondern kurze, brilliant-vertrackte Kleinode mit dem typischen, eher nach E-Gitarre klingenden, verzerrten Sound, den er schon auf Dream Theaters 'Once in a Livetime' zelebriert hat. Einen schönen Kontrast hierzu bietet der einzigartige, manchmal etwas zerbrechlich und weltverloren wirkende, schlanke Sound des Gitarristen Steve Lukather, der mit immer wieder überraschenden harmonischen Wendungen glänzt. Die Soli von Lukather und Sherinian bieten ein fast schon schmerzliches Maß an Emotionalität - in diesem Genre eine absolute Seltenheit. Was das Album vielen Konkurrenzprodukten voraus hat, sind die exquisiten, ideenreichen, wenn auch gelegentlich nicht ganz leicht zugänglichen Kompositionen. Extrem stark ist der jazzige Mittelteil des Albums, u.a mit einer sehr gelungenen, bluesigen Version von Mingus' 'Goodbye Porkpie Hat' und mit 'Astroglide', das rasend schnelle Keyboardläufe der Marke 'anatomisch unmöglich' bietet.
Inertia ist endlich mal wieder eines der viel zu seltenen, wirklich faszinierenden Alben, das einen die Nacht durchmachen läßt, um es 7 mal am Stück zu hören. Wer Metal und guten Jazz-Rock mag und eine wirklich rundum gelungene Synthese hören will - zuschlagen!