Neue Zürcher Zeitung
Unterhalten und aushalten Odo Marquards Lastenausgleich Was sind Texte? Texte sind «Belastungen und Belästigungen», sie sind stets Angriffe auf die «begrenzten Aufmerksamkeitsvermögen und knappen Lebenszeitbudgets» der Menschen. Odo Marquard, der dies schreibt, fasst sich in aller Regel kurz. Der Philosoph, der sich im vergangenen Vierteljahrhundert als menschenfreundlicher Transzendentalbelletrist einen Namen auch über die Grenzen seiner Gilde hinaus erschrieben hat, will seine Leser nicht über Gebühr strapazieren. Und wenn er schon ihre Aufmerksamkeit beansprucht, dann mit Texten, die nicht nur knapp gehalten, sondern auch ultrakurzweilig formuliert sind. Weil jeder Text eine Zumutung bedeutet, so Marquards feste Überzeugung, muss ein jeder eigentlich «dafür Busse tun, dass es ihn gibt». Das tut für den Text der, der ihn schreibt, indem er ihn mit Stil schreibt mit einem, der den Leser für die Lektüre entschädigt. Marquard verfügt über die nicht ganz alltägliche Gabe, Humor mit Ironie zu paaren, Kalauer mit Subtilitäten. Manches schalkhafte Wortungetüm aus der Werkstatt des Silbenstechers ist in den Wortschatz des ideellen geisteswissenschaftlichen Gesamtarbeiters eingegangen, so etwa die «Inkompetenzkompensationskompetenz». An einem solchen Langwort kann man es ablesen: Auch kleinere Stücke ergeben, wenn aneinander gereiht, ein grösseres. Marquards Essays fügen sich alle Jahre wieder zu einem mit Vorliebe gelben Bändchen. Bei Reclam liegt nun schon, wenn die Nachzählung korrekt ist, das sechste des für seine prägnante Prosa mehrfach dekorierten Autors vor: «Individuum und Gewaltenteilung». Wiederholungen und Variationen über dieselben Themen lassen sich bei einem gefragten Beiträger und Redner nicht ausschliessen. Dies umso weniger, als Marquard sich einem Programm verschrieben hat, das, selbst wenn es inzwischen wie von gestern klingt, immer von heute ist und auch morgen noch aufgelegt werden kann: Skepsis. Zu bezweifeln gibt es immer etwas. Marquard kultiviert den Zweifel, um für das Individuum und seine Eigenheiten den Sinn zu schärfen, für den Menschen und seine Gebrechen, für die Menschen und ihre fragilen Freiheiten. Der condition humaine, der Bedingung der Endlichkeit und unaufhebbaren Pluralität, entspräche, so zeigt er, eine skeptische Haltung am besten. Aber stellt sich diese Haltung, als «menschliche», auch wie von selbst ein? Bisweilen klingt es so, etwa in der Devise: «mehr merken: durch den Verzicht auf die Anstrengung, dumm zu bleiben». Ist der Witz ernst gemeint? Dass Dummheit üblicherweise gar keiner Anstrengung bedarf, kommt Marquard indes wieder in den Sinn, wenn er von einem «Gesetz der Erhaltung der Naivität» spricht. Man könnte es auch ein Trägheitsgesetz nennen, das der Dummheit einen anthropologischen Vorsprung gibt. Intelligente Skepsis ist anstrengend und will trainiert sein. Vielleicht liegt hier auch ein Grund für die Wiederholungen und Variationen, die den Eindruck erwecken, Marquards Texte seien Exerzitien (Übelmeinende könnten sagen: Litaneien). Und weil Selbstdisziplinierung schwer fällt, muss man sich dabei etwas Gutes gönnen. Odo Marquard sagt es selbst: «Der skeptische Philosoph braucht die Leichtigkeit als Form, um sich auszuhalten . . .» Wenn er unterhaltsam schreibt, dann unterhält er nicht nur andere, sondern auch und naturgemäss zuerst sich selbst. Uwe Justus Wenzel
Pressestimmen
"Das neue Werk des Gießener Philosophen, wie immer kleinformatig im Reclam-Verlag erschienen, ist ... wie alle Marquardschen Erzeugnisse ein Kleinod. ... Die Beiträge, beginnend mit 'Kleine Anthropologie der Zeit' und endend mit 'Eine Philosophie der Bürgerlichkeit', sind in der Regel erfrischend kurz, erfreuen durch Witz und artistische Wortwahl und sind für den Durchschnittsleser verständlich." -- Gießener Anzeiger "Was sind Texte? - Texte sind 'Belastungen und Belästigungen', sie sind stets Angriffe auf die 'begrenzten Aufmerksamkeitsvermögen und knappen Lebenszeitbudgets' der Menschen. Odo Marquard, der dies schreibt, fasst sich in aller Regel kurz. Der Philosoph, der sich im vergangenen Vierteljahrhundert als menschenfreundlicher Transzendentalbelletrist einen Namen auch über die Grenzen seiner Gilde hinaus erschrieben hat, will seine Leser nicht über Gebühr strapazieren. Und wenn er schon ihre Aufmerksamkeit beansprucht, dann mit Texten, die nicht nur knapp gehalten, sondern auch ultrakurzweilig formuliert sind. Weil jeder Text eine Zumutung bedeutet, so Marquards feste Überzeugung, muss ein jeder - eigentlich - 'dafür Buße tun, dass es ihn gibt'. Das tut für den Text der, der ihn schreibt, indem er ihn mit Stil schreibt - mit einem, der den Leser für die Lektüre entschädigt. Marquard verfügt über die nicht ganz alltägliche Gabe, Humor mit Ironie zu paaren, Kalauer mit Subtilitäten. Manches schalkhafte Wortungetüm aus der Werkstatt des Silbenstechers ist in den Wortschatz des ideellen geisteswissenschaftlichen Gesamtarbeiters eingegangen, so etwa die 'Inkompetenzkompensationskompetenz'. "An einem solchen Langwort kann man es ablesen: Auch kleinere Stücke ergeben, wenn aneinander gereiht, ein größeres. Marquards Essays fügen sich alle Jahre wieder zu einem mit Vorliebe gelben Bändchen. Bei Reclam liegt nun schon, wenn die Nachzählung korrekt ist, das sechste des für seine prägnante Prosa mehrfach dekorierten Autors vor: 'Individuum und Gewaltenteilung'. Wiederholungen und Variationen über dieselben Themen lassen sich bei einem gefragten Beiträger und Redner nicht ausschließen. Dies umso weniger, als Marquard sich einem Programm verschrieben hat, das, selbst wenn es inzwischen wie von gestern klingt, immer von heute ist und auch morgen noch aufgelegt werden kann: Skepsis. - Zu bezweifeln gibt es immer etwas. Marquard kultiviert den Zweifel, um für das Individuum und seine Eigenheiten den Sinn zu schärfen, für den Menschen und seine Gebrechen, für die Menschen und ihre fragilen Freiheiten." -- Neue Zürcher Zeitung