Seltsam, dass es zu diesem tiefgründigen, wichtigen, grundlegenden Werk noch keine Rezension gibt (August 2010). Dabei sind Individualität und Individualisierung (neben Kapitalismus und Globalisierung) Haupttendenzen der Moderne - Gerhardt meint: seit den antiken Denkern. Der Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin hat dazu Profundes und Nachdenkenswertes zu sagen, so dass ich hier nur einen Einwand bringen möchte, den auch schon dem Rezensenten vom Perlentaucher auffiel: Indem Gerhardt die Individualität zum Element der Welt stilisiert, erhält sein Werk eine ungute Schlagseite. Selbstverständlich ist Individualität ein Element der Welt, aber keineswegs das einzige. Sozialität ist ebenso ein Element und wahrscheinlich noch einiges mehr. Und plötzlich gibt es bei Gerhardt keine Gemeinschaft mehr, keine Masse, keine Gesellschaft, denn alle Gruppierungen werden ja aus Individuen gebildet. Die Probleme der Zurichtung des Einzelnen, der Zwang zur Einordnung und Unterwerfung, die endlosen Kämpfe zwischen den Belangen der Gemeinschaft und denen der Individuen werden vom Autor argumentativ abgedrängt. Seine absolute Wertschätzung Platons kann ich nicht nachvollziehen, und es stört den Leser Gerhardts etwas zu deutliche Polemik gegen Autoren, die nicht seine Meinung teilen. Ihnen Unkenntnis ihres eigenen Forschungsgegenstandes vorzuwerfen ist fast schon bösartig. Durch die grundsätzlich schiefe Anlage seines Werkes kann meines Erachtens kein wirklicher Erkenntnisfortschritt entstehen. Deshalb nur 3 Sterne.