Zugegeben: Ich habe Menschen kennengelernt, denen dieses Buch nicht gefallen hat. Für mich jedoch ist das Indische Nachtstück ein außergewöhnlich schönes, stimmungsvolles und tiefsinniges Buch, das ich Satz für Satz genossen habe. Dabei entbehrt die Geschichte im Grunde jeder Handlung. Das Nachtstück ist die Beschreibung einer Suche und sein Handlungsgerippe ist schnell erzählt: Einer fährt nach Indien, um jemanden zu suchen, doch als er ihn findet, hat er keine Lust mehr, ihn zu finden. Oder ist es der Suchende, der gefunden wird, aber nicht gefunden werden möchte? Kein Stoff für einen Roman, richtig, aber für ein Nachtstück eben, das man wie berauscht in einer Nacht verschlingen kann, um sich am nächsten Morgen zu ärgern, daß man sich nicht zügeln konnte und das kleine Büchlein schon ausgelesen hat. Vordergründig schildert Tabucchi eine Reise durch Indien, in Wirklichkeit aber eine Reise in die verspiegelte und verwirrende Welt menschlichen Handelns und Glaubens. Geheimnisvoll, bedrohlich, paradox und absurd ist diese Welt, in die uns Tabucchi mit klarer, präziser Sprache entführt, eine Welt der Fremdheit, aber auch der Sehnsucht.
Allerdings: Wer von der Literatur wie vom Leben stets Antworten erwartet, der wird vom Indischen Nachtstück enttäuscht. Der beigefügte Briefwechsel kann nur scheinbar Antworten geben. Als Leistsatz hat Tabucchi ihm das Paradox von Epimenides vorangestellt: "Der folgende Satz ist falsch. Der vorhergehende Satz ist richtig." Das Indische Nachtstück gibt keine Antworten. Nur als Antworten formulierte Fragen...