Viele Lobeshymnen hab ich gelesen, ich weiß nicht, von welcher Zeitschrift die letzte. Immer war es sehr intellektuell & geistreich; es war wichtig. Setz treffe den Kern einer Sache (einer Generation!!), sein Zynismus, sein Spiel sei Zeitgeist & brilliant. Es war trotzdem nicht auf meiner persönlichen Shortlist, & wäre mein Buchclub nicht gewesen, ich hätte vermutlich nie danach gegriffen. Sei's drum. "Indigo" also, das hab ich grade weggelegt, & bin... entnervt.
Schon wieder so ein intellektuelles Heißgebläse, dem man den Stempel "postmodern" aufdrückt, um es rechtfertigen zu können. Pynchon soll ich vorher lesen, um die Tragweite zu begreifen. Die ganzen Spielereien, das In-die-Irre-Führen... Ja, mei. Vielleicht versteh ich auch den österreichischen Schmäh - Augenzwinkern, Augenzwinkern -, nicht... Ja, theoretisch ist das alles möglich. Was ist aber das faktische Haben?
Setz bzw. Seitz ist (1) Mathematiklehrer in einem Institut für Kinder mit dem Indigo-Syndrom; einer Art... Krankheit, die andere Menschen krank macht (um es mal komplett zu vereinfachen); (2) ein Journalist auf der Suche nach verschwundenen Indigo-Kindern; oder (3) eine Mischung aus beiden. Dann haben wir Robert, einen ausgebrannten Dingo, ein Indigo-Twen, der keinen mehr krank macht, weil seine "Werte" im Laufe der Jahre weniger wurden, & er damit "schwächer" in seiner Brennglaswirkung. Seine Freundin hat zwar ein kleines Tablettenproblem, & vielleicht gibt es da einen Zusammenhang, aber wie auch immer. Dazwischen findet sich desweiteren die Familie Stennitzer (in deren Mittelpunkt das nächste Indigo-Kind, Christopher, steht), & noch viele andere wunderliche Charaktere, wie Ferenc bspw. (der mit dem Glühbirnenkopf). Ein bisschen SciFi, ein bisschen Fantasy, durchgemischt mit vielen popkulturellen Verweisen & Gesprächen, wie man sie in der Generation 20+ schon überall auf jeder Party mal gehört hat. Legen wir es noch als Puzzle an, dann haben wir eigentlich eine gute Geschichte. Denn alles ist mysteriös, geheimnisvoll. Man weiß nicht, woher das Indigo-Phänomen kommt; auch nicht, wohin manche Kinder plötzlich verschwinden. Warum reagieren manche Menschen so empfindlich auf Tiere (oder Tierbilder), sobald sie längere Zeit den Indigos ausgesetzt sind oder waren? Was sind das für Schwitzkuren, warum wird Setz bzw. Seitz eigentlich wirklich aus dem Institut entlassen, &c. &c. &c. Die Kette an Fragen, die sich dem Leser im Laufe der Geschichte um den Hals wickelt, ist schier endlos. Kapitel um Kapitel sucht man nach Zusammenhängen, blättert manchmal vielleicht sogar zurück, weil man glaubt, etwas Wesentliches verpasst zu haben - immer ist Setz bzw. Seitz dem Leser einen Schritt voraus.
Was ist bei der Familie Tätzel bspw. wirklich passiert? Worum geht es bei den Interferenzen?
Oder mit anderen Worten: Was hat hier etwas überhaupt mit etwas anderem zu tun?
Aktueller Zwischenstand: nichts mit gar nichts.
Oder anders: Es ist alles ein großer Scherz, ein Augenzwinkern.
Natürlich sind Robert, eine Fiktion in der Fiktion, & Setz bzw. Seitz sich jeweils Spiegelbilder. Der eine malt Tierbilder, dem anderen wird davon schlecht. (Was mich übrigens an "Do Androids Dream of Electric Sheep?" von Philip K. Dick erinnerte, wo vermeintliche Menschen als Androiden entlarvt werden, weil sie unter anderem nicht genügend bzw. keine Empathie für (ausgestorbene) Tiere aufbringen können - auch das ein Querverweis? Möglich). Auch Roberts Freundin Cordula & Setz' bzw. Seitz' Freundin Julia sind sich Spiegelbilder, allerdings wiederum verdrehte (auch Cordula wird schlecht vom Anblick von Tieren während Julia in einem Tierheim arbeitet & manchmal sehr präzise Schilderungen von den Tieren gibt). Alles eine Frage des Mitleids? Eine Infrage-Stellung unserer Gesellschaft, in der gerade Empathie oft Mangelware ist? Immerhin: was täten wir mit Kindern, die so eine Symptomatik aufweisen?
Okay, gekauft. Meinetwegen, da gibt es also eine Meta-Ebene, & die funktioniert sogar in ihrer Vielschichtigkeit. Zumindest bis zur eigenen Grenze - zur Distanz, welche die Menschen im Buch zu den Kindern halten bevor sie krank werden. (Oder im umgekehrten Fall: zu Setz bzw. Seitz, der krank von anderen Menschen wird - egal, ob mit oder ohne Indigo-Syndrom). Aber muss das denn alles bitte so wirr sein?
Es ist nicht so, dass ich die Dialoge verdamme - sie sind ihrer stottrigen Fasrigkeit sehr realistisch -, oder das Zusammensuchen von Fragmenten (ich liebe "Die wilden Detektive" von Roberto Bolaño, oder "Leben Gebrauchsanweisung" von Georges Perec, wie könnte ich Puzzle also NICHT lieben?), sondern viel mehr die Plotentwicklung als solche. Dem Leser werden Fragmente gegeben & mit denen soll man spielen. Gesagt, getan. Am Ende aber bleibt nichts als ein Fragment zurück, & dieses will einfach nicht so recht passen. Es fiel mir schwer, mich auf "Indigo" zu konzentrieren; am Anfang, als die Erzählung konstant sein wollte, interessierte mich das Thema - bis zur halben Strecke, dann las ich aus Neugier. Bis zu den letzten zwei Teilen, da dann nur noch aus Verzweiflung, weil ich schon ahnte, dass es kein Ende geben würde. Zu oft spielt Setz bzw. Seitz auf offene Enden an (die Frauen in Brooklyn sind nur eine Episode von vielen).
Keiner der Momente will wirklich schlüssig sein - Spiegelbilderlogik hin oder her. Zu viel wird gequasselt & mit Bedeutung aufgeladen, nur um eine Seite weiter gegen die nächste Wand zu fahren; alles führt in die Übelkeit, ins Absurde. Ein Panorama ohne Grenzen. Das nennt man dann postmodern, & schon klatscht die Meute Applaus... ? Ich meine... ernsthaft? Will mir jetzt wirklich einer erzählen, der Sinn des Buches liege im Rätselraten auf das es keine Antworten geben kann, weil sie nicht im Buch sind? Seriously? & das funktioniert?
Ich für meinen Teil sitze jetzt neben dem zugeschlagenen Buch & frage mich, was es für mich bedeutet hat. Ein Puzzle darf offene Enden haben, ein surreales Bild darf mich verstören - beides schlüssige Argumente. Beide treffen aber auf "Indigo" nicht zu. Nicht für mich. Es ist nicht so, dass ich auf Erklärungen gewartet habe, auf Knoten in offenen Enden, o Gott nein. Dass sich ein Indigo im privaten Häuschen auf dem Grundstück der eigenen Eltern erhängt? Ja, das ist plausibel, das mag ich. Auch die Entwicklung einzelner Charaktere - wie Cordula, die Robert beglückwünscht, als er sie mit einem gezielten Schlag zur Trennung bringt, &c.
Ich mag das Gefühl nicht, dass mir als Leser damit vermittelt werden soll: das hier, das ist der postmoderne Roman, & so ist er beschaffen. Schau an, da läuft er über vor lauter Intelligenz. Wir haben Themen von 100 Jahren Kultur verpackt auf 475 Seiten; unsere Gesellschaft ist dies & das, & von allem zu wenig... La-ti-da. Okay... Ja, gut, dann, also... äh. Wenn das der postmoderne Roman ist, dann warte ich tatsächlich lieber auf die nächste Epoche, danke. Am Ende nämlich, da bleibt mir nichts - kein Mitgefühl für die Charaktere, kein Aha-Effekt der Rätsel wegen, kein - Nichts. Ich habe ein paar Tage mit diesem Buch zugebracht & mich zugegebenermaßen mitreißen lassen von der anfänglichen Geschwindigkeit; dass das jetzt aber ein "schlaues" Machwerk sein soll, dessen Bosheit auch noch mit Nabokov verglichen wird, empfinde ich fast schon als Beleidigung. Dieses Infrage-Stellen, das Rätselraten ist kein konstruktives, es führt nirgends hin. Daher... nein, für mich ist dieses Buch nicht mal ein Achtel seines Hypes wert.