HIer handelt es sich um einen mehr als ungewöhnlichen Bucherfolg. Der gesamte Text beträgt nur 14 Seiten (der oft zitierte größere Umfang erklärt sich aus einem Anhang des Herausgebers und einem Vorspann: Der eigentliche Text reicht von einschließlich S. 9 bis 22).
Der Autor hat schon gleich im ersten Satz die Sympathie des Lesers, wenn er von sich selbst schreibt: "93 Jahre. Das ist so ziemlich das Ende der Strecke" Dann folgt ein Text, in dem er vor allem die jüngere Generation zum Widerstand aufruft. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die Ideale der französischen Résistance, die in einer gemeinsamen Charta noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs eine freiheitliche und soziale Gesellschaftsordnung ausrief (soziale Absicherung für alle). Der Autor stellt die Gegenwart diesem Ideal gegenüber. Was nun folgt ist eine Kritik an der Verteilung des Wohlstandes (Riesengehälter der Bankvorstände, Kürzung der Sozialleistungen etc.), an der aggressiven Politik der ehemaligen Regierung von Präsident Bush und an der israelischen Aggressionspolitik. Der kurze Streifzug endet im Aufruf: Widerstand leisten, das heißt kreativ zu sein. Das war's!
Kein Argument ist neu, keine Einsicht verblüfft den kritischen Zeitungsleser und keine These ist so differenziert, dass man sich argumentativ mit ihr auseinandersetzen könnte: Die Kritik an der Verteilung des Wohlstandes trifft natürlich auf einer ethischen Ebene zu; nur: Auch die französische Regierung wird sich gegen die Gier der internationalen Märkte nicht abschotten können, will sie nicht schlicht die Abwanderung von Unternehmen und Arbeitsplätzen riskieren. Mit dem Schlagwort "Too big to fail" ist ein Teil des Problems für die Finanzkrise auf den Punkt gebracht worden. Auf internationaler Ebene sind die jeweils erfolgreichen Volkswirtschaften auch nicht bereit, durch gesetzliche Regelungen ihren Boom zu einem Ende zu bringen. Weil fehlender Anstand und Unvernunft ebenso eine Konstante im menschlichen Leben sind wie die positiveren Seiten, erscheint die vorliegende Kritik gut gemeint, sie findet aber keinen Hebel, an dem sie konkret ansetzen könnte und wirkt eher auf einer emotionalen Ebene; zum Nachdenken regt sie nicht an.
Versucht man sich daher den Erfolg zu erklären, so hat das Buch wohl aus französischer Sicht etwas Nostalgisches und Rührendes: Bei allen Härten hatte die Résistance doch ein klares Feindbild und einen klar definierten Auftrag. Heute weiß man nicht, wogegen überhaupt gekämpft werden soll. Die Studenten, die in Deutschland gegen Bachelor und Master-Programme (Bologna!) zu Felde zogen, hatten in ihrer Kritik sicher recht. Doch diese verpufft an der Komplexität der Systeme gegen die sie anrannte: Haushaltszahlen werden genannt, Ausgaben für die Bildung stolz herausgestellt und um 2,5% erhöht; nur: Es bessert sich nicht wirklich etwas! Das lässt wohl jeden sensiblen Beobachter gelegentlich ohnmächtig verzweifeln und ausrufen: Lasst Euch dies nicht gefallen! Aber das weiß man ja bereits!
Ich will am Ende nicht verschweigen, dass der zornige ältere Herr, der hier spricht, persönlich für einen Anstand und eine innere Integrität steht, die leider in der Öffentlichkeit selten geworden ist. Deshalb habe ich den Kauf des Buches nicht bereut.