Professor Rothermund ist einer der, wenn nicht der angesehenste Indienkenner in Deutschland. Deshalb hatte ich mir von seinem neuesten Indienbuch einen aktuellen, ausgewogenen Überblick zu Indien erhofft. In dieser Erwartung wurde ich leider enttäuscht. Das Buch wirkt, als wäre es mit Hilfe von 'copy and paste' aus früheren Werken des Autors, Regierungspapieren und Zeitungsartikeln zusammengefügt worden, worauf auch die Anmerkungen im Anhang hindeuten. Wichtige Themen werden kaum oder gar nicht behandelt, z.B. das Verhältnis zwischen Hindus und Moslems sowie die damit verbundenen gewaltsamen Auseinandersetzungen(z.B. Ayodhya 1992/Mumbai 1993, Gujarat 2002) und Terror-Anschläge, die Indien in den letzten Jahren erschütterten, aber auch das Naxalitenproblem, das Ministerpräsident Manmohan Singh als die größte Sicherheitsherausforderung des Landes bezeichnete. Im aussenpolitischen Teil wird über die Beziehungen zu den Nachbarstaaten außer Pakistan und China praktisch nichts gesagt, ebensowenig über die (unzureichende) regionale wirtschaftliche Integration in Südasien, die für alle Staaten der Region von großer Bedeutung sein könnte. Die Ratschläge des Autors an die indische Regierung erscheinen ebenso deplaziert wie die bemühte Eindeutschung geographischer Bezeichnungen (z.B. Panjab anstatt Punjab). Insgesamt scheinen mir Ramachandra Guhas 'India after Gandhi' und Edward Luces 'In Spite of the Gods' umfassendere, ausgewogenere, vor allem aber besser lesbare Einführungen in Geschichte und Gegenwart Indiens zu sein.