Vorab sei gesagt: im Gegensatz zu den Romanen von Rob MacGregor und Wolfgang Hohlbein sind die vier Max McCoy Bände nicht unbedingt zu empfehlen. Dazu weisen sie zu viele handwerkliche Schwächen auf, die in diesem Fall eine Unkenntnis des "Indy-Prinzips", historische und geographische Wissenslücken sowie literarischen Know-Hows für ein Abenteuerbuch bedeuten.
"Das Geheimnis der Sphinx" verfehlt den Indiana Jones Charme um Einiges (allerdings nicht so katastrophal wie "Hyänen des Himmels"), versucht aber hin und wieder das durchscheinen zu lassen, was wir an Indy schätzen: situationsgebundene Komik, abenteuerliche Action, mystische Elemente, historische Details und neue zwischenmenschliche Beziehungen mit Spannungspotenzial.
Leider bleibt es nur bei den Versuchen. Der seltene Humor liest sich aufgesetzt, lässt allenfalls ein einzeiliges Lächeln über den Mund des Lesers gleiten. Das Abenteuerfeeling durch Verfolgungsjagden, Einer-gegen-Einen-Kämpfe im klassischen Stil und dem Auseinandersetzen mit tödlichen Fallen bleibt im Ansatz stecken. Zu unausgeprägt sind die imaginativen und kommunikativen Fähigkeiten des Autors, so dass man an einigen Stellen auch nach mehrfachem Zurückblättern und Lesen (ich habe sogar vergeblich versucht, eine Skizze der Umgebung zu erstellen!) einfach kein klares Bild der Vorgänge bekommt. Diese Bemerkung zielt insbesondere auf die chinesische Grabanlage der Einleitung ab, die Schwäche aber findet sich als störender Faktor aber durchweg im gesamten Text.
Zudem ist besagtes Grab an einem wirklich Ort (Berg Huashan in der chin. Provinz Shaanxi) gelegen, so dass man erwarten möchte, der Autor halte sich bei seiner Beschreibung an die tatsächliche Umgebung. Weit gefehlt: Der Autor lässt sämtliches Wissen über den Berg und die Natur, in der er eingebettet ist, missen. Die Handlung kann sich am Originalschauplatz aus natürlichen Bedingungen so nicht abgespielt haben und trägt zusätzlich zur schwierigen imaginativen Bildgebung und zum Verständnis der Geschehnisse bei.
Die geographischen und historischen Unkenntnisse setzen sich weiter fort, wenn Indy sich einem Trupp japanischer Soldaten an oben erwähntem Einleitungsschauplatz gegenüber sieht. Ganz abgesehen von der Frage, von welchem Interesse die felsige und militärisch völlig unbedeutsame Region für die kaiserliche Armee sein sollte, so dass sie sich in mehrere hundert Meter Höhe verirrt hat, muss man den Handlungszeitpunkt berücksichtigen. 1934 befand sich China noch nicht im zweiten Krieg mit Japan. Die einzigen Konflikte der Zeit spielten sich in der küstennahen Region von Shanghai ab, aber keinesfalls so weit im Inland.
Die Einleitung spielt also an einem Ort, über den der Autor keine Kenntnis hat; erwähnt Charaktere, die nicht auftreten dürfen; schildert eine Handlung, die auch nach mehrmaligem Lesen nicht nachvollziehbar ist; und ist - von alldem abgesehen - inhaltlich nicht einmal sonderlich kreativ oder spannend: "Grabmal des Grauens" hat in meinen Augen einen Beigeschmack von Clichéehaftigkeit, der sich im weiteren Verlauf bestätigen soll. Ist es einmalig vertretbar, unseren Abenteurer ein märchenhaftes, fallengespicktes Grab aufzusuchen, muss das die Ausnahme sein. Tatsächlich aber tingelt Indy in der zweiten Hälfte des Buches erneut an tödlichen Fallen vorbei; diesmal ägyptischer Bauart - sehr abwechslungsreich!
McCoy beschreibt aber nicht nur Ägypten und China von 1934 (mehr oder weniger, s.o.), sondern auch Indien und seine Umgebung. So bemerkt Indiana Jones bei der Ausreise aus Indien per Zug: "Das Problem ist, dass, sobald wir die pakistanische Grenze erreichen - [...] je nach Glück und den Tücken des indischen Eisenbahnsystems - die Schienen enden." Indy scheint mit einer gewaltigen Verspätung zu rechnen, entsteht Pakistan doch erst als Folge der indisch-muslimischen Spannungen nach Ende der britischen Kolonialherrschaft - 1947.
Es hat zuvor auch nie einen Staat oder eine Region mit dem Namen "Pakistan" gegeben. Die Gandhi-Geschichte sollte sogar McCoy kennen...
An dieser Stelle wollte ich das Buch eigentlich weglegen. Aber wie das so ist, wenn ich erst einmal ein Buch oder Film anfange, habe ich doch noch, mit innerlichem Abstand, weitergelesen. "Dann ist das Buch eben nicht absolut realistisch - es ist eben ein fantasievoller Abenteuerroman!" - und tatsächlich trug mich diese Einstellung sogar mit einem Stück leichter Unterhaltung bis zum Ende der Geschichte.
Zum Ende? Hätte es McCoy mal dabei belassen! Stattdessen greift er einen Handlungsstrang auf, der absolut aus dem vorherigen Kontext gerissen ist. Er passt weder inhaltlich noch stilistisch zum "Geheimnis der Sphinx", sondern behandelt einen Gegenstand, den Indy unter Einbeziehung transzendentaler Erfahrung, durch die halbe Welt trägt. An sich ist das nicht verwerflich, kennt der erfahrene Leser das doch bereits von Rob MacGregors "Omphalos" (jenem mystischen Stein, den Indy am Orakel von Delphi findet). Jedoch wartet jeder MacGregor-Roman mit einer(!) geschlossenen Handlung auf, die auch genossen werden kann, wenn man die Vorgänger nicht kennt. McCoy jedoch trennt dieses Element völlig ab und hängt seinem Roman noch ein episodenartiges Geschichtchen an, das dort so einfach nicht hingehört.
Doch auch mit dessen Ende liegen noch einige Seiten vor dem Leser, bevor er das Buch endlich schließen (und zu Hohlbein oder MacGregor greifen) darf. Ein Text mit so sorgfältig recherchiertem Inhalt benötigt natürlich noch ein ausführlich elaboriertes Nachwort zum Wesen der Magie und der Motivation des Autors!
Also ehrlich, wenn mich eine Geschichte dazu anregt, mehr über ihre mythologischen und spirituellen Hintergründe erfahren zu wollen, dann besorge ich mir entsprechende Literatur (die auf ihrem Gebiet auch eine Referenz darstellt und nicht von einem Laien geschrieben ist) und reflektiere diese Gedanken bei einem Glas Wein. Diese Nachrecherchen sprechen bei mir übrigens immer für ein gutes Buch. Davon kann in diesem Fall nicht die Rede sein.
Fazit: Wer Abenteuerromane über einen weltreisenden Archäologen schreibt, deren Schwerpunkt neben handwerklichem Können (Kreation eines Spannungsbogens) auf historisch-mythologischen und geographischen Inhalten liegt, benötigt zumindest ausreichende Sachkenntnis der im Kontext angerissenen Wissensgebiete. Max McCoy versagt dabei nahezu auf ganzer Linie und kann als einzigen Pluspunkt mit recht interessant gestalteten, aber nicht wirklich in ihrem Potenzial genutzten, Charakterideen und einigen seichten Unterhaltungspassagen aufwarten.
Somit ist "Das Geheimnis der Sphinx" einfach nicht dem Indiana-Jones-Standard angemessen und nur Sammlern für die Vollständigkeit der Roman-Reihe zu empfehlen.