Incubus


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„Erfolg ist ein teuflisches Opiat. Ein schneller und berauschender Drink, der dir erst ganz smooth runtergeht, dann aber anfängt, in deiner Kehle zu brennen und dich komplett durchzuschütteln – und am nächsten Tag bist du komplett im Eimer“, erklärt Brandon Boyd. Und der Kalifornier weiß ziemlich gut, wovon er da spricht. Als Sänger und Frontmann der Band Incubus veröffentlichte der 35-jährige in den vergangenen sechzehn Jahren fünf Studioalben, die sich bis dato weltweit mehr als fünfzehn Millionen Mal verkauften. Im Juli 2011 erscheint fünf lange Jahre nach dem US-Nummer-Eins-Album „Light ... Lesen Sie mehr

„Erfolg ist ein teuflisches Opiat. Ein schneller und berauschender Drink, der dir erst ganz smooth runtergeht, dann aber anfängt, in deiner Kehle zu brennen und dich komplett durchzuschütteln – und am nächsten Tag bist du komplett im Eimer“, erklärt Brandon Boyd. Und der Kalifornier weiß ziemlich gut, wovon er da spricht. Als Sänger und Frontmann der Band Incubus veröffentlichte der 35-jährige in den vergangenen sechzehn Jahren fünf Studioalben, die sich bis dato weltweit mehr als fünfzehn Millionen Mal verkauften. Im Juli 2011 erscheint fünf lange Jahre nach dem US-Nummer-Eins-Album „Light Grenades“, das mit „Love Hurts“ den bis dato größten Incubus-Hit hervorbrachte, endlich ein neues Werk der Band. Der programmatische Titel: „If Not Now, When?“. Der Produzent: Brendan O’Brien, unter dessen Regie zahllose Klassiker entstanden, darunter essentielle Alben von Bruce Springsteen, Rage Against The Machine, Pearl Jam, AC/DC und Billy Talent.

Und wer könnte die Entstehung, den Inhalt und die Motivation, die hinter dem langerwarteten, sechsten Incubus-Album steht, besser erklären als Brandon Boyd selbst. Hier ist, was er zu „If Not Now, When?“ zu sagen hat.

„Wir alle hören gerne eine gute Erfolgsgeschichte, oder? Interessanterweise sind es aber nicht die ‚guten‘ Dinge, die eine Story ‚gut‘ machen. Nein. Es sind die negativen Elemente, bei denen wir unsere Ohren spitzen. Und genau das ist die Tragödie, die unserem allgegenwärtigen Streben nach Aufmerksamkeit inne wohnt. Ich bin Mitglied einer Band namens Incubus. Wir sind alle gleich alt und haben 1991 mit unserer Band angefangen. Unsere Geschichte ähnelt vielen anderen Erfolgsgeschichten. Sie hat Gipfel und Täler, sie ist voller Mühsal und Triumphe, schwindelerregender Höhepunkte und tiefster Tiefpunkte. Aber es waren nicht die schlimmen Dinge unserer Story, die die Neugier der Menschen weckte und über all die Jahre aufrecht erhielt. Um ganz ehrlich zu sein: ich bin mir nicht genau sicher, warum die Leute sich schon so lange für uns interessieren. Mir gefällt der Gedanke, dass es an der Musik liegt, die wir machen und mit der Welt teilen. Dass wir bei den Menschen an bestimmten Momenten in ihrem Leben einen Nerv getroffen haben, so dass sie durch bestimmte Songs an nicht ganz so weit zurückliegende Zeiten erinnert werden, in denen Ereignisse und Wendungen in ihrer eigenen Biographie im Einklang mit unseren Texten und Rhythmen standen. Sounds, die in Symmetrie mit der Psyche eines Menschen mäandern, wie in jenen seltenen Momenten, wenn dein Körper und dein Schatten sich an der Wand deckungsgleich übereinander legen. Wenn also die Musik der wahre Auslöser für unsere (jetzt wieder) voranschreitende Erfolgsgeschichte ist, dann kann man sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Möglicherweise sind wir Wanderer, die von der Droge genascht haben - wir kicherten und wunderten uns über die Kaleidoskop-Muster, die sie hervorrief. Aber als wir am folgenden Tag erwachten, schüttelten wir sie ab und machten uns wieder auf den Weg.

Noch leicht verkatert vom vorabendlichen Um-die-Häuser-Ziehen beschlossen wir, dass es nun höchste Zeit war, Songs für eine neue Platte zu schreiben. Fünf Jahre waren seit der Veröffentlichung von ‚Light Grenades‘, unserem letzten Album, ins Land gegangen und uns alle juckte es gewaltig, ‚uns mal wieder ordentlich einen reinzuziehen‘. Nachdem wir ungefähr drei Songs geschrieben hatten, dämmerte uns allerdings, dass wir hier etwas völlig Neues ans Tageslicht befördert hatten. Aufgeregt machten wir uns daran, dem neuen Kaninchen soweit in das Wurmloch hinein zu folgen, wie uns nur möglich war. An einem bestimmten Punkt innerhalb dieses kreativen Vagabundierens wurde uns bewusst, dass bestimmte kreative Mantras wieder auftauchten, bewusst und unbewusst. Worte wie ‚Wirtschaft‘, ‚Eleganz‘, ‚Raum‘ und ‚Zurückhaltung‘ schlichen sich wieder in unsere Gespräche. Begriffe, mit denen wir in der Vergangenheit bereits gespielt hatten, aber noch nie vorsätzlich und so selbstbewusst.

Träufele ein Prise Laune und eine Messerspitze Psychedelia in den Kessel, lass es ein paar Monate im Aufnahmestudio vor sich hin schmoren und am Ende kommt dies hier dabei heraus: ‚If Not Now, When?‘. Unser romantischer, musikalischer Liebesbrief an die Welt. Er ist dunkler, langsamer, reichhaltiger, raffinierter und aufwändiger als alles, was Incubus bislang veröffentlich haben. Und ich bin sehr glücklich, es mit euch allen zu teilen. All die Jahre hatten Incubus nach Möglichkeiten gesucht, eine Balance zwischen den Optionen zu finden, die das Songwriting bietet. Ich glaube, dass wir seit vielen Jahren nach etwas Anderem gesucht hatten. Nach etwas Neuem für die Welt – und für uns als Band. Und wir beschlossen, dass unser sechstes Studioalbum ‚If Not Now, When?‘ genau dies sein sollte.

Die Tonalität des Albums haben wir beim Titelsong festgelegt. Wenn man irgendwann, irgendwo im Wasser rührt, dann setzten von dieser Stelle aus Wellen in alle Richtungen in Bewegung. Wunderschön, symmetrisch und unaufhaltsam pulsierend, nach außen, immer weiter. Die Wellen legen unzählige Meilen zurück und treffen irgendwann auf flaches Gewässer. Dann kommt das triumphierende Finale: das Brechen der Welle, nachdem sie tausende von Meilen an Fahrt aufgenommen hat. Sie spannt einen Bogen in die Zukunft; die Welle ist kurz davor zu brechen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist ein einzigartiges Ereignis in Raum und Zeit, das sich nie wiederholen wird. Jetzt. Jetzt. Jetzt.

Unsere erste Single ‚Adolescents‘ ist möglicherweise der am vertrautesten klingende Incubus-Song auf dem neuen Album. Er beginnt mit Michaels unverkennbarem und unnachahmlichem Gitarrenspiel, und geht in eine Art betrunkenen Walzer über. Der Gedanke schafft sich Raum, dass wir kollektiv kurz vor unserer kulturellen Teenagerzeit stehen. Man hat das Gefühl, als wenn es uns schon immer gegeben hätte. Uns, meine ich. Die Menschen. Kultur. Aber man muss lediglich einen Blick in die biologischen Akten der Erde werfen, um zu begreifen, dass WIR noch recht neu sind! Und die Veränderungen, die wir in unserem komplexen, kleinen Spiel beobachten können, sind denjenigen, die man als Heranwachsender erlebt, nicht ganz unähnlich.

‚Promises, Promises‘ ist unsere Hommage an die Popsongs von ‚yester-morrow‘. Bezug nehmend auf die verdientermaßen allgegenwärtigen Künstler der Generation unserer Eltern, versuchen wir hier, eine Art ‚kunsthandwerkliche Uhr‘ anzufertigen. Ein Teil, das geschmeidig vor sich hin tickt, auf der Basis seines guten Designs, seiner Schönheit und Einfachheit. In dem Song geht es um ein junges Mädchen, das nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen resigniert und den Weg des geringsten Widerstandes einschlägt. Um die Schmerzen zu vermeiden, die Intimität und Nähe mit sich bringen, lässt sie sich nur auf oberflächliche Affären ein. Doch dann trifft sie jemanden, dem sie mit allem, was sie hat, vertrauen kann: mit ihrem Herzen. Doch nachdem sie jahrelang davor davon gelaufen ist, kann sie kaum noch erkennen, wie das Wahre aussieht.

‚Friends And Lovers‘ ist ein Lied, von dem ich immer hoffte, dass wir es irgendwann schreiben können. Ich glaube, es ist bis dato mein Lieblingssong. Es trifft den Kern unserer kulturell geprägten Wahrnehmungsunterschiede, was Beziehungen angeht und wie Liebe aussehen soll. Es wendet sich gegen seit Ewigkeiten gültige Auffassung bezüglich Liebe und Intimität und stellt schlicht fest, dass Freunde die besten Liebenden sind. Und dass Liebe in der Tat aus Freundschaft entspringen und unsere vorgefassten Ansichten überdauern kann: wie es auszusehen hat, wie es sich anfühlen soll und wie lange es andauert. Filme und Religion haben unser Bild dieses wichtigsten Themas weitestgehend definiert. Und mit diesem Song wollte ich versuchen, meine Vorstellung von moderner Liebe darzulegen.

‚Tomorrow’s Food‘ wurde vor ca. zwei Jahren geschrieben. Damit war es der erste Song, der für dieses Album entstand. Auch hier zeigt uns Michael wieder einmal seine tiefe Musikalität. Das Stück ist ein ‚Sound-Quilt‘, der uns umhüllt und an dessen Wärme und den vielen Möglichkeiten, die er uns bietet, wir uns laben. Textlich nehme ich ausdrücklich Bezug auf ein Zitat des Philosophen Ken Wilbur aus ‚A Bief Hisory Of Everything‘: „Keine Epoche ist letzten Endes privilegiert. Wir sind die Nahrung von Morgen. Der Prozess geht weiter. Und der Geist an sich findet sich im Prozess selbst, nicht in einer bestimmten Epoche, oder Zeit oder an einem bestimmten Ort.“ Niemals hat jemand so eloquent, so kurz und bündig in Worte gefasst, wie ich das Erwachsenwerden sehe. Das Erreichen der Mitte Dreißig. Nachdem ich dieses Zitat gelesen hatte und Zeuge des Ziehen und Stoßens zwischen dem Alten und dem Neuen wurde, dem Jungen und dem Nicht-ganz-so-Jungen, sah ich die inherente Schönheit und die Weisheit in diesem Prozess. Und ich schrieb einen Song darüber. Nach Ansicht dieses Berichterstatters befinden wir uns inmitten gewaltiger Umwälzungen. Kulturell, ethisch, künstlerisch, technologisch, intellektuell, philosophisch und spirituell. Eigentlich so gut wie alle „-ells“. Derartige Veränderungen gab es bereits zuvor – natürlich mit anderen Details und Ergebnissen. Und es wird wieder passieren. Absolut. Das neue Element in der Sache ist, dass wir uns der Umwälzungen bewusst sind. Das Bewusstsein, dass es nie ein ‚Ende der Welt‘ geben wird. Lediglich den Prozess und die Wahl, Zeuge oder Akteur zu sein. Was wie das Ende der Welt anmutet, ist das demütigende Gefühl, wenn man begreift, dass eine neue Ideenwelt die Ideen deiner Generation verdrängt hat. Verwirrt und bestürzt von der Art und Weise, ‚wie die Dinge so laufen‘, kann man gar nicht anders als denken, dass alles den Bach runter geht – und dass du kämpfen musst, um das zu erhalten, was du aufgebaut hast. Was aber tatsächlich stattfindet, ist eine notwendige Weiterentwicklung. Die Übergabe des kollektiven Staffelholzes. Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Als wir unser erstes Album ‚S.C.I.E.N.C.E.‘ aufnahmen und veröffentlichten, waren wir kleine Jungs, die vor Enthusiasmus und Energie fast platzten. Wir waren zuvor nie auf Tour gewesen, hatten nie vor einem anderen Publikum gespielt als vor Familienmitgliedern und Freunden. Und plötzlich fanden wir uns auf Konzertreise durch die USA und Europa wieder, fast nonstop zwei Jahre lang, auf der Suche nach… Rock and Roll? Als wir ins Stottern gerieten und wieder nach Hause krochen, waren wir erschöpft. Seltsamerweise aber auch voller Inspiration. Wir begannen damit, Songs für unser Follow-Up ‚Make Yourself‘ zu schreiben – ein Album, bei dem wir uns nach Fertigstellung selbst am Kopf kratzen mussten. Denn nachdem wir mit dem Vorgänger ungewollt ein neues, musikalisches Subgenre ins Leben gerufen hatten, schien es recht unlogisch, dass wir ein Rock and Roll Album aufgenommen hatten, voller Melodien, durchdacht (sowohl musikalisch als auch textlich), und mit – Gott bewahre – Singles! (könnte man hier Bewegtbilder einfügen, so würde ich schnell Godzilla hinein editieren, der irgendwo eine Stadt dem Erdboden gleich macht. Menschen, die in Panik in alle Richtungen davon rennen und ein paar Unerschrockene hier und da, die auf die teuflische, prähistorische Kreatur aus der Tiefe zeigen). ‚Make Yourself‘ wurde bei den Fans, die wir eben erst für uns gewonnen hatten, mit einiger Erschütterung aufgenommen. Wir hatten eine unerwartete Kehrtwende vollzogen. Wir wurden stellenweise sogar etwas nervös und fragten uns, ob wir einen Fehler begangen hatten, als wir uns auf unseren Instinkt verließen und ‚Song orientierter‘ arbeiteten. Doch einige Monate nach der Veröffentlichung wurde die Sache langsam doch zum Erfolg. Mit der Betonung auf ‚langsam‘. Langsam, aber sicher. Letzten Endes hatte uns unser kreativer Instinkt die richtige Richtung gewiesen. Es war ein Kompass mit einer sich schlängelnden Nadel, aber es war ein guter.

Mit ‚If Not Now, When?‘ schließt sich nun dieser langsame Bogen. Die Welle, die seit so langer Zeit unterwegs war, ist im Begriff zu brechen. Eine Kraft, die in der Lage ist, gleichermaßen Schönheit und Zerstörung zu verursachen, ist durch ihre Einzigartigkeit bemerkenswert - weil sich das Ereignis nicht wiederholen wird. Wellen brechen vor ihrer Zeit, Wellen werden danach brechen, aber jede einzelne ist eine individuelle Leinwand. Diese ist unsere. Eure und meine.

Nun, wenn Erfolg eine Droge ist, dann sind Incubus ein funktionierender Abhängiger. Ich weiß, wie banal es klingt, wenn man seinen eigenen Erfolg kommentiert, aber ich sehe unsere Sucht als eine kollektive. Ihr habt uns ermöglicht, soweit zu kommen und was wir innerhalb dieses Prozesses erschaffen haben, wird noch für lange Zeit für Gesprächsstoff sorgen. Wenn ich sage: ‚WIR‘, dann meine ich euch und mich. Uns alle. Dies ist letztendlich eine Konversation, die in den frühen Neunzigern begonnen hat und die bis heute andauert. Ein Spaziergang, der uns einen gewunden Pfad entlang führt, durch zahlreiche Landschaften und über weites Gelände. Natürlich tun uns die Knochen weh, unsere Hunde kläffen, unsere Schuhe sind voller Löcher und wir sehen ohne Hemd und T-Shirt nicht mehr ganz so gut aus wie früher - doch das bedeutet nicht, dass wir nicht weitergehen werden. Und dabei mit euch sprechen werden. Langsam denke ich, dass Erfolg weniger ein Opiat ist als vielmehr ein Übergang zum guten Teil einer Konversation.

Bis bald, Jungs und Mädchen. Wir lieben es, Musik zu machen und fühlen uns dankbar und gesegnet, dass ihr uns eure Aufmerksamkeit schenkt – heute und hoffentlich auch morgen.

Cheers,

Brandon Boyd”

Diese Biografie wurde von den Künstlern oder deren Vertretern bereitgestellt.

„Erfolg ist ein teuflisches Opiat. Ein schneller und berauschender Drink, der dir erst ganz smooth runtergeht, dann aber anfängt, in deiner Kehle zu brennen und dich komplett durchzuschütteln – und am nächsten Tag bist du komplett im Eimer“, erklärt Brandon Boyd. Und der Kalifornier weiß ziemlich gut, wovon er da spricht. Als Sänger und Frontmann der Band Incubus veröffentlichte der 35-jährige in den vergangenen sechzehn Jahren fünf Studioalben, die sich bis dato weltweit mehr als fünfzehn Millionen Mal verkauften. Im Juli 2011 erscheint fünf lange Jahre nach dem US-Nummer-Eins-Album „Light Grenades“, das mit „Love Hurts“ den bis dato größten Incubus-Hit hervorbrachte, endlich ein neues Werk der Band. Der programmatische Titel: „If Not Now, When?“. Der Produzent: Brendan O’Brien, unter dessen Regie zahllose Klassiker entstanden, darunter essentielle Alben von Bruce Springsteen, Rage Against The Machine, Pearl Jam, AC/DC und Billy Talent.

Und wer könnte die Entstehung, den Inhalt und die Motivation, die hinter dem langerwarteten, sechsten Incubus-Album steht, besser erklären als Brandon Boyd selbst. Hier ist, was er zu „If Not Now, When?“ zu sagen hat.

„Wir alle hören gerne eine gute Erfolgsgeschichte, oder? Interessanterweise sind es aber nicht die ‚guten‘ Dinge, die eine Story ‚gut‘ machen. Nein. Es sind die negativen Elemente, bei denen wir unsere Ohren spitzen. Und genau das ist die Tragödie, die unserem allgegenwärtigen Streben nach Aufmerksamkeit inne wohnt. Ich bin Mitglied einer Band namens Incubus. Wir sind alle gleich alt und haben 1991 mit unserer Band angefangen. Unsere Geschichte ähnelt vielen anderen Erfolgsgeschichten. Sie hat Gipfel und Täler, sie ist voller Mühsal und Triumphe, schwindelerregender Höhepunkte und tiefster Tiefpunkte. Aber es waren nicht die schlimmen Dinge unserer Story, die die Neugier der Menschen weckte und über all die Jahre aufrecht erhielt. Um ganz ehrlich zu sein: ich bin mir nicht genau sicher, warum die Leute sich schon so lange für uns interessieren. Mir gefällt der Gedanke, dass es an der Musik liegt, die wir machen und mit der Welt teilen. Dass wir bei den Menschen an bestimmten Momenten in ihrem Leben einen Nerv getroffen haben, so dass sie durch bestimmte Songs an nicht ganz so weit zurückliegende Zeiten erinnert werden, in denen Ereignisse und Wendungen in ihrer eigenen Biographie im Einklang mit unseren Texten und Rhythmen standen. Sounds, die in Symmetrie mit der Psyche eines Menschen mäandern, wie in jenen seltenen Momenten, wenn dein Körper und dein Schatten sich an der Wand deckungsgleich übereinander legen. Wenn also die Musik der wahre Auslöser für unsere (jetzt wieder) voranschreitende Erfolgsgeschichte ist, dann kann man sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Möglicherweise sind wir Wanderer, die von der Droge genascht haben - wir kicherten und wunderten uns über die Kaleidoskop-Muster, die sie hervorrief. Aber als wir am folgenden Tag erwachten, schüttelten wir sie ab und machten uns wieder auf den Weg.

Noch leicht verkatert vom vorabendlichen Um-die-Häuser-Ziehen beschlossen wir, dass es nun höchste Zeit war, Songs für eine neue Platte zu schreiben. Fünf Jahre waren seit der Veröffentlichung von ‚Light Grenades‘, unserem letzten Album, ins Land gegangen und uns alle juckte es gewaltig, ‚uns mal wieder ordentlich einen reinzuziehen‘. Nachdem wir ungefähr drei Songs geschrieben hatten, dämmerte uns allerdings, dass wir hier etwas völlig Neues ans Tageslicht befördert hatten. Aufgeregt machten wir uns daran, dem neuen Kaninchen soweit in das Wurmloch hinein zu folgen, wie uns nur möglich war. An einem bestimmten Punkt innerhalb dieses kreativen Vagabundierens wurde uns bewusst, dass bestimmte kreative Mantras wieder auftauchten, bewusst und unbewusst. Worte wie ‚Wirtschaft‘, ‚Eleganz‘, ‚Raum‘ und ‚Zurückhaltung‘ schlichen sich wieder in unsere Gespräche. Begriffe, mit denen wir in der Vergangenheit bereits gespielt hatten, aber noch nie vorsätzlich und so selbstbewusst.

Träufele ein Prise Laune und eine Messerspitze Psychedelia in den Kessel, lass es ein paar Monate im Aufnahmestudio vor sich hin schmoren und am Ende kommt dies hier dabei heraus: ‚If Not Now, When?‘. Unser romantischer, musikalischer Liebesbrief an die Welt. Er ist dunkler, langsamer, reichhaltiger, raffinierter und aufwändiger als alles, was Incubus bislang veröffentlich haben. Und ich bin sehr glücklich, es mit euch allen zu teilen. All die Jahre hatten Incubus nach Möglichkeiten gesucht, eine Balance zwischen den Optionen zu finden, die das Songwriting bietet. Ich glaube, dass wir seit vielen Jahren nach etwas Anderem gesucht hatten. Nach etwas Neuem für die Welt – und für uns als Band. Und wir beschlossen, dass unser sechstes Studioalbum ‚If Not Now, When?‘ genau dies sein sollte.

Die Tonalität des Albums haben wir beim Titelsong festgelegt. Wenn man irgendwann, irgendwo im Wasser rührt, dann setzten von dieser Stelle aus Wellen in alle Richtungen in Bewegung. Wunderschön, symmetrisch und unaufhaltsam pulsierend, nach außen, immer weiter. Die Wellen legen unzählige Meilen zurück und treffen irgendwann auf flaches Gewässer. Dann kommt das triumphierende Finale: das Brechen der Welle, nachdem sie tausende von Meilen an Fahrt aufgenommen hat. Sie spannt einen Bogen in die Zukunft; die Welle ist kurz davor zu brechen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist ein einzigartiges Ereignis in Raum und Zeit, das sich nie wiederholen wird. Jetzt. Jetzt. Jetzt.

Unsere erste Single ‚Adolescents‘ ist möglicherweise der am vertrautesten klingende Incubus-Song auf dem neuen Album. Er beginnt mit Michaels unverkennbarem und unnachahmlichem Gitarrenspiel, und geht in eine Art betrunkenen Walzer über. Der Gedanke schafft sich Raum, dass wir kollektiv kurz vor unserer kulturellen Teenagerzeit stehen. Man hat das Gefühl, als wenn es uns schon immer gegeben hätte. Uns, meine ich. Die Menschen. Kultur. Aber man muss lediglich einen Blick in die biologischen Akten der Erde werfen, um zu begreifen, dass WIR noch recht neu sind! Und die Veränderungen, die wir in unserem komplexen, kleinen Spiel beobachten können, sind denjenigen, die man als Heranwachsender erlebt, nicht ganz unähnlich.

‚Promises, Promises‘ ist unsere Hommage an die Popsongs von ‚yester-morrow‘. Bezug nehmend auf die verdientermaßen allgegenwärtigen Künstler der Generation unserer Eltern, versuchen wir hier, eine Art ‚kunsthandwerkliche Uhr‘ anzufertigen. Ein Teil, das geschmeidig vor sich hin tickt, auf der Basis seines guten Designs, seiner Schönheit und Einfachheit. In dem Song geht es um ein junges Mädchen, das nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen resigniert und den Weg des geringsten Widerstandes einschlägt. Um die Schmerzen zu vermeiden, die Intimität und Nähe mit sich bringen, lässt sie sich nur auf oberflächliche Affären ein. Doch dann trifft sie jemanden, dem sie mit allem, was sie hat, vertrauen kann: mit ihrem Herzen. Doch nachdem sie jahrelang davor davon gelaufen ist, kann sie kaum noch erkennen, wie das Wahre aussieht.

‚Friends And Lovers‘ ist ein Lied, von dem ich immer hoffte, dass wir es irgendwann schreiben können. Ich glaube, es ist bis dato mein Lieblingssong. Es trifft den Kern unserer kulturell geprägten Wahrnehmungsunterschiede, was Beziehungen angeht und wie Liebe aussehen soll. Es wendet sich gegen seit Ewigkeiten gültige Auffassung bezüglich Liebe und Intimität und stellt schlicht fest, dass Freunde die besten Liebenden sind. Und dass Liebe in der Tat aus Freundschaft entspringen und unsere vorgefassten Ansichten überdauern kann: wie es auszusehen hat, wie es sich anfühlen soll und wie lange es andauert. Filme und Religion haben unser Bild dieses wichtigsten Themas weitestgehend definiert. Und mit diesem Song wollte ich versuchen, meine Vorstellung von moderner Liebe darzulegen.

‚Tomorrow’s Food‘ wurde vor ca. zwei Jahren geschrieben. Damit war es der erste Song, der für dieses Album entstand. Auch hier zeigt uns Michael wieder einmal seine tiefe Musikalität. Das Stück ist ein ‚Sound-Quilt‘, der uns umhüllt und an dessen Wärme und den vielen Möglichkeiten, die er uns bietet, wir uns laben. Textlich nehme ich ausdrücklich Bezug auf ein Zitat des Philosophen Ken Wilbur aus ‚A Bief Hisory Of Everything‘: „Keine Epoche ist letzten Endes privilegiert. Wir sind die Nahrung von Morgen. Der Prozess geht weiter. Und der Geist an sich findet sich im Prozess selbst, nicht in einer bestimmten Epoche, oder Zeit oder an einem bestimmten Ort.“ Niemals hat jemand so eloquent, so kurz und bündig in Worte gefasst, wie ich das Erwachsenwerden sehe. Das Erreichen der Mitte Dreißig. Nachdem ich dieses Zitat gelesen hatte und Zeuge des Ziehen und Stoßens zwischen dem Alten und dem Neuen wurde, dem Jungen und dem Nicht-ganz-so-Jungen, sah ich die inherente Schönheit und die Weisheit in diesem Prozess. Und ich schrieb einen Song darüber. Nach Ansicht dieses Berichterstatters befinden wir uns inmitten gewaltiger Umwälzungen. Kulturell, ethisch, künstlerisch, technologisch, intellektuell, philosophisch und spirituell. Eigentlich so gut wie alle „-ells“. Derartige Veränderungen gab es bereits zuvor – natürlich mit anderen Details und Ergebnissen. Und es wird wieder passieren. Absolut. Das neue Element in der Sache ist, dass wir uns der Umwälzungen bewusst sind. Das Bewusstsein, dass es nie ein ‚Ende der Welt‘ geben wird. Lediglich den Prozess und die Wahl, Zeuge oder Akteur zu sein. Was wie das Ende der Welt anmutet, ist das demütigende Gefühl, wenn man begreift, dass eine neue Ideenwelt die Ideen deiner Generation verdrängt hat. Verwirrt und bestürzt von der Art und Weise, ‚wie die Dinge so laufen‘, kann man gar nicht anders als denken, dass alles den Bach runter geht – und dass du kämpfen musst, um das zu erhalten, was du aufgebaut hast. Was aber tatsächlich stattfindet, ist eine notwendige Weiterentwicklung. Die Übergabe des kollektiven Staffelholzes. Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Als wir unser erstes Album ‚S.C.I.E.N.C.E.‘ aufnahmen und veröffentlichten, waren wir kleine Jungs, die vor Enthusiasmus und Energie fast platzten. Wir waren zuvor nie auf Tour gewesen, hatten nie vor einem anderen Publikum gespielt als vor Familienmitgliedern und Freunden. Und plötzlich fanden wir uns auf Konzertreise durch die USA und Europa wieder, fast nonstop zwei Jahre lang, auf der Suche nach… Rock and Roll? Als wir ins Stottern gerieten und wieder nach Hause krochen, waren wir erschöpft. Seltsamerweise aber auch voller Inspiration. Wir begannen damit, Songs für unser Follow-Up ‚Make Yourself‘ zu schreiben – ein Album, bei dem wir uns nach Fertigstellung selbst am Kopf kratzen mussten. Denn nachdem wir mit dem Vorgänger ungewollt ein neues, musikalisches Subgenre ins Leben gerufen hatten, schien es recht unlogisch, dass wir ein Rock and Roll Album aufgenommen hatten, voller Melodien, durchdacht (sowohl musikalisch als auch textlich), und mit – Gott bewahre – Singles! (könnte man hier Bewegtbilder einfügen, so würde ich schnell Godzilla hinein editieren, der irgendwo eine Stadt dem Erdboden gleich macht. Menschen, die in Panik in alle Richtungen davon rennen und ein paar Unerschrockene hier und da, die auf die teuflische, prähistorische Kreatur aus der Tiefe zeigen). ‚Make Yourself‘ wurde bei den Fans, die wir eben erst für uns gewonnen hatten, mit einiger Erschütterung aufgenommen. Wir hatten eine unerwartete Kehrtwende vollzogen. Wir wurden stellenweise sogar etwas nervös und fragten uns, ob wir einen Fehler begangen hatten, als wir uns auf unseren Instinkt verließen und ‚Song orientierter‘ arbeiteten. Doch einige Monate nach der Veröffentlichung wurde die Sache langsam doch zum Erfolg. Mit der Betonung auf ‚langsam‘. Langsam, aber sicher. Letzten Endes hatte uns unser kreativer Instinkt die richtige Richtung gewiesen. Es war ein Kompass mit einer sich schlängelnden Nadel, aber es war ein guter.

Mit ‚If Not Now, When?‘ schließt sich nun dieser langsame Bogen. Die Welle, die seit so langer Zeit unterwegs war, ist im Begriff zu brechen. Eine Kraft, die in der Lage ist, gleichermaßen Schönheit und Zerstörung zu verursachen, ist durch ihre Einzigartigkeit bemerkenswert - weil sich das Ereignis nicht wiederholen wird. Wellen brechen vor ihrer Zeit, Wellen werden danach brechen, aber jede einzelne ist eine individuelle Leinwand. Diese ist unsere. Eure und meine.

Nun, wenn Erfolg eine Droge ist, dann sind Incubus ein funktionierender Abhängiger. Ich weiß, wie banal es klingt, wenn man seinen eigenen Erfolg kommentiert, aber ich sehe unsere Sucht als eine kollektive. Ihr habt uns ermöglicht, soweit zu kommen und was wir innerhalb dieses Prozesses erschaffen haben, wird noch für lange Zeit für Gesprächsstoff sorgen. Wenn ich sage: ‚WIR‘, dann meine ich euch und mich. Uns alle. Dies ist letztendlich eine Konversation, die in den frühen Neunzigern begonnen hat und die bis heute andauert. Ein Spaziergang, der uns einen gewunden Pfad entlang führt, durch zahlreiche Landschaften und über weites Gelände. Natürlich tun uns die Knochen weh, unsere Hunde kläffen, unsere Schuhe sind voller Löcher und wir sehen ohne Hemd und T-Shirt nicht mehr ganz so gut aus wie früher - doch das bedeutet nicht, dass wir nicht weitergehen werden. Und dabei mit euch sprechen werden. Langsam denke ich, dass Erfolg weniger ein Opiat ist als vielmehr ein Übergang zum guten Teil einer Konversation.

Bis bald, Jungs und Mädchen. Wir lieben es, Musik zu machen und fühlen uns dankbar und gesegnet, dass ihr uns eure Aufmerksamkeit schenkt – heute und hoffentlich auch morgen.

Cheers,

Brandon Boyd”

Diese Biografie wurde von den Künstlern oder deren Vertretern bereitgestellt.

„Erfolg ist ein teuflisches Opiat. Ein schneller und berauschender Drink, der dir erst ganz smooth runtergeht, dann aber anfängt, in deiner Kehle zu brennen und dich komplett durchzuschütteln – und am nächsten Tag bist du komplett im Eimer“, erklärt Brandon Boyd. Und der Kalifornier weiß ziemlich gut, wovon er da spricht. Als Sänger und Frontmann der Band Incubus veröffentlichte der 35-jährige in den vergangenen sechzehn Jahren fünf Studioalben, die sich bis dato weltweit mehr als fünfzehn Millionen Mal verkauften. Im Juli 2011 erscheint fünf lange Jahre nach dem US-Nummer-Eins-Album „Light Grenades“, das mit „Love Hurts“ den bis dato größten Incubus-Hit hervorbrachte, endlich ein neues Werk der Band. Der programmatische Titel: „If Not Now, When?“. Der Produzent: Brendan O’Brien, unter dessen Regie zahllose Klassiker entstanden, darunter essentielle Alben von Bruce Springsteen, Rage Against The Machine, Pearl Jam, AC/DC und Billy Talent.

Und wer könnte die Entstehung, den Inhalt und die Motivation, die hinter dem langerwarteten, sechsten Incubus-Album steht, besser erklären als Brandon Boyd selbst. Hier ist, was er zu „If Not Now, When?“ zu sagen hat.

„Wir alle hören gerne eine gute Erfolgsgeschichte, oder? Interessanterweise sind es aber nicht die ‚guten‘ Dinge, die eine Story ‚gut‘ machen. Nein. Es sind die negativen Elemente, bei denen wir unsere Ohren spitzen. Und genau das ist die Tragödie, die unserem allgegenwärtigen Streben nach Aufmerksamkeit inne wohnt. Ich bin Mitglied einer Band namens Incubus. Wir sind alle gleich alt und haben 1991 mit unserer Band angefangen. Unsere Geschichte ähnelt vielen anderen Erfolgsgeschichten. Sie hat Gipfel und Täler, sie ist voller Mühsal und Triumphe, schwindelerregender Höhepunkte und tiefster Tiefpunkte. Aber es waren nicht die schlimmen Dinge unserer Story, die die Neugier der Menschen weckte und über all die Jahre aufrecht erhielt. Um ganz ehrlich zu sein: ich bin mir nicht genau sicher, warum die Leute sich schon so lange für uns interessieren. Mir gefällt der Gedanke, dass es an der Musik liegt, die wir machen und mit der Welt teilen. Dass wir bei den Menschen an bestimmten Momenten in ihrem Leben einen Nerv getroffen haben, so dass sie durch bestimmte Songs an nicht ganz so weit zurückliegende Zeiten erinnert werden, in denen Ereignisse und Wendungen in ihrer eigenen Biographie im Einklang mit unseren Texten und Rhythmen standen. Sounds, die in Symmetrie mit der Psyche eines Menschen mäandern, wie in jenen seltenen Momenten, wenn dein Körper und dein Schatten sich an der Wand deckungsgleich übereinander legen. Wenn also die Musik der wahre Auslöser für unsere (jetzt wieder) voranschreitende Erfolgsgeschichte ist, dann kann man sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Möglicherweise sind wir Wanderer, die von der Droge genascht haben - wir kicherten und wunderten uns über die Kaleidoskop-Muster, die sie hervorrief. Aber als wir am folgenden Tag erwachten, schüttelten wir sie ab und machten uns wieder auf den Weg.

Noch leicht verkatert vom vorabendlichen Um-die-Häuser-Ziehen beschlossen wir, dass es nun höchste Zeit war, Songs für eine neue Platte zu schreiben. Fünf Jahre waren seit der Veröffentlichung von ‚Light Grenades‘, unserem letzten Album, ins Land gegangen und uns alle juckte es gewaltig, ‚uns mal wieder ordentlich einen reinzuziehen‘. Nachdem wir ungefähr drei Songs geschrieben hatten, dämmerte uns allerdings, dass wir hier etwas völlig Neues ans Tageslicht befördert hatten. Aufgeregt machten wir uns daran, dem neuen Kaninchen soweit in das Wurmloch hinein zu folgen, wie uns nur möglich war. An einem bestimmten Punkt innerhalb dieses kreativen Vagabundierens wurde uns bewusst, dass bestimmte kreative Mantras wieder auftauchten, bewusst und unbewusst. Worte wie ‚Wirtschaft‘, ‚Eleganz‘, ‚Raum‘ und ‚Zurückhaltung‘ schlichen sich wieder in unsere Gespräche. Begriffe, mit denen wir in der Vergangenheit bereits gespielt hatten, aber noch nie vorsätzlich und so selbstbewusst.

Träufele ein Prise Laune und eine Messerspitze Psychedelia in den Kessel, lass es ein paar Monate im Aufnahmestudio vor sich hin schmoren und am Ende kommt dies hier dabei heraus: ‚If Not Now, When?‘. Unser romantischer, musikalischer Liebesbrief an die Welt. Er ist dunkler, langsamer, reichhaltiger, raffinierter und aufwändiger als alles, was Incubus bislang veröffentlich haben. Und ich bin sehr glücklich, es mit euch allen zu teilen. All die Jahre hatten Incubus nach Möglichkeiten gesucht, eine Balance zwischen den Optionen zu finden, die das Songwriting bietet. Ich glaube, dass wir seit vielen Jahren nach etwas Anderem gesucht hatten. Nach etwas Neuem für die Welt – und für uns als Band. Und wir beschlossen, dass unser sechstes Studioalbum ‚If Not Now, When?‘ genau dies sein sollte.

Die Tonalität des Albums haben wir beim Titelsong festgelegt. Wenn man irgendwann, irgendwo im Wasser rührt, dann setzten von dieser Stelle aus Wellen in alle Richtungen in Bewegung. Wunderschön, symmetrisch und unaufhaltsam pulsierend, nach außen, immer weiter. Die Wellen legen unzählige Meilen zurück und treffen irgendwann auf flaches Gewässer. Dann kommt das triumphierende Finale: das Brechen der Welle, nachdem sie tausende von Meilen an Fahrt aufgenommen hat. Sie spannt einen Bogen in die Zukunft; die Welle ist kurz davor zu brechen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist ein einzigartiges Ereignis in Raum und Zeit, das sich nie wiederholen wird. Jetzt. Jetzt. Jetzt.

Unsere erste Single ‚Adolescents‘ ist möglicherweise der am vertrautesten klingende Incubus-Song auf dem neuen Album. Er beginnt mit Michaels unverkennbarem und unnachahmlichem Gitarrenspiel, und geht in eine Art betrunkenen Walzer über. Der Gedanke schafft sich Raum, dass wir kollektiv kurz vor unserer kulturellen Teenagerzeit stehen. Man hat das Gefühl, als wenn es uns schon immer gegeben hätte. Uns, meine ich. Die Menschen. Kultur. Aber man muss lediglich einen Blick in die biologischen Akten der Erde werfen, um zu begreifen, dass WIR noch recht neu sind! Und die Veränderungen, die wir in unserem komplexen, kleinen Spiel beobachten können, sind denjenigen, die man als Heranwachsender erlebt, nicht ganz unähnlich.

‚Promises, Promises‘ ist unsere Hommage an die Popsongs von ‚yester-morrow‘. Bezug nehmend auf die verdientermaßen allgegenwärtigen Künstler der Generation unserer Eltern, versuchen wir hier, eine Art ‚kunsthandwerkliche Uhr‘ anzufertigen. Ein Teil, das geschmeidig vor sich hin tickt, auf der Basis seines guten Designs, seiner Schönheit und Einfachheit. In dem Song geht es um ein junges Mädchen, das nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen resigniert und den Weg des geringsten Widerstandes einschlägt. Um die Schmerzen zu vermeiden, die Intimität und Nähe mit sich bringen, lässt sie sich nur auf oberflächliche Affären ein. Doch dann trifft sie jemanden, dem sie mit allem, was sie hat, vertrauen kann: mit ihrem Herzen. Doch nachdem sie jahrelang davor davon gelaufen ist, kann sie kaum noch erkennen, wie das Wahre aussieht.

‚Friends And Lovers‘ ist ein Lied, von dem ich immer hoffte, dass wir es irgendwann schreiben können. Ich glaube, es ist bis dato mein Lieblingssong. Es trifft den Kern unserer kulturell geprägten Wahrnehmungsunterschiede, was Beziehungen angeht und wie Liebe aussehen soll. Es wendet sich gegen seit Ewigkeiten gültige Auffassung bezüglich Liebe und Intimität und stellt schlicht fest, dass Freunde die besten Liebenden sind. Und dass Liebe in der Tat aus Freundschaft entspringen und unsere vorgefassten Ansichten überdauern kann: wie es auszusehen hat, wie es sich anfühlen soll und wie lange es andauert. Filme und Religion haben unser Bild dieses wichtigsten Themas weitestgehend definiert. Und mit diesem Song wollte ich versuchen, meine Vorstellung von moderner Liebe darzulegen.

‚Tomorrow’s Food‘ wurde vor ca. zwei Jahren geschrieben. Damit war es der erste Song, der für dieses Album entstand. Auch hier zeigt uns Michael wieder einmal seine tiefe Musikalität. Das Stück ist ein ‚Sound-Quilt‘, der uns umhüllt und an dessen Wärme und den vielen Möglichkeiten, die er uns bietet, wir uns laben. Textlich nehme ich ausdrücklich Bezug auf ein Zitat des Philosophen Ken Wilbur aus ‚A Bief Hisory Of Everything‘: „Keine Epoche ist letzten Endes privilegiert. Wir sind die Nahrung von Morgen. Der Prozess geht weiter. Und der Geist an sich findet sich im Prozess selbst, nicht in einer bestimmten Epoche, oder Zeit oder an einem bestimmten Ort.“ Niemals hat jemand so eloquent, so kurz und bündig in Worte gefasst, wie ich das Erwachsenwerden sehe. Das Erreichen der Mitte Dreißig. Nachdem ich dieses Zitat gelesen hatte und Zeuge des Ziehen und Stoßens zwischen dem Alten und dem Neuen wurde, dem Jungen und dem Nicht-ganz-so-Jungen, sah ich die inherente Schönheit und die Weisheit in diesem Prozess. Und ich schrieb einen Song darüber. Nach Ansicht dieses Berichterstatters befinden wir uns inmitten gewaltiger Umwälzungen. Kulturell, ethisch, künstlerisch, technologisch, intellektuell, philosophisch und spirituell. Eigentlich so gut wie alle „-ells“. Derartige Veränderungen gab es bereits zuvor – natürlich mit anderen Details und Ergebnissen. Und es wird wieder passieren. Absolut. Das neue Element in der Sache ist, dass wir uns der Umwälzungen bewusst sind. Das Bewusstsein, dass es nie ein ‚Ende der Welt‘ geben wird. Lediglich den Prozess und die Wahl, Zeuge oder Akteur zu sein. Was wie das Ende der Welt anmutet, ist das demütigende Gefühl, wenn man begreift, dass eine neue Ideenwelt die Ideen deiner Generation verdrängt hat. Verwirrt und bestürzt von der Art und Weise, ‚wie die Dinge so laufen‘, kann man gar nicht anders als denken, dass alles den Bach runter geht – und dass du kämpfen musst, um das zu erhalten, was du aufgebaut hast. Was aber tatsächlich stattfindet, ist eine notwendige Weiterentwicklung. Die Übergabe des kollektiven Staffelholzes. Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Als wir unser erstes Album ‚S.C.I.E.N.C.E.‘ aufnahmen und veröffentlichten, waren wir kleine Jungs, die vor Enthusiasmus und Energie fast platzten. Wir waren zuvor nie auf Tour gewesen, hatten nie vor einem anderen Publikum gespielt als vor Familienmitgliedern und Freunden. Und plötzlich fanden wir uns auf Konzertreise durch die USA und Europa wieder, fast nonstop zwei Jahre lang, auf der Suche nach… Rock and Roll? Als wir ins Stottern gerieten und wieder nach Hause krochen, waren wir erschöpft. Seltsamerweise aber auch voller Inspiration. Wir begannen damit, Songs für unser Follow-Up ‚Make Yourself‘ zu schreiben – ein Album, bei dem wir uns nach Fertigstellung selbst am Kopf kratzen mussten. Denn nachdem wir mit dem Vorgänger ungewollt ein neues, musikalisches Subgenre ins Leben gerufen hatten, schien es recht unlogisch, dass wir ein Rock and Roll Album aufgenommen hatten, voller Melodien, durchdacht (sowohl musikalisch als auch textlich), und mit – Gott bewahre – Singles! (könnte man hier Bewegtbilder einfügen, so würde ich schnell Godzilla hinein editieren, der irgendwo eine Stadt dem Erdboden gleich macht. Menschen, die in Panik in alle Richtungen davon rennen und ein paar Unerschrockene hier und da, die auf die teuflische, prähistorische Kreatur aus der Tiefe zeigen). ‚Make Yourself‘ wurde bei den Fans, die wir eben erst für uns gewonnen hatten, mit einiger Erschütterung aufgenommen. Wir hatten eine unerwartete Kehrtwende vollzogen. Wir wurden stellenweise sogar etwas nervös und fragten uns, ob wir einen Fehler begangen hatten, als wir uns auf unseren Instinkt verließen und ‚Song orientierter‘ arbeiteten. Doch einige Monate nach der Veröffentlichung wurde die Sache langsam doch zum Erfolg. Mit der Betonung auf ‚langsam‘. Langsam, aber sicher. Letzten Endes hatte uns unser kreativer Instinkt die richtige Richtung gewiesen. Es war ein Kompass mit einer sich schlängelnden Nadel, aber es war ein guter.

Mit ‚If Not Now, When?‘ schließt sich nun dieser langsame Bogen. Die Welle, die seit so langer Zeit unterwegs war, ist im Begriff zu brechen. Eine Kraft, die in der Lage ist, gleichermaßen Schönheit und Zerstörung zu verursachen, ist durch ihre Einzigartigkeit bemerkenswert - weil sich das Ereignis nicht wiederholen wird. Wellen brechen vor ihrer Zeit, Wellen werden danach brechen, aber jede einzelne ist eine individuelle Leinwand. Diese ist unsere. Eure und meine.

Nun, wenn Erfolg eine Droge ist, dann sind Incubus ein funktionierender Abhängiger. Ich weiß, wie banal es klingt, wenn man seinen eigenen Erfolg kommentiert, aber ich sehe unsere Sucht als eine kollektive. Ihr habt uns ermöglicht, soweit zu kommen und was wir innerhalb dieses Prozesses erschaffen haben, wird noch für lange Zeit für Gesprächsstoff sorgen. Wenn ich sage: ‚WIR‘, dann meine ich euch und mich. Uns alle. Dies ist letztendlich eine Konversation, die in den frühen Neunzigern begonnen hat und die bis heute andauert. Ein Spaziergang, der uns einen gewunden Pfad entlang führt, durch zahlreiche Landschaften und über weites Gelände. Natürlich tun uns die Knochen weh, unsere Hunde kläffen, unsere Schuhe sind voller Löcher und wir sehen ohne Hemd und T-Shirt nicht mehr ganz so gut aus wie früher - doch das bedeutet nicht, dass wir nicht weitergehen werden. Und dabei mit euch sprechen werden. Langsam denke ich, dass Erfolg weniger ein Opiat ist als vielmehr ein Übergang zum guten Teil einer Konversation.

Bis bald, Jungs und Mädchen. Wir lieben es, Musik zu machen und fühlen uns dankbar und gesegnet, dass ihr uns eure Aufmerksamkeit schenkt – heute und hoffentlich auch morgen.

Cheers,

Brandon Boyd”

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