Sein „schwächstes Werk" haben viele Kritiker gesagt. Ihm seien die Ideen ausgegangen warf man ihm vor. Kopfschüttelnd kann ich diesen Aussagen weder etwas abgewinnen, noch nachvollziehen. Im Gegenteil. Tubular Bells ist eine seiner vielen großartigen Arbeiten, Ommadawn ist ein Stück seiner Musikgeschichte und Incantations ist es auch.
Die Frage stellt sich zudem einerseits, wie und nach welchen Kriterien ein Kritiker Musik bewertet (und ob er überhaupt Zeit dafür hat, die Musik zu fühlen) und andererseits, ob diese Musik es überhaupt notwendig hat, bewertet zu werden. (Nein! Hat sie nicht!)
Was auch immer über Musik philosophiert wird, Incantations ist ein Teil der möglichen Antworten. Musik aus der Retorte für die Hitparade wurde zusammengestrapselt, um schnell Euros zu verdienen. Incantations wurde geschaffen, um Emotionen herauf zu beschwören (wie der Titel schon sagt).
Vier zusammengehörige Themen, die - wie Minimalmusik aufgebaut - durch sanfte Veränderungen oder plötzliche Wechsel für ein Auf und Ab der Gefühle sorgen. Es ist halt der alte Oldfield: Hier geht es um ein Stück Phantasie. Sie befinden sich in einem mittelalterlichen Zauber- oder Märchenwald, mit allem was dazu gehört. Zumindest gefällt mir dieser Gedanke so gut, und die Stimmung macht es einem leicht sich das vorzustellen. Es gibt mystische Situationen, eine Morgenstimmung mit Tau auf den Blättern und ersten Sonnenstrahlen, es gibt ein Druidentreffen, welches Sie heimlich beobachten dürfen, genauso wie Elfen und Feen. Auch fehlt das Fest am Burghof nicht.
Hölzerne, treibende Rhythmen fesseln und wunderschöne Melodien (und Gesang) lassen einen dahinschweben. Wenn man keine Zeit hat oder oberflächlich zuhört, dann ziehen sich die mehr als 72 Minuten Klanggeschehen durchaus und ich kann die diesbezüglichen Sorgen einiger nachvollziehen. Aber seien wir uns ehrlich: Was empfinden wir denn alle, wenn ein schönes Buch all zu schnell zu Ende ist? Vielleicht ist es gerade in diesem Stück das Finale, das viel zu schnell zu Ende geht.
Mit Pierre Moerlin (Xylophon, Vibraphons und Schlagzeug), der afrikanischen Percussiontruppe Jabula und David Bedford (Orchester und Chor) unterstützen wieder alte Weggefährten den Multiinstrumentalisten, der auch auf diesem Stück nicht auf geschwisterliche Hilfe durch Bruder Terry (Flöten) und Schwester Sally (Gesang) verzichtet. Mit dabei sind noch Maddy Prior (Gesang) und The Queens College Girls Choir und Sebastian Bell (ebenfalls Flöten).
Wunderschöner Zeitvertreib und fünf Sterne