... mit schrägem, realen Aufhänger", so die junge amerikanische Regisseurin Tanya Wexler über ihren Film Hysteria, zu Deutsch "In guten Händen". Als Vorbilder dienten den Drehbuchautoren und der Regisseurin die herrlichen Screwball-Comedys aus den 1930- bis 1950-Jahren. Da meine beiden Vorrezensentinnen die Handlung bereits sehr gut beschrieben haben, möchte ich mich auf meine persönlichen Eindrücke konzentrieren und auf das Bonusmaterial eingehen.
Durch Zufall bin ich auf YouTube auf den Trailer zu diesem Film gestoßen. Ich fand die Vorschau amüsant und wollte den Film unbedingt sehen, da ich viel über die viktorianische Ära gelesen und gesehen habe und mich diese Zeit des Umbruchs interessiert. Da ich ohnehin wieder eine Bestellung aufgeben wollte, habe ich mir die DVD schließlich vorbestellt, obwohl ich auf verschiedenen Plattformen Kommentare von "großartig" bis "bin eingeschlafen" gelesen habe. Wenige Tage nach dem Erscheinen am 18. Mai wurde sie geliefert und ich konnte den Film endlich sehen.
Erwartet habe ich einen feinen, kleinen Film mit ernsten Untertönen, der für mildes Amüsement sorgt und als Extra eine kurze Dokumentation über das Leben des echten Dr. Granville und die Erfindung des elektromechanischen Vibrators enthält. (Mechanische Dildos und Phalli gibt es ja bereits seit Jahrtausenden, Dildos wurden schon im alten Ägypten, China, Griechenland usw. zum Lustgewinn verwendet.)
Nicht erwartet habe ich, dass ich öfters aus vollem Halse loslachen würde, weil einige der Szenen einfach köstlich sind, etwa wenn eine Patientin durch die "Perkussion" durch den alten Doktor Dalrymple "hysterielösende Krämpfe" bekommt und dabei den Arzt wegkickt!
(Frauen konnten laut damals vorherrschender und auch heute noch nicht ausgestorbener Ansicht ausschließlich durch die Penetration durch das männliche Glied zum Orgasmus gebracht werden.)
Der Film hat mir von den ersten Szenen an wunderbar gefallen. Der Kontrast zwischen den beiden Töchtern Dalrymples, die eine, Emily, ganz viktorianische Lady, die andere, Charlotte, eine selbstbewusste Kämpferin, bringt den beginnenden Kampf der Frauen um Gleichberechtigung zur Geltung. Während Charlotte sich gegen die allgemein gültigen Konventionen auflehnt, ist die gutgehende Praxis ihres Vaters voll mit unzufriedenen Frauen, die kein Selbstbestimmungsrecht über ihr eigenes Leben (oder das ihrer Kinder, was hier allerdings nicht thematisiert wird) haben.
Die Ehemänner dieser Frauen hatten keine Ahnung von der weiblichen Physiologie, außerdem sollte der Sexualakt braven Ehefrauen ohnedies keine Lust bereiten, sondern nichts als Pflichterfüllung sein, welche die Damen mit zusammengebissenen Zähnen über sich ergehen lassen mussten. Dazu passt, was der Forscher Richard Burton, der im 19. Jahrhundert in Indien stationiert war, über die Liebeskunst britischer Männer aus Sicht ihrer indischen Geliebten geschrieben hat: Er habe keine einzige Geliebte kennengelernt, die die Engländer nicht gehasst habe, weil sie sich wie die Tiere über die Frauen geworfen und ausschließlich ihre eigene Lust befriedigt hätten.
Aber zurück zum Film: Eines der erfreulichen Details ist die Tatsache, dass die Frauen, die zum Höhepunkt "perkussiert" werden, nicht mit jungen Hollywoodschönheiten besetzt sind. Die Rollen sind, angefangen von den Hauptrollen bis in die kleinste Nebenrolle, großartig besetzt und die "Hysterie-Patientinnen" sehen so aus, wie "gewöhnliche" Frauen eben aussehen: Manche sind jung, andere alt, manche sind dürr, andere mollig ...
Diese und viele andere Details machen diesen Film in meinen Augen so liebenswert. Die Darsteller, die Ausstattung, die Kostüme, die Frisuren, die Einrichtung, alles ist wunderbar gelungen. Das Einzige, was nicht ganz stimmig ist, ist der Enthusiasmus von Charlotte Dalrymple, die unrealistisch modern angelegt ist. Darüber kann man aber hinwegsehen, denn durch ihr Verhalten wird eine Verbindung zu modernen Frauen geschaffen. Außerdem gab es "Suffragetten", die noch viel weiter gegangen sind als Charlotte, sich etwa beim Pferderennen vor die Tiere geworfen hatten, um mit ihrem Tod ein Zeichen zu setzen und der Gesellschaft klarzumachen, dass sich die Situation der Frauen ändern muss.
Zum Schluss wie versprochen noch einige Details zur DVD: Inklusive Abspann dauert der Film rund eine Stunde 36 Minuten und kann im englischen Original sowie auf Deutsch gehört werden. Er hat deutsche Untertitel und enthält als Bonusmaterial vier Filmtrailer und nette Interviews mit den wichtigsten Hauptdarstellern und der Regisseurin.
Nun würde ich gerne erzählen, dass die DVD zum Beispiel ein Making-of oder Outtakes enthält. Wie zu Beginn erwähnt, hätte ich eine kleine Doku oder einen Rückblick in die Geschichte erwartet.
Nur: Das alles kann ich nicht schreiben, weil es einfach nicht zutrifft. Die einzigen Boni sind die oben erwähnten Interviews und vier Filmtrailer. Ich muss sagen, über die mageren Extras bin ich so enttäuscht, dass ich der DVD als solche nur drei Sterne geben würde. Aber da es hier hauptsächlich um den Film geht, gebe ich ihm die volle Punktzahl, den mir persönlich gefällt er sehr gut.