Was kann man schon erwarten, wenn eine der fähigsten dänischen Regisseurinnen und der mit Abstand beste Drehbuchschreiber Dänemarks sich entschließen, ihren vierten gemeinsamen Film zu machen? Natürlich einen zu Recht oscargekürten Film, der einmal mehr zeigt, dass in Dänemark mit die besten Filme überhaupt gedreht werden und dieses kleine Land über ein immenses darstellerisches und künstlerisches Potenzial verfügt. Es gibt weder an Regie, Story, Darstellern noch Cinematographie irgendetwas auszusetzen, so dass einem nichts anderes übrig bleibt, als sich einmal mehr vor der kreativen Kraft, die Regisseurin Susanne Bier ("Open Hearts", "Brothers") und Anders Thomas Jensen ("Adams Äpfel", "Flickering Lights", "Mifune") hier entfalten, zu verneigen.
Anton (Mikael Persbrandt, "Kommissar Beck") ist Arzt und arbeitet regelmäßig in einem afrikanischen Flüchtlingslager. Durch seine häufigen Abwesenheiten (und durch sein Fremdgehen) hat sich das Verhältnis zu seiner Frau Marianne (Trine Dyrholm ("In China essen sie Hunde") inzwischen so weit verschlechtert, dass die Beiden über eine Scheidung nachdenken. Auch für seinen Sohn Elias (Markus Rygaard in seiner ersten Rolle) hat Anton nicht genug Zeit, obwohl der Junge seinen Vater dringend braucht. Wird er doch ständig in der Schule gehänselt und gedemütigt. Dies ändert sich allerdings, als Christian (William Jøhnk Nielsen, der hier ebenfalls debütiert) neu an die Schule kommt. Der ernste Junge ist schwer mitgenommen vom Tod seiner kürzlich an Krebs gestorbenen Mutter, aber dennoch mutig und entschlossen, Elias' Peinigern die Stirn zu bieten. Das Verhältnis zu Vater Claus (Ulrich Thomsen, "Hitman", "Das Fest") ist schwierig, da Christian ihn latent für den Tod der Mutter verantwortlich macht und sich von ihm distanziert. Die aufkeimende Freundschaft zwischen Elias und Christian soll sich als unheilvolle und gefährliche Allianz erweisen, da Christians unterschwelliger Groll gegen den Vater und die generelle Ungerechtigkeit der Welt sich ihren zerstörerischen Weg durch das idyllische dänische Dorf suchen und dort auch ihre Opfer finden. Und auch Anton muss irgendwann Stellung beziehen und sich zwischen Ethik und Gerechtigkeit entscheiden, als ein verletzter sadistischer Krimineller ins Camp eindringt und um Hilfe bittet. Antons hippokratischer Eid trifft auf das Unverständnis der vom Sadisten Drangsalierten und auch hier, im fernen Afrika, gerät eine Situation so nachhaltig außer Kontrolle wie daheim in Dänemark.
So biblisch die Grundthemen von "In einer besseren Welt" anmuten mögen, so wenig urteilt Suanne Bier oder gibt moralische Werte vor. Egal, ob "Auge um Auge, Zahn um Zahn" oder dieser "Die andere Wange auch noch hinhalten"-Blödsinn, Susanne Bier erhebt nicht einmal den moralischen Zeigefinger oder tut ihre subjektive Meinung kund. Was für den Zuschauer automatisch Fragen aufwirft und ihn im Zweifel selbst in die moralische Zwickmühle bringt. Somit hebt sich der Film angenehm von z. B. amerikanischen Werken ab, in denen ja gerne mal vorverurteilt und die moralische Latte unnatürlich hoch angesetzt wird. Durch die langsame aber unaufhaltsame Eskalation der Gewalt hat der Zuschauer genügend Zeit, sich zu fragen, wie er in einer ähnlichen Situation handeln und amoralischen, gewaltbereiten Individuen begegnen würde, die für eine verbale Argumentation nicht zugänglich sind. Darf man Gewalt mit Gegengewalt beantworten, wenn die Kommunikation versagt? Darf man einen Despoten seinem plötzlich auftauchenden Schicksal überlassen, obwohl man sich auf die Fahne geschrieben hat, den Menschen zu helfen? Darf man seinem vermeintlichen Schicksal als Außenseiter entgegenwirken, indem man zuschlägt und bedroht? Und darf man sich rächen, nur weil man selber meint, das vermeintliche Opfer hätte diesen Racheakt verdient?
Schwierige Fragen, die sowohl die Protagonisten als auch den Zuschauer das ein oder andere Mal in arge Bedrängnis bringen. Dies geschieht, weil es Susanne Bier so hervorragend gelingt, den Zuschauer in ihre Geschichte zu involvieren, ihn zu beteiligen und nicht zum bloßen Beobachter zu degradieren. Gleichwohl ist es natürlich auch Anders Thomas Jensens Verdienst, der ein so differenziertes Drehbuch verfasst und eine wirklich tiefgründige, spannende Geschichte geschrieben hat. Besonders hervorzuheben ist hier ebenfalls die farbenprächtige, imposante Cinematographie von Kameramann Morten Søborg ("Brothers", "Valhalla Rising", "In China essen sie Hunde"), der sowohl Afrika als auch Dänemark von seiner schönsten Seite zeigt. Endlos weite Steppen unter blauem Himmel und in dämmerndes Sonnenlicht getauchte karge Landschaften wissen ebenso zu beeindrucken wie idyllische Sommerhäuser an ruhigen Seen und alte Bauernhöfe in typisch dänischer Farbfrische. Ein wirklich wunderschön fotografierter Film, der die zerstörerische Kraft, die in ihm lauert, noch intensiver wirken lässt.
Und nicht zuletzt die Darsteller machen "In einer besseren Welt" zum Ausnahmefilm. Sie alle liefern Bestleistungen ab, besonders die beiden 10jährigen Jungs, die hier das erste Mal in einem Film zu sehen sind. Der schüchterne Elias, gefangen zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und familiärem Zusammenhalt und dem moralischen Konflikt, in den er durch Christian gedrängt wird, ist ebenso authentisch wie der in sich gekehrte, trotzige und traumatisierte Christian, der nicht über den Tod der Mutter hinwegkommt und soviel innere Zerrissenheit und Wut in sich trägt, dass er zur tickenden Zeitbombe mit erstaunlich scharfem Verstand wird. Noch augenscheinlicher wird die Darstellerkunst allerdings bei den Erwachsenen. Besonders Anton als Arzt und Gutmensch muss einsehen, dass die Umstände selbst die besten Vorsätze irgendwann zu Fall bringen können und man irgendwann Stellung beziehen muss, was von Mikael Persbrandt ambivalent umgesetzt wird. Marianne als Elias' Mutter vollführt gekonnt den Drahtseilakt zwischen Hilflosigkeit und wütendem Muttertier, das sein Junges beschützen will. Und auch Claus als überforderter Vater von Christian, der sich redlich müht, seinen verschlossenen Sohn wieder näher an sich zu binden, transportiert deutlich, wie schwer Kindererziehung manchmal sein kann.
Was bleibt zu sagen? "In einer besseren Welt" (der im Übrigen im Original schlicht "Hævnen" - Rache heißt) ist ein fantastisch fotografiertes und gespieltes Drama mit großen Identifikationsmöglichkeiten und einem hohen Maß an Tiefgründigkeit, dessen aufgeworfene und geschickt thematisierte Fragen einen noch weit über den Film hinaus beschäftigen. Susanne Bier urteilt und verurteilt nicht, sie zeigt lediglich auf, wozu Menschen in Ausnahmesituationen in der Lage sind und wie sie versuchen, sich in dieser harten, ungerechten Welt zu behaupten. Als kleine Mankos könnte man allenfalls ansehen, dass sie sich dafür mit 119 Minuten ein ganz klein wenig zuviel Zeit genommen hat und ein paar Sequenzen nicht unbedingt notwendig gewesen wären. Auch hätte man sich an einigen wenigen Stellen noch etwas mehr emotionale Wucht und Nachhaltigkeit gewünscht, manches Mal bleibt der Film trotz seiner eigentlich hochgradig erschreckenden Konsequenz erstaunlich "ruhig". Da dies den Gesamteindruck aber bestenfalls marginal beeinflusst, fällt selbst die Länge von zwei Stunden nicht ins Gewicht, dafür ist der Film einfach zu gut, zu eindringlich, zu wahr. Somit also gerne vier von fünf moralischen Konflikten, die jeder für sich selber lösen muss.