Schon beim letzten Roman
Letzte Nacht in Twisted River, den ich als langatmig und viel zu weitläufig erlebt habe, war ich hin und hergerissen. Wenn man dann den Folgeroman liest, geht man wohl in die Überprüfung, ob der Autor gleich bleibt, sich ändert, oder ob überhaupt Irving "mein Autor" ist, die klare Antwort leider nein. Auch "In einer Person", musste ich wieder die gleiche Erfahrung machen, wobei auffällt, dass angestammte Irving Leser auf ältere Werke wie
Owen Meany, oder auch
Gottes Werk und Teufels Beitrag verweisen. Bis zur zähen Leseermüdung, tritt Irving hier das Thema der Bisexualität, des Schwulseins, der Geschlechtsumwandlung aus, dass man Gefahr läuft, davon irgendwann nur noch gesättigt zu sein, trotz gut geschriebener Passagen über den gesamten Bogen ist mir dieses Buch dann doch davon zu überfrachtet. Wirklich gut unterhalten, oder zum Nachdenken oder reflektieren angeregt, habe ich leider nur phasenweise erlebt.
Im Mittelpunkt des Romans, steht der Ich-Erzähler und Hauptprotagonist William Abbot, genannt "Billy", den wir bereits schon etwas ab dem 15.Lebensjahr begleiten, wir sind in den fünfziger Jahren, Billy, der mit seiner wechselnden Anziehung sowohl zu Frauen, als auch zu Männern innerlich mit sich am ringen ist. Dazu kommen Protagonisten, etwa einer Miss Frost, Bibliothekarin, die erst im Laufe der Geschichte, sich als eine "she-male" herausstellt. Überhaupt tauchen hier viele Personen auf, die sich in das gegengeschlechtliche wie hineinzuversetzen scheinen, Männer finden Anreiz an Frauenkleidern, Frauen entpuppen sich als Frauen "mit Eiern" und pubertierende Jungs hier im Fall von "Gee", die gerade dabei ist, ein Mädchen zu werden...Es liegt einem förmlich auf der Zunge, den Autor zu fragen: "Are you Mr William Abbott Mr Irving?" Überhaupt wirkt das Buch so, als ob das Leben Irvings Pate gestanden hätte, (wenn man alleine schon das geschilderte Schriftsteller-Leben nimmt oder die zitierten Stellen bekannter Werke wie etwa "Grosse Erwartungen" von Dickens nimmt) oder schon wie eine Autobiographie verfasst wurde...Irving geht mit dem Leser durch einen Zeitrahmen bis in die heutige Zeit, also gut 50 Jahre, Zeitsprünge die wir hier vorfinden inklusive.
Geschrieben ist es lustig, stellenweise richtig gut zu lesen, zweideutig, ernsthaft, berührend, konfrontierend, lüstern, brutal, traurig, nachdenklich, wir finden hier wirkliche brillierende Passagen bis dahin, dass sich ganze Story irgendwann ausläuft und beginnt, das Interesse beim Leser kaum noch zu halten, ab Seite 650 fand ich das Ganze irgendwann gesättigt und ausgetreten. Irving erzählt Lebensverläufe bis hin zum Tod, von Freunden, Freundschaften die ursprünglich im Knabeninternat, wo u.a. am Schultheater Shakespeare aufgeführt wurde, wo Liebschaften entstanden, sowohl zu Mädchen als auch zu Jungen, wo die homosexuellen Schilderungen in gewisser Weise stärker gewichtet sind oder vorkommen. Die Protagonisten "Kittredge" und "Miss Frost" dürften sicherlich einer der stärksten Charaktere in diesem Roman sein. Miss Frost die einst 1935 Kapitän der Ringermannschaft (unbesiegt) war und selbst 73-jährig kämpfend stirbt, hatte auf Billy grossen Einfluss. Und dann ist da noch jener gemeine "Kittredge", in den er sich verliebt, ihn jedoch provozierend und gemein behandelt, Anziehung und Abstossung geben sich zumindest hier Klinke in die Hand...
Der Roman beginnt mit folgender Passage: "Ich möchte damit anfangen, von Miss Frost zu erzählen. Auch wenn ich immer sage, ich sei Schriftsteller geworden, weil ich im prägenden Alter von fünfzehn einen bestimmten Dickens-Roman las, war ich in Wahrheit jünger, denn als ich das erste Mal Miss Frost begegnete und mir vorstellte, Sex mit ihr zu haben, bedeutete dieser Augenblick meines sexuellen Erwachens zugleich die Sturzgeburt meiner Phantasie. Was wir begehren, prägt uns. Ein flüchtiger Moment verstohlenen Begehrens, und ich wollte Schriftsteller werden und Sex mit Miss Frost haben - nicht unbedingt in dieser Reihenfolge." In gewisser Weise, beschreibt Irving hier schon den roten Faden, der das kommende ganze Buch bestimmen wird.
Am Ende des Buches sagt Billy zu Kittredges Sohn: "Mein lieber Junge, bitte stecke mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein, bevor du mich überhaupt kennst!", hatte Miss Frost zu mir gesagt; ich habe es nie vergessen. Ist es denn ein Wunder, dass ich genau das zu dem jungen Kittredge sagte, dem arroganten Sohn meines alten Widersachers, meiner verbotenen Liebe?
Insofern könnte man diesen Roman dahin zuordnen, mehr Akzeptanz den nicht "normalen Formen" von Sexualität gegenüber aufzubringen und dass wir uns im Grunde keine Urteile erlauben können, wenn wir nicht im Geringsten diese Menschen je kennengelernt haben. Eine sexuelle Identitätssuche, die sich eine urteilsfreie Möglichkeit wünscht. Irving erzählt die Zeit, als Aids aufkommt, wie die Menschen damit umgehen und auch wie sie davon betroffen sind. Selbst so manche Todesstunde beginnt Irving hier zu zeichnen, wo Momente von Rückblenden und aufflammende Erinnerungen nochmal aufsteigen, in eine Zeit die die Menschen damals oftmals mit "verbotenen Lieben" geprägt hat, mit all ihrem Ringen, ihrer sexuellen Entwicklung, ihrem Interesse an Literatur und Theater, an der Sportart Ringen und dem was einstige Freundschaften damals ausmachte..
Übrigens ist das Erfolgsrezept eines John Irving recht einfach: Man schildere zuerst die Charaktere, mache sie sympathisch, bis der Leser anfängt die Figuren oder eben den Hauptprotagonisten zu mögen. Hat er den Leser dann endlich soweit führt Irving seine Protagonisten in Situationen, die der Leser im Grunde nicht will und er sich um ihn sorgt. Natürlich immer so, dass der Leser mehr weiss und die Zukunft sehen kann, als seine Figuren. Sie wissen im Grunde nie, was auf sie zukommt, während der Leser längst so manchen Verlauf und Geschehen voraus ahnt....offensichtlich dürfen wir davon bereits im nächsten Roman davon kosten, der in Mexiko handeln wird...
(Kleiner Nachtrag am 18.11.2012)
John Irving gibt am 11.11.2012 im Schauspielhaus in Zürich eine Lesung.
Bewertung: 3,5 Sterne.
Tipp: Sehenswert, die DVD:
John Irving und wie er die Welt sieht