"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So beginnt die Geschichte des Josef K., dem von einer mysteriösen Behörde der Prozeß gemacht werden soll. Und je mehr er seine Unschuld verteidigen will, um so tiefer sinkt er ins Gestrüpp undurchschaubarer Gesetze und menschlicher Verwirrungen.
Dieser Gedanke aus Kafkas Roman "Der Prozeß" zwingt nahezu zu Ende gedacht genau zu der Idee, die "In der Strafkolonie" vollendet wird. Beide Erzählungen entstammen dem gleichen Jahr (1914), beide bedingen sich in gewisser Weise und dort, wo das Gericht in einer sturen, mechanischen Art zum Prozeß und zur Verurteilung kommt, genau dort führt die Erzählung zum Aufblitzen des Technokratischen: "Es ist ein eigentümlicher Apparat". Mit dieser Feststellung führt der Offizier den Forschungsreisenden, eingeladen einer Exekution in der Strafkolonie beizuwohnen, in die detaillierte Beschreibung dieser Hinrichtungsmaschine ein.
"Apparat" als Begriff in seiner Doppeldeutigkeit konnte von Kafka (1883-1924) nicht besser verwendet werden, zeigt er hier wie dort (Der Prozeß) auf die Metamorphose vom Menschlichen zum Technischen, in beiden Erzählungen gelten Unkenntnis des Verurteilten zu seinen Vergehen, der rein rationalen, maschinellen, inhumanen Abfertigung zu einem Urteil und seiner Vollstreckung. Selbst die Vergehen sind nicht einmal zu benennen, denn "Die Schuld ist immer zweifellos". Gleichzeitig offenbart diese Sicherheit in Gesetzesfragen, dass niemand sich in das Gericht einzumischen hat, sogar, dass dieses Gericht ohne höhere Gerichte über sich von einer einzigen Person geleitet wird, die zugleich richtet und vollzieht. Das letzte, höchste und wenn man so will jüngste Gericht. Das, was der Mensch nicht kennt, was für unweigerlich und unabwendbar gilt und empfunden wird, was unbekannte Ursache und unbekannte Folge hat, das ist des Menschen Schicksal. Sein vorbestimmter Weg. Sein Leben, welches nur am Ende hoffend sicher ist. Und so ist in der Strafkolonie des Lebens der Tod Erlösung.
Die Vollendung der Strafe dauert 12 Stunden, dem in Unkenntnis verurteilten, dem auch das Verbrechen nicht bekannt gegeben ist, wird von diesem besonderen Apparat das übertretenden Gebot als Stempel auf den Körper tätowiert. Um die sechste Stunde wird der Verurteilte dann still, eine Assoziation von Golgatha. "Verstand geht dem Blödsinnigsten auf" und der, dem Schicksal ein Kreuz ist, entziffert in den folgenden sechs Stunden die Strafe aus den Wunden. Ist die Botschaft geritzt, nimmt der Apparat den Verurteilten mit dem letzten Stich, spießt ihn auf und übergibt ihn der Grube. Im Tod wird er freigegeben. Weil die zweifellose Schuld sich im Tode erst erlöst.
Der Reisende ist Zuschauer, Begutachter, gegen die Todesstrafe, weil "in europäischen Anschauungen befangen", aber eben auch hörig gegenüber den Kompetenzen. Einmischen gehört nicht zu den Gepflogenheiten und so duldet er im Stillen, wissend, dass unabhängig von ihm die Dinge ihren Lauf nehmen. Einmischung in eine Welt, in der er als Reisender zu Besuch ist, ist im nicht auferlegt. Auch hier zeigt Kafka seine kritische Haltung, vielleicht aus biographischer Sicht.
Der Offizier, begeistert vom Apparat, von der Macht und getrieben vom toten "alten Kommandanten", der aber immer noch posthum als Geist leitend war. Ihm galt es zu folgen, immer - auch wenn der Offizier sich einzig mutig fühlte, dieses zu zeigen. "Dieses Verfahren [...] hat gegenwärtig keinen offenen Anhänger mehr. Ich bin der einzige Vertreter des Erbes des Kommandanten". So will er den Reisenden überreden, gegen den neuen Kommandanten zu sprechen und als dieser sein klares "Nein" zeigte, wandelt sich die Geschichte des Offiziers in die Notwendigkeit, den Verurteilten frei zu geben und das, was die Maschine bewirkt, sich selbst zu geben. "Sei gerecht" wird er sich selbst einstechen lassen und während der Prozedur zerbricht die Maschine, sie vollendet nicht die Tilgung der Schuld, sie schafft nicht mehr, den toten Offizier in die Grube zu werfen, nicht mehr, das Absolute im Tode zu erreichen. "Kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken". Dem zuvor Verurteilten bleibt ein lautloses Lachen, dem Offizier fehlt jede Mimik eines glücklichen Endes, dass er als verführtes Opfer sehnlich pries, als in eigener Entscheidung reales Opfer nicht erreichte.
Mystisch wird Kafka in vielen Erzählungen. Auch hier lässt er den Reisenden zum Grab des alten Kommandanten gehen. Nicht auf dem Friedhof wurde der Frevler begraben, in einem Teehaus unter einem Tisch befand sich ein Grabstein. Die Prophezeiung sagt, der Kommandant würde wieder auferstehen, wo er jetzt doch mitten unter ihnen ist, und die Wiedereroberung der Kolonie betreiben. "Glaubet und wartet" ist die Inschrift des Grabsteins, die alle Umstehenden mit dem Reisenden gelesen haben. Und auch alle Leser dieser Erzählung. Der Reisende verließ die Kolonie allein, er hielt sogar die, die mitzugehen drohten vom Sprung ins Boot ab. Der Denkende ohne Handlungsbereitschaft und Glauben will mit denen, die handeln und glauben, nicht in einem Boot sitzen.
Kafka der Zweifler, befindet sich hier inmitten derjenigen, die an Recht und Ordnung bis zur Selbstaufgabe glauben. Kafka, eben dieser Reisende, dem es hier gelang, in nicht unmittelbar religiöser Rede davon denkend zu sprechen, dass ein Leben ohne die Existenz Gottes, ohne Metaphysik nur ein vegetieren sei. "Dass der autonome Mensch, unfähig, Schatten zu werfen und Schatten zu tragen, konturenlos sei", wie Walter Jens mal schrieb.
Kafkas Attribute und Fähigkeiten, die Rationalität des Irrationalen, die Selbstverständlichkeit des Paradoxen, die Alltäglichkeit der Metaphysik zu zeigen in einer wahrhaft besessenen Detail-Freudigkeit, kommen auch in dieser bravourösen Erzählung voll zu Geltung. Keiner außer ihm ist in der Lage, die Frage nach dem Menschen so nahe an den Rand der Antwort zu schieben.
Von daher empfiehlt der Rezensent Kafka und eben diese Erzählung.
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