"In Her Shoes" war eine Verlegenheitswahl im Kino - bis heute habe ich ihn danach wohl vier-, fünfmal wieder geschaut. Ich kann mir nicht helfen - irgendwie hat dieser Film etwas so Lebensfrohes und Berührendes, dass man alle Vorbehalte über Bord schmeißen mag. Die Story: Rose (wun-der-bar: Toni Collette) und Maggie (überraschend gut: Cameron Diaz) sind Schwestern; aber während Rose, die Ältere, erfolgreich als Anwältin arbeitet, lebt Maggie ziellos in den Tag hinein, lässt sich von Kerlen abschleppen und dann im volltrunkenen Zustand von ihrer Schwester abholen. Rose ist angefressen, Maggie trotzig; und als alles zusammenkommt und zufällig Roses aktueller Anwalt-Freund vor der Tür steht, steigt Maggie mit ihm ins Bett. Rose erwischt die beiden natürlich und die Schwestern scheiden (nach einer ungeheuer starken Szene) in bitterem Unverständnis voneinander. Maggie hat kurz vorher herausgefunden, dass die totgeglaubte Großmutter der beiden (herrlich: Shirley MacLaine) noch lebt - und Maggie nistet sich kurzerhand bei ihr ein...
Warum ist dieser Film toll? Ich zähle am besten einfach all die kleinen und großen Dinge auf. Zuerst: Rose und Maggie sind Figuren, die unter der Oberfläche Erstaunliches verbergen. Nicht erst, wenn wir allmählich von dem Schicksal ihrer Mutter erfahren, wird klar, dass Rose eben keine selbstbewusste Karrierefrau und auch Maggie nicht die eindimensionale Schlampe ist. Gerade Toni Collette ist dabei in vielen Szenen zum Niederknien, wenn sie all die Verletzungen, die ihr Charakter verbirgt, an die Oberfläche trägt. Von Collette ist man starkes Spiel ja eh gewohnt; die Überraschung ist Cameron Diaz, die - das ist jetzt ein Kompliment - genau ihren Fähigkeiten (und ihrem Profil) entsprechend besetzt ist. Man nimmt ihr das Mädchen, das nicht erwachsen werden will, sofort ab; aber man nimmt ihr eben auch die durchaus glaubhaft inszenierte Wandlung ab.
Und die findet - ha! - ausgerechnet in einer Seniorenwohnanlage statt. Und damit kommen wir zu einem weiteren erfreulichen Besetzungsfall: Shirley MacLaine überzeugt auf ganzer Linie als Ella Hirsch, die durchaus noch agile Großmutter der Schwestern. Aber neben ihr glänzen auch die zahlreichen alten Damen (und Herren), denen der Film mitunter die besten Gags verdankt ("Hey, sind Sie tot?!"), denen er aber erst Recht auch sein zweites interessantes Thema verdankt: das Altern in Würde. Okay, das klingt jetzt etwas hoch gegriffen und außerdem sind wohlbetuchte ältere Herrschaften in einer komfortablen Anlage kaum repräsentativ für die anonyme Masse der alten Menschen. Aber trotzdem: Szenen wie die, in der Maggie das ganze Korps der Ladies neu ausstaffiert, weisen schon über sich selbst hinaus. Übrigens fällt auch der Rest der Besetzung durchweg positiv auf - Mark Feuerstein ist sozusagen ein Traummann, Candice Azzara ("MEINE Marcia") ein stiefmütterlicher Alptraum, Ken Howard ein warmherziger und auch still leidender Vater - und so weiter.
Es passt einfach. Und ja, es ist vielleicht an manchen Stellen zu dick aufgetragen und ein bisschen viel an Thematik verwurstet. Aber das macht nichts, weil der Film einfach schön und rund ist. Erwähnenswert sind auch die beiden zentralen Gedichte: "One Art" von Elizabeth Bishop und "i carry your heart" von E. E. Cummings. - Es wird nicht alles, was der Film visuell und sprachlich ausstellt, auch reflexiv an die Handlung zurückgebunden; das mag manchem schade und dem anderen als künstlerische Hochstapelei erscheinen. Aber "In Her Shoes" erzählt schließlich auch eine Art Märchen, bei dem am Ende alles vielleicht etwas zu glatt geht, das aber trotzdem kraft seiner Ideen, seiner Figuren und seiner Freundlichkeit Freunde finden sollte.
Wenn der ursprünglichste Auftrag eines Films ist, uns träumen zu lassen und uns mit einem guten Gefühl zu verabschieden, dann hat "In Her Shoes" diesen Auftrag - für mich jedenfalls - erfüllt, und er tut es immer wieder.