Selten gelingt es einem Film dermaßen überzeugend, die Weltfremdheit und den auf sich selbst beschränkten, engen Horizont westlicher Touristen deutlich zu machen, wie dem 2005 gedrehten "Vers le sud" (2006 in Deutschland als "In den Süden"). Dazu wechselt Regisseur Laurent Cantet immer wieder raffiniert den Blickwinkel und die Ebenen zwischen dem Traumhotel, der traumatischen Realität in Port-au-Prince und den kleinen Lust- und Alb-Träumen der Freierinnen und Liebesknaben, der Mätresse, dem beleidigten Ex-Lover und der düster-rachsüchtigen Mutter mit Voodoo-Schein.
Liebesdurstige US-Touristinnen im besten Hautcrème-Alter blenden Armut, Diktatur, Polizeistaat, Rassenfragen und Prostitution perfekt aus, um guten Gewissens die Avancen der jungen Schwarzen nicht nur am Strand des Luxushotels genießen zu können. Ihre Gedanken drehen sich einzig um die kleineren und größeren Rivalitäten mit anderen Freierinnen, sie lieben die Negerlein wie Schmuse-Hundchen. Da entfallen auch "kleinliche" m*ralische Bedenken, wenn sich die 45-jährige Brenda von einem 15-jährigen Jungen ihren ersten Höhepunkt entlocken lässt. Nun, der im Zimmer schmorende Ehegatte hatte als Teenie vielleicht die falschen Leistungskurse belegt.
Haitianer hatten noch vor wenigen Jahren gegen Amerikaner gekämpft und hätten mit Weißen, "geringer als Affen", nicht einmal geredet - heute beugen sich deren Enkel dem Dollar, verkaufen ihre Körper, ihre Zuwendung und ihren Stolz. Außerhalb der Luxusanlage tobt der Überlebenskampf in bitterer Armut, während der Diktator in unfassbarem Luxus schwelgt und lustvoll unter seinen Untertanen wütet wie ein tollwütiger Wolf - womit wir wieder bei den Amerikanern wären, über deren übliche traurige Rolle - Suchbegriffe: "CIA, Haiti, Drogenkartell" - genug zu finden ist.
Eine haitianische Mutter prophezeit düster dem Luxushotel-Manager Albert, dass die abgelehnte Tochter nochmal "in anderer Maske" auf ihn zurückkommen würde. Albert stammt aus einer Familie von Widerstandskämpfern gegen den amerikanischen Imp*rialismus und wird heute durch den Dollar gezwungen, dem schönen schwarzen Gigolo Legba im Kreis seiner verwitterten Verehrerinnen Spaghetti zu servieren.
Während die reifen Damen ihre eifersüchtigen Händel um den 18-jährigen Legba, den charmantesten der Tag-und-Nacht-Betreuer, austragen, zieht in der brutalen Realität der Polizei-Diktatur das Unheil am Horizont auf. Die Maske der düsteren Prophezeiung trägt Legbas frühere Freundin. Nun begreift er, warum sie plötzlich verschwunden war: Sie fährt mit dickem Benz tonnenweise Geschmeide durch die vergammelten Straßen, fürchtet die Brutalität ihres neuen Verehrers, kann aber vom leckeren Legba nicht die Finger lassen. Bald fliegen Legba die Kugeln um die Ohren...
Ménothy Cesar gibt als Black Tiger "Legba" vor tropischer Traumkulisse ausnahmsweise mal eine männliche "Augenweide" ab - kann man sich einen schöneren Platz für eine fette Goldkette vorstellen? Er ist der einzige Protagonist, der seine Welt - Haiti - realistisch sieht. Vielleicht außer dem Zuschauer: Denn gerade durch die Ignoranz der Liebes-Touristinnen (aus mehr oder weniger normalen Verhältnissen...) wird dem Zuschauer deutlich vor Augen geführt, wie wir Erst- und Zweitweltler den Blick vor den Lebens-Realitäten nicht nur auf Haiti verschließen. Alles, was sich nicht um unseren kleinen Luxus dreht, wird zur Erhaltung des Egos von der Wahrnehmung ausgenommen.
Im Inneren spielen ältere Mitmenschen, insbesondere auch ältere Frauen, eine durchaus ähnliche Rolle - ihre Existenz wird von vielen jüngeren überhaupt nicht mehr erfasst, geschweige denn ihre menschlichen Bedürfnisse nach Zuneigung, Liebe und Zweisamkeit.
Im Extrem wachsen die Defizite derart an, dass wir uns unter dem Leidensdruck der M*ral begeben und "Liebe" - was immer das sein mag - kaufen. Natürlich dort kaufen, wo es wenig kostet und das Wetter schön ist. Ob dieser wechselseitige "Druckausgleich" wirklich schlecht ist, sei ausdrücklich dahingestellt.
Formal schwankt der Film zwischen filmischer Erzählung, dramatischem Lehrstück und Unterhaltung. Das ist im großen Ganzen akzeptabel ausbalanciert. Der Voodoo-Rahmen, für welchen die Eingangs-Szene mit dem Hotelmanager Albert den einzigen deutlichen Hinweis bildet, dürfte von den meisten Zuschauern übersehen werden - was ich schade finde, denn das gibt dem Ganzen eine besondere Dimension und webt auch die Terror-Handlung in die übrigen Fäden des Geschehens ein.
Ob der kleine Nachspann - Brendas "Ode an die Unbelehrbarkeit" - abrundet oder zu dick aufträgt, mag jeder für sich entscheiden.
Ein - auch mehrfach! - sehenswerter Film, von dem man viel erfahren kann, ohne sich im Mindesten zu langweilen. Die Charakterstudien der drei prototypischen Frauen, vorzüglich umgesetzt von Charlotte Rampling, Karen Young und Louise Portal, berühren.
Im Original wurde der Film laut IMDB in 1.85:1 produziert. Das 1.77:1-Bild der DVD wirkt gelegentlich etwas verschwommen und verrauscht. Nur die französische und englische Tonspur kommen in DD5.1 - wen's interessiert...
jury 5* A0282 26.12.2010e 12 A E
Charlotte Rampling OBE (* 5. Februar 1946 in Sturmer, England)
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2000 4* A0601
Unter dem Sand....... R: François Ozon D: Charlotte Rampling, Bruno Crémer
2003 -* A0000 Swimming Pool
....... R: François Ozon D: Charlotte Rampling, Ludivine Sagnier
2005 5* A0283
In den Süden....... R: Laurent Cantet D: Charlotte Rampling, Karen Young, Ménothy Cesar
2006 5* A0549
Wir verstehen uns wunderbar....... R: Antoine de Caunes D: Charlotte Rampling, Jean Rochefort