Der Amerikaner Joseph Kanon hat ein unglaublich differenziertes Buch über die Situation und die Menschen im Nachkriegs-Berlin geschrieben. Auch wenn sein Jake Geismar natürlich der unbestrittene Held des Buches ist, so zeichnet Kanon seine Charaktere dennoch nicht in krudem Schwarz-Weiß, sondern in vielschichtigen Grautönen. Wer ist "The good German", wie das Buch im Original heißt? Einer, der den Amerikanern nützt, Raketen zu bauen, egal, was er im Dritten Reich getan hat? Oder einer, der zwar in der Partei war, sich aber einen Rest Anstand bewahrt hat? Oder gar niemand? Wohl Letzteres, denn Menschen sind zu komplex, um in simple Schubladen eingeordnet zu werden.
Ich habe das Buch, ganz seltener Luxus, zweimal gelesen, einmal auf Englisch, einmal auf Deutsch. Zuerst ein "Versehen", da mir wegen des anderen deutschen Titels nicht bewusst war, dass ich das Buch schon kannte. Doch ich wurde sofort wieder in die Story gezogen, was auch der wirklich guten Übersetzung zu verdanken ist.
Das Buch hat mich, nachdem ich vor kurzem selbst in Nordhausen und Dora-Mittelbau vorbei kam, noch mehr gefesselt als beim ersten Lesen. Kanon verzichtet auf billige Effekthascherei und schürft auch unterhalb der Oberfläche eines schlicht spannenden Plots: Was ist Schuld, was ist Verantwortung? Und anders, als viele amerikanische Thriller-Autoren gibt er auch nicht gleich alle Antworten vor.
Jedem, der sich an die schwer verdaulichen Themen Naziwissenschaft /Rüstungsindustrie und Sklavenarbeit zuerst vielleicht eher via eines Romans heran traut, sei dieses Buch empfohlen. Bei mir war es umgekehrt: Auch wo ich wohne, gibt es unterirdische Stollen, entstanden durch mörderische Zwangsarbeit. Ich habe mich also zuerst mit "Realitäten" befasst, bevor ich Kanons Buch gelesen habe. Um so beeindruckter bin ich, dass es ihm mittels eines Thrillers gelungen ist, dieses Thema durchaus ernsthaft und seriös anzugehen. Der Autor hinterlässt nicht den Eindruck, dass es ihm nur Mittel zum Zweck ist, um eine Story voran zu treiben - die er später verfilmt sehen will. Und wenn's nun tatsächlich einen Film gibt, so what? Spricht das gegen den Autor??