Die Schriftstellerin Lena Christ (1881-1920) gehört zu den großen bekannten Unbekannten der Literaturgeschichte. Die erste Hälfte ihres Lebens, die idyllische Kindheit auf dem Lande bei den Großeltern, die Misshandlungen durch die Mutter, die katastrophale erste Ehe, sind vor allem bekannt aufgrund ihrer großartigen "Erinnerungen einer Überflüssigen"; über ihr weiteres Schicksal liegen zwar Aufzeichnungen und Biographien vor, aber deren Objektivität darf zumindest teilweise bezweifelt werden.
Asta Scheib geht in dieser Romanbiographie einen etwas unüblichen Weg, um der Schriftstellerin Lena Christ näherzukommen. Während bisher greifbare Biographien wie z.B. die von Goepfert sich mehr oder (leider oft) weniger reflektiert mit den Quellen über diese faszinierende Frau beschäftigen, nutzt Scheib gekonnt die Möglichkeiten, die das Genre der Romanbiographie eröffnet. Hier muss nicht, wie in einer Biographie, im Vordergrund stehen, was erwiesenermaßen so gewesen ist, sondern, was gewesen sein könnte. Das heißt nun nicht, dass Scheib munter drauflos fabulierte. Im Gegenteil, sie hat nicht nur die einschlägigen Quellen genau überprüft, sondern auch deren bisherige Interpretationen. Dieses Wider-den-Stachel-Löcken hat sich gelohnt; so ganz nebenbei und unaufdringlich stellt sie das in Frage, was bisher als wahr galt (und was i.d.R. nur durch die nicht immer zweifelsfreien Aussagen von Peter Benedix, Lena Christs zweitem Ehemann, gestützt war).
Hinzu kommt, dass sie die bereits angesprochenen besonderen Möglichkeiten der Romanbiographie ausschöpft. Schließlich war es nicht ausgeschlossen, dass Lena Christ Kontakt hatte zum losen Völkchen der Münchner Bohème - es ist nur nichts darüber bekannt. Tatsächlich hätte man es dieser Frau von Herzen gegönnt, etwa mit Erich Mühsam oder Lotte Pritzel befreundet zu sein. Vielleicht wäre ihr Leben dann anders, glücklicher verlaufen - und länger!
Asta Scheib verpackt all diese Überlegungen, die gegen den kanonisierten Strich gebürsteten Quellen ebenso wie die durchaus denkbaren Spekulationen, in einen spannenden Roman. Kein ermüdender "Und dann... und dann"-Stil, ganz im Gegenteil: Das ereignisreiche Leben der Romanautorin Lena Christ wird selbst zum Roman, und zwar zu einem, dessen Stil und Aufbau überzeugen.
Mir fallen spontan zwei mögliche Lesarten ein: Entweder man ist unzufrieden mit den bisherigen Biographien und will mehr über Lena Christ erfahren, oder aber man will einen gut geschriebenen Roman lesen, der Bayern und vor allem München um die Jahrhundertwende thematisiert. Beide Interessen werden hier befriedigt, und dass das Interesse an Leben und Werk Lena Christs dadurch steigen wird, scheint mir sicher.