Bette Davis als Superschurkin und Robert Wagner in ihren Fängen, eine dubiose Organisation, welche die Gedanken ihrer Opfer kontrolliert, klingt schön schräg und ist es auch. Der Film wird nicht die Welt verändern, aber wer sich auf ihn einläßt, wird recht passabel bedient. Bette Davis gibt die Superschurkin irgendwo zwischen Dr. Fu Man Chu und diversen Bond-Gegnern mit Schmackes, sie ist mehr als nur eiskalt, sie ist dies mit einer gewissen durchaus emotionalen Freude. Hier lohnt sich die englische Originalfassung, denn die gar nicht mal so tiefe Stimme, mit der sich Bette süffisant an ihren Plänen delektieren kann, bringt dies noch besser zum Ausdruck. Bette klingt hier manchmal ein bißchen wie in "Mrs. Skeffington", wo sie am Schluß eine wesentlich ältere Frau spielt, immer etwas affektiert, aber auch ein bißchen liebenswürdig, und das paßt in "Madame Sin" sehr gut, da es eher bedrohlich wirkt. Der Rest der Crew ist, nun ja, passabel.
Der Film ist fürs Fernsehen produziert worden, und ein wenig merkt man es ihm im Guten wie im Schlechten an. Für einen Agententhriller gibt es etwas zu wenig Action, der switch am Ende ist ein wenig vorhersehbar, hier hätte the switch of the switch of the switch kommen müssen... Bei der Ästhetik nutzen die Macher das Medium hingegen sehr gut; auf komplizierte Kadrierungen und Kamerafahrten muß man zwar verzichten, aber der Schnitt ist z.T. sehr interessant (wenn z.B. in einer Szene parallel zur Musik im Sekundentakt auf verschiedene Personen geschnitten wird). Auch darf man beim Fernsehen interessante kleine Details im Hintergrund nicht so sehr erwarten wie im Kino, dafür ist die Kamera aber in ihren Großaufnahmen unerbittlich intensiv und rückt Robert Wagner gelegentlich so dicht auf die Pelle, daß fühlbar wird, wie sehr Madame Sin ihn kontrolliert (so sehen wir z.B. einmal ein Auge in Großaufnahme, und es sieht nicht gut aus, da wird der Mann sehr verletzlich und ist ganz schutzlos ausgeliefert). Das im Vergleich zu Kinofilmen geringere Budget haben die Macher z.T. recht gut genutzt. So ist es ein hübscher Einfall, daß Madame Sins Geheimwaffen hauptsächlich in Gedankenkontrolle (ist einfach zu visualisieren und hat man gefälligst zu glauben) und in (im wahrsten Sinne des Wortes) nervtötenden akustischen Signalen bestehen (da muß nur ein Schauspieler sich schmerzverzerrt die Ohren zuhalten und zusammenbrechen, und den Rest besorgt der Toningenieur später). Diese Akustik-Idee wird auch für einen recht interessanten Sound genutzt, bei dem einmal sogar die Erwartung gezielt getäuscht wird: Wir halten schrille Klänge für "nicht-diegetische" Filmmusik (also solche, die sich nicht gleichzeitig in der Filmhandlung abspielt), sehen dann aber einen Mann an einem seltsamen Instrument Saiten anschlagen, die diese Töne erzeugen, und müssen in einem dritten Schritt feststellen, daß es sich nur um eine Illusion, ein Hologramm, handelt. Solche netten Einfälle weisen deutlich über den Fernsehstandard der frühen 70er heraus - leider gelingt dem Film dies, vor allem gegen Ende, nicht immer. Die Handlung ist natürlich völliger Quatsch, das gehört zum "Sich-darauf-Einlassen". Letztlich verhält es sich bei diesem Film wie bei so manchem Speisepilz: Eßbar für den, der's mag. Daher 3 Sterne.
Die Ausstattung der DVD ist nicht so dolle, kaum Extras, keine Untertitel, immerhin englisch und deutsch.