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Die Aporien geteilter Intimität
Gedichte von Joachim Sartorius «Weil die Sprache von allen die Sprache von niemandem ist, muss man sich eine Sprache finden, um das Intime den toten Punkt aller positiven Diskurse zu verbalisieren.» Mit diesem Satz beginnt die Annäherung an die ziemlich grundsätzliche Frage, was denn ein Gedicht sei. Vermutlich muss jede Generation von Lyrikern sie sich neu stellen. Joachim Sartorius tut es im Vorwort seines «Atlas der neuen Poesie». Diese 1995 erschienene Anthologie, in der er 65 Lyrikerinnen und Lyriker aus 36 Ländern versammelt, wurde für die Epoche der jüngeren Lyrik nach 1960 zu jenem Standardwerk, das Enzensbergers «Museum der modernen Poesie» für die klassische Moderne bis 1945 ist. Vornehmerweise fehlte im Atlas die Stimme des Herausgebers selbst, obwohl Sartorius damals bereits zwei Lyrikbände veröffentlicht hatte; ein dritter war in Vorbereitung. Nun ist eine schmale Auswahl mit früheren und bisher unveröffentlichten Gedichten erschienen. Wenn Gedichte «wie Strom, wie Tankstellen» zur Verfügung stehen müssen, so ist dieses Bändchen eine sichere Energiequelle. Es passt in jede Manteltasche, als ein Gegengift, eine Kapsel reinen Sauerstoffs. Expedition in die Sprachwelt Das Verblüffendste ist, dass die Texte wirken, auch wenn zumal beim ersten Lesen durchaus nicht immer klar ist, von was sie handeln. Sie bestechen durch Sprachtrotz. Die Gedichte beschreiben die paradoxe Loslösung vom allgemeinen Sprechen, in dem die Empfindungsschocks und -irritationen nicht mehr auszusprechen sind, bei einer gleichzeitigen unbedingten Annäherung an die zu vermittelnde Erfahrung. Komplizierend wirkt dabei, dass wie bei aller modernen Poesie die Sprache selbst ein Feld des Erlebens wird. Wenn aber Sprache «Hinterland» ist, das es zu bereisen gilt, «oder besser Tiefsee», die zu ergründen ist, dann sind die toten und lebenden Dichterkollegen immer auch heimliche Teilnehmer der persönlichen Sprachwelt-Expedition. Sie prägen das Gelände mit; man wird sich auf sie berufen, man wird sie anrufen, John Ashbery zum Beispiel, Wallace Stevens. Joachim Sartorius, Jahrgang 1946, heute Intendant der Berliner Festspiele, arbeitete lange im diplomatischen Dienst; er war Leiter des DAAD und Generalsekretär des Goethe-Instituts. Seine Verse tragen Spuren aus der Biographie eines reisenden Weltbewohners. Es gibt ägyptische Filme und den Mond über Istanbul, das Exil auf Zypern und Gräber in Nizza, den schmutzigen Arno bei Arezzo, Rolf Dieter Brinkmann in Rom, Aprillicht in Budapest oder einen kalligraphischen Schneemorgen im Englischen Garten in München. Alexandrien erscheint als die Stadt von Konstantinos Kavafis, dem ein ganzer, über zehn Jahre geschriebener Zyklus gewidmet ist. All die fremden Orte sind Grenzübergänge zu intimen Topographien; sie führen in ein riskantes, exquisites Metapherngelände. Es ist, als machten sich die Gedichte auf die Suche nach Wortsensationen, die das Erlebte im Nachhinein noch einmal und intensiver entdecken können, weil sie es überwunden haben. Sie verdichten und dann diktieren sie ihren neuen Sinn. Konkret sieht das so aus: Jedem Wanderersein verlederter Froschjedem Cafésein Sotto-voce-Streitjeder Katzeihr Mäuseleben unterm Buchsjedem Barbierdas eigene Klingenspiel Jedem:seine Hökerinmit den süssesten Trauben «Vieux Jeu» heisst das Gedicht. Der Dichter hat seine Bildkarten hingeworfen: dem Wanderer, dem Café, der Katze, dem Barbier. Alle haben bekommen, was zu ihnen gehört, wobei die Kühnheit der Bilder zunächst abnimmt. Der «verlederte Frosch», auf den jeder, der oft wandert, schon einmal mit der Fussspitze gestossen sein mag, ist weit ungewöhnlicher als das «Klingenspiel» des Barbiers. Aber wenn wir lesend beim Barbier angekommen sind, haben wir begriffen, wie das «Vieux jeu» funktioniert. Und nun bekommen wir unsere Karte: die «Hökerin mit den süssesten Trauben». Eine Hökerin ist eine Krämerin, und was wäre sie in diesem Spiel anderes als ein Emblem für das, was «Jedem» an Süsse gebührt. Aber wie gebührt? In der Hökerin steckt das «Verhökern». Unversehens sind wir von ihr, die mit den Trauben lockt, verraten und verkauft. Und so, am Ende durch die «süssesten Trauben» beschenkt und zugleich irritiert, lesen wir zurück und entdecken, dass auch alle anderen in diesem alten Spiel hintergründig bedacht wurden. Der Wanderer trifft auf das mumifizierte Tier, das Café ist der Ort der Trennung, die Katze frisst die Maus, und der Barbier spielt an der Kehle mit dem Messer. So gibt das Orakel des «Vieux Jeu» ein wehes Lebensversprechen in einem irisierenden Bild: «Jedem: / seine Hökerin / mit den süssesten Trauben». Poetische Metamorphose Andere Gedichte sind weit hermetischer. «Aus dem Glossar der Prostitution in Algier» etwa spult einen vielzüngigen Kanon von Namen, Imperativen oder, wer weiss: Stellungen, Produktbezeichnungen, Flüchen ab, der die harte Kunstwelt nordafrikanischer Bordelle suggeriert, käuflich offen und letztlich geschlossen wie der Raum des Gedichts. Es beginnt: Aufrecht im ArianBandmaster und Begumcouill'-à-culestoc fadoklaren, klagenden Kopfesfissa fissa kouçaLocken aus falschem Jet Sartorius ersetzt verhandelbaren Sinn durch Intensität. Seine Verse sind sehr emotional und dabei sehr intellektuell. Sie gehen präzise aufs Ganze, als sei die Nagelprobe auf die Liebe in der Poesie zu machen. Und umgekehrt. Viele seiner Gedichte thematisieren die körperliche Liebe oder ihren grossen Bruder, den Tod. Meist beginnt die poetische Metamorphose mit dem Auge, mit dem vielleicht verbotenen Blick. Sehen ist Überschreiten. «Was hat sie ihm erlaubt zu sehen?», fragt ein Gedicht und spielt mit der Sage von Aktäon, den Diana in einen Hirsch verwandelte. «Was sieht man, / wenn man sieht?» Erinnernd tastet ein Ich die initialen Bilder ab: «Ich habe die Sichel / in ihrem Haar gesehen. Ich habe / den Rücken der Welt im Wasser gesehen.» Bis mit dem Erkennen die Bilder verschwinden: ich habe dem Wasser beigewohnt, der schnellenwahnsinnigen Furt. Ich habe das Lichtvom Licht unterschieden. Danach ist nichts. unterschieden. Die Bienen schweigen, unterschieden.die Vögel, die vorbeiziehenden Wolken. Doch unversehens ist der, der da spricht, ein anderer geworden, hat ein Fell, wittert den Ort, und seine «Hufe versinken im Schlamm». «In den ägyptischen Filmen» öffnet die Liebesgeschichte auf der Leinwand die Momentaufnahme einer Kindheitserinnerung. Die unverständlichen Verheissungen auf dem alten Zelluloid holen schleierhaft das epileptische Kindermädchen zurück, das sich im Spiegel vor dem Jungen auszieht und sich eine rote Katze auf den Schoss setzt: Dann essen wir Datteln und Trauben, strahlend.Ein Zeremoniell. Diese Filme sind ein Fest. Welche Filme sind ein Fest? Das erste erotische Leuchten im Spiegel? Die Erinnerung daran? Die Momente in den ägyptischen Filmen, die sich mit dieser Kinderszene aufladen? Oder die poetische Einstellung, die all diese Blicke flimmernd zusammenfasst: hier und für immer in diesem Gedicht? Vor dem Abspann legt der Held die Lippenin ihr schwärzestes Haar. Das ist alles. Bilder können in Bildern auferstehen, sie können Lauffeuer der Epiphanien und Verwandlungen entzünden. Und was mehr liesse sich von Poesie erhoffen, als dass sie ungeheure Augenblicke schenkt, die am Ende nicht weniger leisten, als dass sie uns des Lebens versichern. Angelika Overath
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