Reinster, ursprünglichster Glass, noch nicht symphonisierend großtätig, ohne elektronische Dickmacher wie in der fragmentarischen, opportunistischen Ursprungsfassung auf Sony Classics, präzise, luftige, leichtgewichtige Musik, deren Tanzkontext gar nicht erst angedeutet werden muss durch Cover und Liner Notes, denn Tanzen will man dazu aus eigenem Antrieb, Tanzmusik ist das durch und durch. Wer ein exemplarisches, rundes Werk aus dieser Phase NACH den nüchternen Exerzitien von "Music in the Shape of a Square" bis hin zur zwölfteiligen Orgeleipermanenz für Hardcorefans und VOR dem fast schon tiefgründigen "Concerto for Violin and Orchestra" sein Eigen nennen möchte, dann sollte man nicht "The Photographer" oder "A Madrigal Opera" erwerben, sollte auch "Glasspieces" nicht an erste Stelle setzen (vielleicht an zweite), sondern "In the Upper Room" in dieser Original-Fassung, und nur in dieser, in den Player schieben. Wenn man denn nichts gegen ganz einfache Formen hat. Ich will dieses Ballett gewiss nicht auf eine Stufe mit Piet Mondrian stellen, aber seine geometrischen Kompositionen sind ebenfalls von schwedischen und anderen Teenagern, gibt man ihnen Leinwand, Lineal, Pinsel und Farbe, reproduzierbar, doch genau darum geht es: Die Erfindung zählt, wer hat das als erster umgesetzt, wer hat sich die Mühe gemacht, die Abstände auszutüfteln, zu verschieben, bis sie Sinn ergeben, Wohlgefallen auslösen?
Stockhausen machte sich vor Jahrzehnten die Mühe, die Linien und ihre Abstände abzumessen, um die Wirkung von Mondrians großzügigen Gittern zu verstehen. Seine Bilder hatten eine nicht geringe Ausstrahlung auf Teile der Darmstädter Avantgarde, ähnlich wie die Mobiles von Alexander Calder auf die New York School. Würde jemand behaupten, dass man Mondrian oder Calder ohne jegliche Vorbildung und Technik kopieren könnte? Keiner tut es, aus gutem Grund, denn Kunst ist nicht nur ihre Ausführung (das Handwerk), sondern auch und vor allem ihr Konzept. Bei Glass hingegen wird niemand müde zu betonen, dass das doch jedem gelänge, wenn er oder sie nur wollte. Natürlich ist das so, aber man wäre dann ein blässlicher Nachahmer. Glass wäre in der Lage, wenn sein Leben davon abhinge, in etwa wie Charles Wuorinen zu schreiben (wenn brutale Entführer ihn dazu zwingen, nur dann). Er tut es nicht, weil er etwas anderes will, er ist aus anderen Gründen auf dieser Welt. Was ist daran lächerlich? Ich mag "In the Upper Room", was aber nicht bedeutet, dass es eine zwingende Anschaffung ist. Man kann herrlich ohne "In the Upper Room" existieren und statt dessen "Theseus Game" verfolgen oder sich vom späten Strauss einseifen lassen. Niemand muss Glass hören, das sagt er selbst und meint es ernst.
Die Harmlosigkeit dieser Musik, dieses Oberflächengetue, dieses reine Vergnügen, das macht mich auch stutzig - warum verweigert sich Glass jeglichen Inhaltes? In neun Nummern, die längste dauert weniger als neun Minuten, die kürzeste nur 70 Sekunden, werden - wie man das kennt - repetitive Notenfolgen vorgestellt, etwas ausgebaut und irgendwann willkürlich gestoppt. Ohne Synthesizer macht diese Musik vor allem dann ansatzweise Spaß, wenn keine quiekenden Trompeten, die wie Plastikorgane klingen, dazwischen blechern. Mir gefällt auch nicht die Frauenstimme im letzen Stück, das ist mir zu sehr Poptunegeste. Eine trotzdem angenehme, in keiner Weise fordernde Hintergrundfolie, die Tyla Twarph zu einer etwas allzu traditionellen Choreographie inspirierte (wer Forsythe oder Cunningham gewohnt ist, wird das erst recht denken) und ursprünglich gar keinen Titel hatte. Die CD-Produktion ist schön gestaltet, verzichtet weit gehend auf Plastik, der einführende Text ist jedoch etwas zu kurz. Wie kommt es beispielsweise zu dem Titel, wovon handelt das Libretto? Dazu muss man dann schon die Homepage der Choreographin besuchen, die auch Musicals und Sinatra-Songs vertanzt hat. So richtig Avantgarde, zu der Glass sich seit frühestem hingezogen fühlt, ist das keinesfalls. Tharp hat übrigens 19 Ehrendoktorwürden, immerhin. Mich kümmert das nicht, denn das Visuelle bleibt für mich unsichtbar, wenn ich die CD einlege. Ich höre mittelschöne Musik, deren Schönheit sehr, sehr flüchtig ist. ---------- Weg ist sie.