Ein Tipp vorweg (Stand Dez. 2011) Ich konnte die Serie über Amazon.fr inkl. Transportkosten deutlich günstiger bestellen, als sie hier angeboten wird.
Inhaltlich überzeugt In Treatment 3 auf hohem Niveau: Im Hinblick auf Qualität und Unterhaltungswert würde ich sie ein klein wenig hinter der ersten Staffel, aber vor der zweiten Staffel einordnen.
Diesmal hat Paul Weston nur drei Patienten und - eher zufällig - eine neue Supervisorin. Der erste Fall betrifft einen älteren bengalischen Mathematiklehrer, der von seinem in den USA lebenden Sohn nach dem Tod der Ehefrau aufgenommen wurde, sich aber völlig einsam fühlt. Der Schauspieler selbst verkörpert in wunderbarer Weise die Würde und leise (Selbst-) Ironie des älteren Herrn. Die zweite Patientin (Debra Winger) ist eine Schauspielerin, die darunter leidet, dass sie ihre Textzeilen ständig vergisst. Konflikte in der eigenen Ehe, im Elternhaus, vor allem mit der Schwester spielen eine große Rolle. Diese Angaben vermitteln jedoch keinen Eindruck vom Charisma von Debra Winger. Allein das Mienenspiel, das zwischen spitzbübisch, leidend und aggressiv bohrend in Sekundenschnelle changieren kann, fesselt den Zuschauer wie sonst kaum einmal eine Actionszene. In der Medienpresse war viel über die Kompliziertheit von Winger als Person zu lesen; sieht man aber, wie harmonisch sie gealtert ist und wie diese Frau auf eine sehr natürliche Weise eine umwerfende Schönheit ausstrahlt, muss man ihr Lebenswerk insgesamt bewundern. Den Zuschauer schlägt sie von Anfang an in ihren Bann und lässt ihn nicht mehr los
Der dritte Patient ist - Parallelen gab es auch in den anderen Staffeln - ein echter Nerv: Es handelt sich um ein Adoptivkind mit homoerotischen Neigungen, der zu einem extrem regressiven Verhalten (kindische Albereien, infantile Wutanfälle und Zusammenbrüche) neigt. Erst im Laufe der Staffel zeigt er teilweise menschliche Tiefe, die berührt. Als Abwechslung und Kontrastprogramm gegenüber den anderen vergleichsweise ruhig und tiefsinnig verlaufenden Episoden überzeugt dieser Teil jedoch auch.
Die neue Supervisorin ist Amy Ryan, bekannt als Ermittllerin und Hafenpolizistin Beadie in "The Wire" (ab Staffel 2). Weston sucht sie nur zufällig auf, um sich ein Schlafmittel zu verschreiben. Es wird daraus ein regelmäßiger wöchentlicher Schlagabtausch. Ich brauche hier keinem Fan darzulegen, dass der Weggang von Dianne Wiest einen herben Schlag bedeutete. Aber Ryan füllt meiner Auffassung nach die Lücke voll aus. Sie verfügt vor allem über einen selten charismatischen Blick, der einerseits sehr warmherzig, andererseits aber auch in bedrohlicher Weise durchdringend wirkt. Ausgehend von dieser beinahe hypnotisierend zu nennenden Wirkung spielt Ryan aus einer großen inneren Ruhe heraus mit wenig Mimik und geringen Gesten. Ihre wenigen Bemerkungen treffen daher besonders tief. Sie entfaltet jedenfalls ein Mienenspiel, das man nicht vergisst.
Die Staffel umfasst acht Wochen und kann uneingeschränkt empfohlen werden!
Man möchte fast selbst in die Kleinkindrolle regredieren und aufheulen, dass HBO die Serie "in dieser Form" nicht weiterführt. Wieviel flache Formate, die eine Grundidee 256mal variieren, haben nicht endlose Fortsetzungen erlebt. Aber HBO wird auf die Gebühreneinnahmen sehen müssen. Für mich handelt es sich um die Königin der amerikanischen Fernsehserien. Keine Handlungsidee, keine Actionsequenz reißt jedenfalls mich so mit, wie die leisen Dramen dieser drei Patienten und ihres Therapeuten!