Die Idee einen gesellschaftskritischen Film zu machen, wo Lebenszeit Geld ersetzt, ist sehr innovativ und versprach großes Potential. Das Bild ist gut, die Schauspielleistungen der Hauptdarsteller in Ordnung und die Blu-ray hat sehr viele Sprach- und Untertitelspuren. Soweit so gut.
Dafür vergebe ich zwei Sterne. Mehr werden es aber leider nicht.
Denn ich finde die Idee nur sehr schlecht umgesetzt. Die Wandlung vom sich am Anfang abzeichnenden düsteren Science-Fiction-Thriller zur Bonnie&Clyde-fast-schon-Komödie fand ich extrem unpassend. Der Film hat an allen Ecken und Enden scheunentorgroße Logiklücken. Ich bin gewillt bei Filmen ein paar Logiklücken hinzunehmen. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die gesamte Handlungslogik zusammenbricht, die Filmwelt als Ganzes völlig unplausibel wird und ich nicht mehr den Eindruck habe, dass es sich lohnt, sich gedanklich auf diese Welt einzulassen. Dieser Punkt ist in dem Film meiner Ansicht nach leider weit überschritten. Hier nur ein paar Beispiele (Achtung Spoiler):
- Beim ersten Mal beim Tod von Wills Mutter war die Wenige-Sekunden-vor-Tod-Nummer vielleicht noch ein akzeptables dramatisches Element. (Auch wenn es da schon wenig plausibel wirkte, dass die Mutter es riskiert, seelenruhig 2 Tage zurückzuzahlen, wenn sie minus erwartetem Busfahrtpreis nur noch eine halbe Stunde übrig hat, insb. wenn es offenbar üblich ist, dass Preise sich deutlich erhöhen und es ja durchaus auch sein könnte, dass Will sich aus irgendeinem nicht von ihm zu verantwortendem Grund verspätet.) Beim zweiten Mal als er im Casino bis wenige Sekunden vor Tod zockt hatte ich schon erheblich größere Bauschschmerzen - denn seinem fiesen Gegner hätte man ohne weiteres zugetraut, dass er einfach noch ein paar Sekunden verzögert, bis er die Karten auf den Tisch legt und durch Wills Tod gewinnt ehe er 1100 Jahre riskiert (insb. wo er später nicht mal bereit ist, 1000 Jahre Lösegeld für seine Tochter zu zahlen). Wie konnte Will das riskieren ohne vorher überhaupt auf seine Uhr zu schauen (vielleicht wäre er ja schon knapp unter 200 Jahre gewesen), insb. wo er seinem Jahrhundert-Gönner vorher quasi versprochen hatte, dessen Zeit nicht zu verschwenden? Völlig absurd wurde es dann am Ende, nachdem Willie und Clydevia schon eine ganze Weile sehr viel Zeit gestohlen hatten, dann eine Million Jahre stehlen und danach einfach mal vergessen, sich mal wenigstens ein paar Tage davon auf ihre eigenen Uhren zu packen, so dass sie mal wieder mit wenigen Minuten kurz vor Tod durch die Gegend hetzen müssen? Völlig absurd. Es wirkt auch wenig überzeugend, dass der Timekeeper-Polizist öfter kurz vor Tod rumläuft, um Dieben keinen Anreiz zu geben - sagen wir ein Tag Puffer würde ihm da wohl kaum schaden, aber sehr viel nützen.
- Völlig unrealistisch ist auch, wie leicht unsere beiden Protagonisten Zeit rauben können. Das soll schließlich eine Welt sein mit sehr vielen sehr verzweifelten Menschen, für die es buchstäblich um Leben und Tod geht. Da wären sicherlich schon mal ein paar mehr Leute auf die Idee gekommen, einfach mit einem LKW in eine Bank zu fahren, wenn es so einfach wäre. Den beiden hat sich überhaupt kein Wächter in den Weg gestellt, von ihren Pistolen mussten sie keinen Gebrauch machen. Völlig lächerlich, dass in dieser Welt wo die Reichen die Armen so krass unterdrücken und in die Verzweiflung treiben, die Banken keine schärferen Sicherheitsmaßnahmen haben sollen.
- Wie konnten die beiden bei ihren *beiden* Fluchten von New Greenwich nach Dayton so einfach mehrere Zonengrenzen überqueren nur mit einem Auto? Man würde erwarten, dass diese Grenzen schon längst von den Verzweifelten überrannt worden wären, wenn sie derart schlecht gesichert wären.
- Die Entführung von Silvias Vater am Ende mit dem Millionenraub war extremst lächerlich. Selbst wenn man mal (unrealistischerweise) akzeptiert, dass der dem Vater bekannte Will es schaft, sich als direkt neben ihm laufender Bodyguard einzuschmuggeln, so sprengt es jegliches Entgegenkommen bei der Realismusverdrängung, dass keiner der Bodyguards dem entführten offenbar bei weitem reichsten Mann der Zone folgt, die Timekeeper-Polizei offenbar nicht mal informiert wird (die merken es dann nur an der fehlenden Million Jahre) und die beiden hinterher völlig unbehelligt mit einer Million Jahre aus dem Gebäude spazieren.
- Völlig lächerlich ist, dass Sylvia ständig mit super-hochhackigen Schuhen durch die Gegend spurtet (besonders auffällig am Ende bei ihrem albernen (da wie gesagt eigentlich völlig unnötigen) Sekunde-vor-Tod-Spurt).
- Die Art und Weise wie Zeit gestohlen wird passt überhaupt nicht zu der Hintergrundgeschichte mit der genetischen Modifikation. Wieso sollten die Schöpfer der gentechnischen Modifikation das so unpraktisch eingerichtet haben, dass man mit dem simplen Umdrehen des Arms schnell Jahrhunderte gegen den Willen des betroffenen Übertragen kann? Schließlich können so erstens auch die Reichen leicht beklaut werden und zweitens haben auch die Reichen kein Interesse daran, dass die Armenzonen in völlige mordende Anarchie abgleiten: Die Produktivität der Armen sinkt deutlich wegen der Ressourcen, die sie in (wenn auch simple) Schutzmaßnahmen stecken müssen. Sie könnten länger arbeiten und für die Reichen schöne Dinge herstellen wenn sie nicht so extrem überfallanfällig wären. Es ist wohl für die Filmdramatik nötig, dass Zeitdiebstahl möglich ist, aber dafür sollte dann schon wenigstens irgendein technisches Tool nötig sein, mit dem die sehr plausiblerweise vorhandene genetische Diebstahlsperre umgangen wird.
- Nicht direkt eine Logiklücke, aber ich fand es wenig überzeugend, dass sich Wills Freund Borel mit den 10 geschenkten Jahren innerhalb von vermutlich einem Tag todgesoffen haben soll (trotz seiner wunderschönen Frau und Baby). OK, könnte natürlich sein, aber viel besser hätte es gepasst, wenn er für die 10 Jahre ermordet worden wäre.
Fazit: Finger weg! Aber wir können darauf hoffen, dass jemand anders die gleiche Filmidee demnächst mal besser umsetzt.