Dass dieses Jahr ein famoses Musikjahr werden würde, schwante mir schon, als Franz Ferdinand im Januar "Tonight" veröffentlichten, die Ahnung erhärtete sich mit dem prunkvollen Album "It`s Blitz!" der Yeah Yeah Yeahs, dann legten Eels, Julian Plenti, Magnolia Electric Co., Patrick Wolf, White Lies, Kings of Convenience und The XX nach - und das mehr als gut! Spätestens mit dem vor kurzem erschienenen Album "The First Days Of Spring" von Noah and the Whale sowie dem Album "Threadbare" von Port'O Brien dachte ich, jetzt kann nichts Besseres mehr kommen, die beiden perfekten Herbstalben waren ja damit nun erschienen. Und dann merkte ich, dass ich mich nicht mehr hätte irren können. Das neue Editors Album "In This Light And On This Evening" ist ein Schatz, eine Kostbarkeit sondergleichen, ein Suchtmittel - mein Suchtmittel.
Sicherlich sind die musikalischen Veränderungen der Gruppe bereits mit den ersten Tönen spürbar, der elektronische Einschlag sehr prägend, aber das war auch nicht anders zu erwarten, wenn man sich die Entwicklung vieler Bands in diesem Jahr ansieht. Der den Editors zugeschriebene typische, schwelgende Sound ist jedoch im Großen und Ganzen nicht verloren gegangen wie z.B. die Songs "Bricks and Mortar", "Papillon" und "You Don`t Know Love" beweisen. Wer beim ersten Hören traurig oder gar verärgert ist, weil sich das Album nicht nach den Editors der ersten beiden Alben anhört, der kann ja weiterhin "The Black Room" und "An End Has A Start", die ich übrigens auch sehr schätze, hören, wer Veränderungen offen gegenübersteht und die Abwechslung liebt, dem lege ich dieses Album ans Herz. Insgesamt ist auf der neuen Platte die Reihenfolge der Lieder gut gesetzt, sodass beim Hören ein angenehmer Spannungsbogen entsteht.
Selten war ein Opener so kraftvoll, leidenschaftlich und atmosphärisch wie hier - und dass dieser aus nur vier Textzeilen besteht, tut dem Lied keinen Abbruch, im Gegenteil - die repetitiven Elemente verleihen dem Song nur noch mehr Sogwirkung, zumal diese vier Verse betörend schön und poetisch sind und perfekt mit dem rauen Sound harmonieren: "I swear to God, I heard the Earth inhale, / moments before it spat its rain down on me. / I swear to God, in this light and on this evening, / London's become, the most beautiful thing I've seen."
Hört man "Papillon" zwei, drei Mal, so glaubt man, dieses Lied schon ewig zu kennen, da die Editors hier unverkennbar herausragen und einen wirklich guten Mainstreamsong produziert haben, der schnell ins Ohr und ins Blut geht und wohl in naher Zukunft dauerhaft im Radio zu hören sein wird. Zu Recht!
"The Big Exit" ist anders, anders als viele Lieder dieses Albums. Es enthält soviel süßen Schmerz, dass es einem die Tränen in die Augen treibt, dieser süße Schmerz wird allerdings nicht überstrapaziert, ist also nicht mit klebrigem Honig überzogen, dafür sorgt dann die gebrochene Melodie- und Rhythmusführung. Fast möchte man sagen, das Lied sei das beste Depeche Mode Lied der letzen Jahre, nur dass es eben nicht von Depeche Mode, sondern von den Editors ist, die ihr Handwerk auch hier bravourös beherrschen. Dass die Gruppe Depeche Mode hier ins Gedächtnis rinnt, liegt sicherlich auch daran, dass das vorliegende Editors-Album von Mark Ellis (auch genannt: Flood) produziert wurde, der schon das Album "Violator" von Depeche Mode produzierte.
Das wunderbare "The Boxer" knüpft wieder an die alten Editors Scheiben an, während mit "Eat Raw Meat = Blood Drool" die Synthesizer nochmals kräftig betätigt werden, bevor man mit "Walk The Fleet Road" einen schönen Ausstieg aus dem Album gefunden hat, Geigen und Chor runden das sakral angehauchte Endstück ab und geben den Hörer frei, der erstmal wieder in die reale Welt zurückfinden muss. Und kurz streift ein Gedanke durch den Kopf: "Als ich eben das Album hörte, hätte ich schwören können, bei Gott, ich hörte die Erde atmen!"