Ich habe mir das Buch als Selbst-Betroffener zu Ostern nachträglich schenken lassen und bin letztlich froh, es mir nicht selber gekauft zu haben...
Zwar reflektiert der Autor sehr viel über sein eigenes Seelenleben im Verlauf des H4-Jahres, geht dabei aber meiner Meinung nicht zu sehr in die Tiefe, sprich: Er geht nur selten dahin, wo es wirklich weh tut!
Ein Thema wie z.B. die bei vielen H4-Empfängern bekannte "Briefkastenangst" wird nur einmal kurz in einem Nebensatz erwähnt: Dabei handelt es sich um eine Reaktion bei Betroffenen, die bei Vorfinden von Post der ARGE/JobCenters sofort eine Art Panikschub einsetzen läßt (Übelkeit, Herzrasen etc) - Alleine der Anblick solcher Post wohlgemerkt, ohne auch nur über den Inhalt Bescheid zu wissen!
Man wird das Gefühl nicht los, dass der Autor aus einer eher distanzierten Sicht, ja manchmal fast unbeteiligt, die Zeilen zu Papier gebracht hat...Vielleicht liegt das an der philosophischen Schule, die er durchlaufen hat, vielleicht an der relativ kurzen H4-Zeit? Eine große Nähe zum Leser baut er so selten auf...
Manchmal befördert er gar Hartz4-Klischees wie z.B. das späte Aufstehen, obwohl er sich ja schon zu Beginn, bei Beschreibung der Schlange, ja eigentlich von eben jenem typischen H4-Empfänger-Bildern distanzieren will...
Mag sein, dass er manche dieser Klischees an sich selbst festgestellt hat, aber dem Leser bleibt bei solchen Passagen eher ein "Allgemeingültigkeits"-Eindruck zurück. Die Ehrlichkeit in Ehren, aber Gegenbeispiele, dass es eben nicht auf jeden zutrifft hätte man ja vielleicht bei den anderen Leidensgenossen gefunden und erwähnen können.
Für "H4-erfahrene" Leser gibt es zwar im Verlauf des Buches einige "Aha"-Erlebnisse, wie die regelmäßige vorzeitige Ebbe im Portemonaie oder die Teilnahme an monotonen Sinnlosen Trainingsmaßnhamen, aber für Nicht-H4ler sind selbst diese Passagen, für mein dafürhalten, wenig erhellend! Denn auch wenn der Autor den Un-, ja Wahnsinn, der Abläufe dieses Maßnahmen-Terrors für die Teilnehmer schön ausführt, dürften Nicht-Betroffene zwar den Kopf über die Geldverschwendung schütteln, aber welche psychischen Konsequenzen die Erniedrigung in solch einer Maßnahme mit sich bringt wird nicht erfahrbar.
Auch warum diese Maßnahmen letzten Endes dann doch seit Jahren immer weiter durch den Staat durchgeführt werden, bleibt seltsam oberflächlich behandelt! Es wird zwar kurz erwähnt, dass z.B. Maßnahmen-Teilnehmer aus der offiziellen Arbeitslosen-Statistik fallen, aber mehr auch nicht. Dass diese Monotonie und Unsinnigkeit, dieses Vorführen der eigenen Nutz- und Wertlosigkeit in den Maßnahmen dazu dient Menschen gefügig zu machen, indem man sie dazu bringt jeden auch noch so schlechten Job anzunehmen nur um dem H4-Wahnsinn zu entfliehen, bleibt vollkommen unerwähnt. Ebenso wird die gutgeschmierte Arbeitslosen-Industrie mit ihrer Vielzahl an sinnlosen Bewerbungstrainings, Arbeitsmaßnahmen und gar Weiterbildungen (die in der Realität nicht anerkannt werden oder bestenfalls als "2. Wahl" gelten) nur angedeutet (z.B. in dem Betreiber des 1-Euro-Jobs, der letztlich nur an an den Fördermitteln der öffentlichen Hand, und weniger an einer Integrierung seiner Schutzbefohlenen in den 1. Arbeitsmarkt interessiert ist).
Auch enorm wichtige Dinge, wie "Eingliederungsverinbarungen", die letzten Endes den "Kunden" nur knebeln, und selten fördern, werden kaum erwähnt, obwohl sie wahrscheinlich das zentrale Mittel sind um H4-Empfänger "gefügig" zu machen!
Das Thema Hartz4 ist für den einzelnen Betroffenen schon sehr komplex, aber die Verwebungen mit der Gesellschaft z.B. in Hinblick auf Ghetto-Bildung, sinkende Lohnniveaus etc sind ein noch ein viel weiteres Feld, dass leider nahezu unbeackert bleibt. Ein Buch, dass aber sich mit H4 auseinandersetzt, wenn auch vordergründig "nur" als persönlicher Erfahrungsbericht, muß weiter in die Tiefe gehen, sonst bleibt Außenstehenden nur der Eindruck: "Manches ist sinnlos im System, aber so schlimm ist es ja wohl doch nicht!" In diesem Hinblick ist dieses Buch vielleicht sogar eher nachteilig für das Verständnis eines Außenstehenden für die H4-Welt. Ich persönlich glaube nicht, dass es Solidarität in großem Maße für die Abgehängten des Landes bringt!
Mir persönlich blieb es zu oberflächlich - und da hätte ich von einem Philosophen wesentlich mehr erwartet!
Einen Stern vergebe ich dafür, dass es kurzweilig geschrieben ist und einen zweiten für das Bemühen zumindest etwas Licht in die H4-Parallelwelt zu bringen.
Ich persönlich kann das natürlich hier auch nicht leisten, denn wie gesagt, das Thema ist weitverzweigt, und alleine über die sogenannten "Eingliederungsvereinbarungen" könnte man sich seitenweise auslassen; aber Interessierte haben ja vielleicht die Möglichkeit zusätzlich andere Bücher zu lesen, Internetforen oder Arbeitslosen-Initiativen zu besuchen etc...