"Ist das überhaupt ihr Bein?", fragt der Doktor, der sich gerade den tiefen Einschnitt, die blutig klaffende Wunde in Marina de Vans rechtem Fuß begutachtet. Die Frage ist zentraler Angelpunkt von de Vans Langfilmdebüt "In my Skin". Seit einem Unfall auf dem Baustellen-artigen Hinterhof einer Partylocation, der die Wunde hervorgerufen hat, fragt sich Esther, gespielt von de Van selber, diese Frage des Öfteren. Ist das wirklich ihr Körper? Warum hat sie unmittelbar nach dem Sturz keinen Schmerz an ihrem Bein gemerkt? Ist sie, die Person Esther, ihr Geist, ihre Seele überhaupt eins mit ihrem Körper? Oder gibt es da etwas, das Mensch und Haut voneinander trennt? Die Philosophie über den eigenen Körper wird für Esther zur Obsession und das Drama zu einem Horrorfilm. Und während Esther sich den ganzen Film im Unklaren darüber ist, was denn nun unter ihrer Haut auf sie wartet, kann sich zumindest der Zuschauer sicher sein, was unter ihre Haut geht: Dieser Film.
Der Film spielt in einer Zeit des "sozialen Aufstiegs" Esthers: Sowohl beruflich, als auch privat nimmt sie eine Stufe nach oben. Sie arbeitet bei einer Öffentlichkeitsarbeit-Firma, die sie bald mit einem exklusiven Kunden als Spezialbereich fördern wird. Das erhöhte Einkommen nutzt sie, um endlich die Pläne von einer gemeinsamen Wohnung mit ihrem Freund Vincent zu realisieren. Alles läuft also bestens. So gibt die grässliche Wunde zu Anfang nicht im Geringsten Auskunft über den Seelenzustand Esthers. Es ist die Wunde an sich, die die Neugierde Esthers schürt, was hinter der Wunde, hinter der Haut liegen mag. Für Esther wird diese Neugierde zu einem erneuten Entdecken ihres Körpers, der Akt der Selbstverstümmelung zu einem autoerotischen Erlebnis. Wenn sie ihre Wunde am Bein nicht verheilen lässt, sich das Blut über den Körper schmiert, hat das sicherlich etwas Abstoßendes - jedoch höchstens im Sinne, dass wir uns Sorgen um dieses arme Mädchen machen, dass zuvor so normal und sympathisch charakterisiert wurde. Die Szenen des autokannibalistischen Exzess wirken ästhetisch nicht wie eine verstörende Massakerszene aus einem Splatterfilm, sondern sind immer stilvoll und ruhig inszeniert, so als würde der Zuschauer die gleiche erotische Verzückung verspüren können, die Esther durchzucken zu scheint, wenn sie Messer und Gabel an sich selber ansetzt.
So wirkt "In my Skin" auch nicht wie ein Horrorfilm, sondern wie ein Produkt aus der Marketingmaschinerie Esthers Brötchengebers: Klar, farbenfroh, frisch und modern. Es gibt ansprechende Kameratricks und optische Spielereien, wie etwa den Splitscreen. Schon die in angenehmen Farben und entspannender Jazzmusik von Esbjörn Svensson getauchte Titelsequenz erinnert nicht an vergleichbare Body-Horror-Filme á la David Cronenberg. "In my Skin" bleibt die ganze Zeit hinweg ein "Psychologisches Drama", wird nie zu einem bloßen, auf die Selbstverstümmelung reduzierten Horrorfilm. An einigen Stellen sogar, besonders in der Szene, in der Esther sich während eines Geschäftsessens heimlich mit ihrem Essbesteck den rechten Arm aufschlitzt und dann unter Alkoholeinfluss halluziniert, ihre Hand wäre lediglich eine Prothese, die sie abnehmen könne, beweist "In my Skin" einen subtilen Schwarzen Humor. Die eingebildete Prothese ist aber auch Hinweis darauf, dass für Esther ihr Körper nicht mehr ein Teil ihrer selbst sei, sondern eher ein entferntes Objekt, deren Schmerz sie nicht mehr fühlen vermag.
Das Thema der erotischen Selbstverstümmelung als Ersatz für eine Art Selbstbefriedigung wird schon früh in dem Film verdeutlicht. Und seit den ersten Bildern aufgerissener Haut und blutiger Fingernägel steigern sich die Bilder in ihrer Intensität kaum mehr - der Höhepunkt wird auch hier auf psychologischer Ebene erreicht: Am Ende nimmt sich Esther extra ein Hotelzimmer, um ihrer neu entdeckten Leidenschaft immer extremer frönen zu können. Wie ein verbotenes Liebespaar versteckt sie sich hinter den Wänden anonymer Mietzimmer um die sadomasochistische Ekstase mit ihr selbst zu erleben. Die selbstzerstörerische Beziehung zu ihrem Körper verdeckt Esther vor ihrem Freund, wie eine Affäre mit einem anderen Mann: Um ein Alibi für die zunehmenden Wunden an ihrem Körper zu haben, simuliert sie sogar einen Autounfall.
Der Grund für all das Schlitzen und Knabbern am eigenen Körper wird nicht eindeutig benannt, doch es geht wohl auf die Idee zurück, dass es besser ist, wenigstens Schmerz zu fühlen, bevor man gar keine Emotionen mehr in sich hat. Esther scheint ein Workaholic zu sein, verbringt die Nächte vor dem Computer, um die knappen Datelines für ihre Texte und Konzeptionen einzuhalten. Ihr Leben wird durch den straffen Terminkalender ihrer Firma bestimmt - und selbst nach Feierabend muss sie die professionelle Contenance beim Geschäftsessen und über kosmopolitische Banalitäten lamentieren, anstatt wirklich etwas zu sagen, dass sie beschäftigt. Denn die Kommunikation zwischen ihr und ihren Freunden ist längst zusammengebrochen, da sich ihre Gegenüber verunsichert von ihrer neuen, beängstigenden Obsession zeigen.
Für Marine de Van ist "In my Skin" die erste Langfilmarbeit und sie absolviert die Rollen der Hauptdarstellerin, Regisseurin und Autorin mit Bravour. De Van, die vorher durch ihre Zusammenarbeit mit Francois Ozon Aufmerksamkeit bekam, verhindert anständigerweise allzu spekulativen Umgang mit dem Thema, dessen unspektakuläres, aber ehrliches Ende für Zuschauer, die so etwas wie ein traditionelles "Ende" im Sinne von Auflösung erwarten, unbefriedigend daherkommen mag. Umso mehr ist "In my Skin" ein sehr persönlicher Film de Vans. Kein fieses Splattermovie, kein Skandalfilm, sondern ein stiller, stilvoller Film über die verwirrte Seele einer Frau. Und vielleicht sogar eine Metapher auf Bulimie. "In my Skin" - ein Drama, zu verstörend, um zu erotisieren, aber auch zu wenig verstörend um bloß zu schocken, genau richtig verstörend, um zu bewegen. Und das können heutzutage nur noch wenige Filme, um nicht gleich die anderen beiden Attribute recht einfach zu beanspruchen.