Ein bärtiger junger Mann, lockiges Haar, ein flaumiger Oberlippenbart, ein zotteliger Fusselbart, sitzt beim Abendessen und schaut skeptisch in die Kamera. Das ist schon ein paar Jahre her. Heute ist aus dem vermutlichen leichten Bauchansatz von damals ein richtiger Bauch geworden, der Bart ist dichter, die Haare dafür etwas weniger, der Blick wirkt müde. Das passiert, wenn man das Bild auf dem Booklet von "In Memory of Loss" mit dem auf der vorletzten Booklet-Seite vergleicht. Sie zeigen Nathaniel Rateliff, einmal jung, einmal aktuell. Vom Aussehen her reiht sich Rateliff wunderbar ein in die Riege der bärtigen Folk-Sänger. Und zwar recht weit vorne.
"In Memory of Loss", das bereits 2010 in den USA und 2011 dann auch in Europa veröffentlicht wurde, ist ein wundervolles Songwriter-Album. Rateliff schafft es spielend, durchgehend ein sehr hohes Niveau zu halten. Dabei sind die Songs eigentlich nichts besonderes. Viel mehr als Rateliffs Stimme, die zwischen Nick Lowe, Kurt Wagner (ohne das Brummen) und Chris Martin (!) changiert, und Gitarre, dazu Bass und Schlagzeug und hin und wieder ein paar Piano- oder E-Gitarren-Einsprengsel, auch ein Glockenspiel ist zu hören. Fertig ist der Folk-Song. Fast immer findet man wunderbare Momente.
Ab und zu versucht sich Rateliff auch am Pop. Das gilt ganz besonders für "Shroud", dem vielleicht herausstechendsten Track auf dem Album. Für den ganz großen Wurf fehlen ihm vielleicht ein paar mehr solcher Stücke, die niemals mehr aus dem Ohr gehen werden. Und die beiden Bonus-Tracks, die ein wenig wie eine Entschuldigung für die Zeitdifferenz zwischen den US- und Europa-Veröffentlichtungen wirkt, die hätte er sich schenken können. Sie haben der Platte keine Besonderheiten wmehr hinzuzufügen.