Ich hatte dieses Buch gekauft, weil ich im Zusammenhang mit einer längeren Kanadareise etwas über das Kanada des frühen 20. Jhdts. erfahren wollte, das Kanada der mittellosen Emigranten, die unter unmenschlichen Bedingungen das Land an St. Lorenz Strom und den Grossen Seen aufbauten. Dieser Wunsch wird durch das vorliegende Buch allerdings nur bedingt erfüllt. Worum geht es? "In der Haut eines Löwen" beschreibt mit grossen Zeitsprüngen die Schicksale mehrerer Einwanderer, die sich mal treffen, verlieben, ermorden, aus den Augen verlieren oder auch einfach nur sterben. Die Geschichte beginnt mit der Vorstellung von Patrick, dem Sohn eines Sprengmeisters, und von Nicolas, einem unerschrockenen Brückenbauer. Was es dabei über das Holzsprengen auf den Flüssen, den bau eines Wasserkraftwerkes oder die Rettung einer abgestürzten Nonne durch den wackeren Nicolas zu lesen gibt, ist ganz interessant, doch leider schon bald zu Ende.
Erster Schnitt, Nicolas, der brückenbauende Retter, verschwindet, dafür wird Ambrose, ein steinreicher Geschäftsmann, in die handlung eingefügt wie ein Tritt in den Hintern, und ebenso schnell verschwindet er wieder. Weiß der Geier wieso. Ganz Kanada sucht nach ihm, sogar der Beruf des "Suchers" entsteht, und als Sucher lernt Patrick, der nun wider auftaucht, Ambroses Geliebte Clara kennen, die sich gegen jede Wahrscheinlichkeit den dahergelaufenen Patrick verliebt, ehe auch sie verschwindet.
Zweiter Schnitt. Jahre vergehen. Patrick liebt nun Claras Freundin Alice (Warum? Egal) , die möglicherweise mit der Nonne identisch ist, die Nicolas an der Brücke gerettet hat. Sie ist Anarchistin und hat mit dem Gewerkschafter Carlos, der von den "Bossen" ermordet wurde, die Tochter Hanna. Irgendwie stirbt auch Alice (Wie, weiß keiner ) , was Patrick so erbittert, dass er zum Terroristen wird und das Muskoka Hotel im Lake of Bays District anzuendet.
Dritter Schnitt. Jahre sind vergangen, als am Beginn des Dritten Buches" (nur zur Information: wir befinden uns auf Seite 180!) plötzlich Caravaggio, der Dieb auftaucht, dessen Flucht aus dem Gefängnis, in dem er zusammen mit dem inzwischen gefassten Patrick einsitzt, breit erzählt wird. Welche poethologische Funktion dieser im letzten Drittel des Buches einführte und bald wieder eliminierte Caravaggio haben soll, bleibt das Geheimnis des Autors. Am Ende versuchen Caravaggio und Patrick immerhin ein Wasserwerk in der Umgebung von Toronto in die Luft zu sprengen, was aber misslingt, weil Patrick im entscheidenden Moment einschläft. Das Buche endet damit, dass die geliebte Clara (zur Erinnerung : das war die geliebte des verschwundenen Geschäftsmannes Ambrose ) wieder auftaucht und von Patrick in irgendeinem Hotel abgeholt werden soll. Das war's dann. Hier hatte der Autor offenbar keine Lust mehr.
Gott sei Dank, möchte man sagen, dem Leser ist die Lust schon lange vergangen. Wer sich wirklich durch die "drei Bücher" dieses dünnen Taschenbuches hindurchgequält hat, gewinnt den Eindruck, dass es sich bei dem vorliegenden "Roman" um überhaupt kein durchkonstruiertes Werk sondern eher um eine Aneinanderreihung von Charakterstudien handelt, an denen der Autor die Lust verloren und die er dann in einen großen Topf geworfen und zu einer durch und durch unwahrscheinlichen Handlung verwurstet hat. Bleibt noch die Frage, warum ich das Buch überhaupt zu Ende gelesen habe. Dafür kann es nur eine Erklärung geben: Es war das letzte ungelesene Buch das ich im Urlaub noch hatte. Und Wolfgang Hoebel, dessen völlig unzutrefffender Klappentext mich zum Kauf dieses Buches verführte, wünsche ich, dass er, falls er in der Hölle schmoren sollte, kein anderes Buch bei sich haben soll, als dieses.