"Für viele ist Anne Frank das Gesicht der Millionen Opfer der Shoah geworden", schreibt Hans Westra, der Direktor des "Anne Frank Hauses" in Amsterdam, im Vorwort zu dem Bildband "In Anne Franks Haus". Dieser aufwändig gestaltete Bildband reflektiert mit über 300 teils farbigen Fotos und Abbildungen das Leben der Anne Frank sowie das ihrer Familie. Darunter sind auch bisher unveröffentlichte Familienfotos sowie Fotos von historischen Orten in Frankfurt am Main und Amsterdam. Der Bildband ist eingeteilt in die drei Abschnitte "Die Vorgeschichte", "Untergetaucht" sowie "Nach der Verhaftung" und beschreibt ausführlich das Leben der Familie Frank, bevor sie untertauchte, sowie die Geschichte von Otto Frank, Annes Vater, der als einziger den Holocaust überlebte. Dieser einmalige Bildband wurde von Anneke Boekhoudt, Nico de Bruijn, Mieke Sobering und der "Anne Frank Stichting" herausgegeben.
Zahlreiche Familienfotos zeigen die Familie Frank, bevor sie nach Amsterdam immigrierte. Dort konnte die Familie zunächst - nach Verfolgungen im Nazi-Deutschland - ein normales Leben führen, bis die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in die Niederlanden einmarschierten und sich damit die Situation der dortigen Juden zusehends verschlechterte. Otto Frank, der eine Firma für Pektin besaß, beschloss schließlich, mit seiner Familie in dem Hinterhaus seiner Firma in der Amsterdamer Prinsengracht unterzutauchen. Mitarbeiter der Firma versorgten die Untergetauchten mit Lebensmitteln und Nachrichten aus der Außenwelt. Anne Frank bekam wenige Wochen davor zu ihrem 13. Geburtstag ein Tagebuch geschenkt, das schließlich nach ihrem Tod in Bergen-Belsen Anfang 1945 von ihrem Vater veröffentlicht und zu einem beeindruckenden Zeugnis des Holocaust wurde. Otto Frank hat das Tagebuch damals allerdings an einigen Stellen gekürzt, erst in den 1980er Jahren wurde eine relativ vollständige Ausgabe veröffentlicht.
"In Anne Franks Haus" stellt die Ereignisse um die Familie Frank sowie der mit ihr untergetauchten Familie Van Pels und Fritz Pfeffer ausführlich und dokumentarisch dar. Dabei folgt das Buch der Ausstellung über Anne Frank im "Anne Frank Haus" in Amsterdam und ist somit auch ein Katalog dieser Ausstellung. Der sensibel zusammengestellte Bildband ist nach Zimmern im Versteck der Untergetauchten aufgeteilt. Zu jedem Zimmer gibt es Fotos der Räume selbst und der Personen, die es bewohnten. Ausführliche Bildunterschriften, die von Waltraud Hüsmert aus dem Niederländischen übersetzt wurden, stellen Hintergrundinformationen dar, zu den einzelnen Personen, aber auch zur allgemeinen geschichtlichen Situation. Dazu gibt es zahlreiche Zitate aus dem Tagebuch von Anne Frank, die sich teilweise sehr kritisch zu den einzelnen Personen äußern und insgesamt die angespannte Situation des Untertauchens eindringlich wiedergeben. Zusammen mit den Fotos der Räumlichkeiten vermittelt dies ein besonders aufwühlendes Bild der Ereignisse.
So wird auch die Zeit nach der Verhaftung der acht Untergetauchten 1944 ausführlich beschrieben und mit Fotos dargestellt. Das Buch versucht die Schicksale der einzelnen Personen darzustellen. Bis auf Otto Frank starben alle in Konzentrationslagern. Bei Anne und ihrer Schwester Margot ist jedoch der Todestag nicht mehr zurückzuverfolgen. Dazu sind viele Fotos aus Konzentrationslagern selbst abgebildet, die beim Betrachter ein beklemmendes Gefühl hinterlassen. Darüber hinaus schildert der Bildband auch die Geschichte von Annes Tagebuch, das ihr Vater schließlich veröffentlichen konnte, sowie die Geschichte der "Anne Frank Stiftung" in Amsterdam. Dabei ist das Buch besonders aufwändig gestaltet, der Einband ist aus Leinen, es gibt Blankoseiten aus festem farbigen Karton, die die Kapitel voneinander trennen, und vieles mehr.
Der hervorragende Bildband "In Anne Franks Haus" ist ein eindringliches Zeugnis des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, das diese Geschichte auch Menschen nahe bringt, die das "Anne Frank Haus" in Amsterdam noch nicht besuchen konnten!