Zeitlose Momentaufnahmen aus einem zerfallenden Imperium -- so könnte man Ryszard Kapuscinskis gesammelte Reportagen aus über 50 Jahren in einem Satz charakterisieren. Kapuscinski, einer der profiliertesten Journalisten des 20. Jahrhunderts, hatte seit Stalins Tod die mehrmals die Sowjetunion bereist und kannte sie bzw. ab den 1990er Jahren ihre Nachfolgestaaten wie kaum ein Zweiter, und dementsprechend kenntnisreich vermittelt er seine Eindrücke -- in geschliffener Sprache, versteht sich.
Ob es um Kindheitserinnerungen aus seiner damals polnischen und heute weißrussischen Heimatstadt Pinsk geht, wo er als Siebenjähriger den Einmarsch der Roten Armee 1939 erlebt hatte, oder um Innenansichten aus dem armenisch-aserbajdschanischen Krieg Anfang der 1990er Jahre -- Kapuscinski schaut immer hinter die Ideologie-Kulissen, in jene Ecken, von denen andere gar nicht wissen, dass es sie gibt: im Kaukasus ebenso wie jenseits des Polarkreises, in den Metropolen Moskau, Petersburg/Leningrad und Kiew ebenso wie in zentralasiatischen Kolchosen. Seine Berichte etwa über die Ursachen des ökologischen Todes des Aralsees sind ebenso aufschlussreich und informativ wie die Rückblicke in die jüngere ukrainische Geschichte, seine Recherchen über den Maler Niko Pirosmanaschwili, den "georgischen Rousseau", oder die Reportagen aus dem Bürgerkrieg in Abchasien -- oder auch die Schnurren über die Tücken des Objektes etwa bei der Demontage der vormals allgegenwärtigen Lenin-Denkmäler. Das liegt auch daran, dass Kapuscinski nicht von außen beobachtet, sondern sich an den Ort des Geschehens begibt und mit den Beteiligten redet: Mit armenischen Komponisten und russischen Menschenrechtlerinnen ebenso wie mit all den vielen unprominenten Namenlosen. Und dazu kommt noch Kapuscinskis umfangreiches Hintergrundwissen, das in aller Bescheidenheit immer wieder durchblitzt. Eine vergleichbare Darstellung der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten dürfte man schwerlich finden.