|
|
59 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Lobenswerter, aber nur teilweise überzeugender Versuch., 14. September 2005
Immer häufiger werden die Vereinigten Staaten neuerdings als Imperium bezeichnet. Nur unter dieser Voraussetzung, so heißt es, seien ihr Verhalten und die gegenwärtige Konstellation der internationalen Politik angemessen zu begreifen. Aber was sind Imperien eigentlich? Worin unterscheiden sie sich von anderen politischen Einheiten, wie Nationalstaaten oder Stammesverbänden, und gehören sie im 21. Jh. nicht längst der Vergangenheit an? In seinem neuen Buch versucht Herfried Münkler diese Fragen zu beantworten. Dabei geht er von der Feststellung aus, daß die Erklärungskraft der traditionellen Imperialismustheorien (Hobson, Lenin, Schumpeter usw.) enttäuschend sei. Sie konzentrierten sich nämlich auf die europäischen Kolonialreiche des 19. Jh., vernachlässigten die Peripherie zugunsten des Zentrums, berücksichtigten fast nur die Entstehungsphase von Imperien und seien weitgehend normativ statt deskriptiv-erklärend ausgerichtet. Ihnen möchte Münkler eine theoretische Alternative gegenüberstellen, die all diese Schwächen überwindet. Sie soll universalhistorisch fundiert sein, eine umfassende Typologie von Imperien entwickeln, deren Konsolidierung und Untergang gebührend berücksichtigen, und vor allem ihre inneren Zwänge, die „Logik der Weltherrschaft“ (S. 9) herausarbeiten. Was Münkler also anstrebt, ist nichts geringeres als eine historische Soziologie der Imperien, vergleichbar etwa mit Max Webers Soziologie der Herrschaft. Auf dieser Grundlage möchte er auch die weltpolitische Situation der Gegenwart verorten und Prognosen über Dauer und Stabilität des amerikanischen Imperiums wagen. Anders als Weber bezieht Münkler sein theoretisches Instrumetarium ganz offen von fremden Autoren. Seine Soziologie der Imperien beruht auf einer Kombination von Machiavellis Zyklentheorie, Michael Manns Typologie der Machtformen (militärisch, politisch, ökonomisch, ideologisch) und Michael Doyles Idee der „augusteischen Schwelle“. Zusammengehalten wird diese Mischung durch einen simplen Gedanken: Imperien, so Münkler, werden mit militärischer oder wirtschaftlicher Macht gegründet, können aber nur unter Zuhilfenahme anderer Machtformen stabilisiert werden. Gelinge dieser Übergang (z. B. Rom, China), könne von einem Überschreiten der „augusteischen Schwelle“ gesprochen werden, was die Grundvoraussetzung für den längeren Bestand eines Reiches darstelle. Scheitere er hingegen (z. B. Spanien, Rußland, osmanisches Reich), müsse die Reichsbildung prekär bleiben. Je mehr Machtsorten einem Imperium zur Verfügung stünden, desto größer sei der Handlungsspielraum seiner Führer und Eliten, und desto günstiger seine Aussichten auf Stabilität. Auch die beste politische Führung könne jedoch nur den Aufenthalt ihres Reiches im oberen Zyklussegment verlängern, nicht aber die zyklische Abfolge von Aufstieg, Blüte und Niedergang als solche beseitigen. Dieses einfache theoretische Modell ergänzt Münkler durch eine Reihe locker angefügter, eher impressionistischer Überlegungen zur Legitimation von Großreichen (Hauptthemen: Frieden und Wohlstand), zu den Gefahren imperialer Überdehnung sowie über die Aussicht beherrschter Völker, der Imperialmacht durch asymmetrischen Widerstand (Guerillakrieg, Terrorismus) Niederlagen zuzufügen. Sehr aufschlußreich ist Münklers Einschätzung, daß die Entstehung von Weltreichen nur wenig mit der Eroberungslust einzelner Führer zu tun habe und mehr auf objektive Strukuren der Staatenwelt zurückgehe, die eine solche Entwicklung begünstigten oder sogar herausforderten. Hält Münkler sich in seinen historischen Ausführungen weitgehend an die Beispiele des römischen, des chinesischen, des spanischen, des osmanischen und des russischen Reiches, so gelten seine aktuellen Schlußfolgerungen überwiegend den Vereinigten Staaten. Aus seiner Unterscheidung zwischen Imperium (großer, institutionalisierter Machtunterschied zwischen Herrschern und Beherrschten) und Hegemonie (relativ geringer Machtunterschied; Führungsmacht kann nicht ohne Zustimmung der Verbündeten dominieren) folgt, daß Amerika gegenwärtig beides ist: Imperial- UND Hegemonialmacht. In der Tat scheint es plausibel, die Position der USA in der Karibik und im Nahen Osten als imperial, in Europa dagegen als hegemonial und in Ostasien nur als die einer Großmacht unter anderen zu bestimmen. Zu den interessantesten Passagen des Buches gehören Münklers Ausführungen über die imperiale „Dynamik“ der Gegenwart. Die Vereinigten Staaten seien - ebenso wie die europäischen Mächte des 19. Jh. - durch Konflikte und Krisen der Peripherie in eine von ihnen ursprünglich nicht erstrebte imperiale Rolle hineingezogen worden. Da die Globalisierung auf vormoderne gesellschaftliche Strukturen zersetzend wirke, schaffe sie Zustände (Anarchie, Völkermord, ethnische Säuberungen, Fundamentalismus), die den Industrieländern inakzeptabel erscheinen. Nachdem die UNO an diesen Herausforderungen völlig gescheitert sei, habe Amerika der imperialen Versuchung nicht mehr widerstehen können. Die Europäische Union, so schließt Münkler an, werde auf entsprechende Vorgänge in ihrer Umgebung mittelfristig ähnlich reagieren müssen. Nicht minder bedenkenswert sind Münklers Überlegungen zum Verhältnis von Demokratie und imperialer Herrschaft. Unter dem Zwang, ihrer Bevölkerung kurzfristige Erfolge zu präsentieren, neigten demokratische Imperien stark zu militärischen Lösungen und wirtschaftlicher Ausnutzung ihrer Macht. Demokratische Großreiche seien also nicht friedlicher als autoritäre, sondern im Gegenteil aggressiver und ausbeuterischer. Trotz der Vielzahl wertvoller Informationen und Anregungen, die Münkler zusammenträgt, gelingt es ihm jedoch nur begrenzt, eine historische Soziologie der Imperien zu entwerfen. Schon seine theoretischen Grundannahmen bleiben unklar. Was bedeutet etwa die Rede von verschiedenen Machtformen? Michael Mann mag sie im Einzelnen erläutert haben, Münkler tut es nicht. Auch für Machiavellis Zyklenlehre fehlt bei ihm jede Begründung. Entsprechend dünn ist die historische Auswertung der Theorie. Keines der von Münkler behandelten Welteiche wird dem Leser in seiner Geschichte und Struktur wirklich verständlich. Wer nach den Gründen für den Untergang des Römischen Reiches fragt oder wissen möchte, warum sich die Staatsgründung der Osmanen als die langlebigste aller Turkvölker erwies, wird die Antwort bei Münkler nicht finden. Münklers Gegenwartsanalyse bleibt ebenfalls fragmentarisch, was nicht erstaunlich ist. Um die Zukunftsaussichten des amerikanischen Imperiums beurteilen zu können, reicht es eben nicht aus, seine Probleme mit der „Macht der Schwachen“, im wesentlichen also der islamischen Welt, zu analysieren. Viel wichtiger dürfte in dieser Hinsicht das Verhältnis Amerikas zu den „Starken“ von morgen sein (China, Indien, Europa, Rußland). Andererseits ist zu bedenken, daß die Theorie der Imperien, wie Münkler zu recht bemerkt, noch in ihren Anfängen steckt. Nimmt man sein Buch als einen ersten Ansatz, so hat es trotz mancher Schwächen allen Respekt verdient.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|