Ich hatte mir das Buch auf meine Amazon Kindle bestellt, nachdem das Erscheinen der deutschen Version für den Herbst 2010 euphorisch angekündigt war. Versprochen hatte ich mir eine humorvolle Groteske aus dem Journalistenmilieu. Dies war zunächst mit einer milden Enttäuschung verbunden, da das Werk bis auf einige groteske Episoden eher melancholisch und nachdenklich angelegt ist. Der Gesamteindruck ist jedoch - unabhängig von solchen Erwartungen - hervorragend.
Der Roman besteht aus einer Vielzahl kleiner Episoden, die sich insgesamt um eine englisch-sprachige Tageszeitung mit Sitz in Rom ranken. Der Autor selbst - es handelt sich offensichtlich um sein Debütwerk - war mehrere Jahre Herausgeber der in Paris ansässigen englischsprachigen International Herald Tribune. Darf man also einen Schlüsselroman erwarten? Nein: In den einzelnen Episoden geht es allein um einzelne Persönlichkeiten, die als Journalist, Redakteur, Manager oder Herausgeber bei der Tageszeitung tätig sind. Die besondere Stärke des Buches beruht meines Erachtens auf zwei Umständen: Einerseits ist die Charakterzeichnung so prägnant und gekonnt, dass man als Leser bereits nach wenigen Zeilen Feuer fängt. Andererseits findet der Verfasser sehr ausdrucksstarke Metaphern für seine inhaltlichen Anliegen. Eine der Protagonistinnen hat sich beispielsweise geschworen, die Tageszeitung sehr gründlich zu lesen, weswegen sie um mehrere Jahre hinter der Gegenwart zurückliegt; ein anderer Protagonist soll in Vorwegnahme eines Nachrufs eine sterbende Schriftstellerin interviewen, die nur Eitelkeiten von sich gibt, während das Schicksal beim Journalisten selbst zuschlägt usw. Ich will hier nicht zu viel verraten.
An jede Einzelepisode schließt sich jeweils ein Stück einer Rahmenerzählung an, in der es um die Gründung der Zeitung und ihr wechselndes Schicksal geht. Ein nicht besonders stark akzentuierter Clou liegt In der letzten Episode, wo der Leser von den Gründen für die Zeitungsgründung erfährt; bei aufmerksamer Lektüre hält der Autor hier aber keine nennenswerte Überraschung bereit.
Eine einheitliche Handlung kann das Werk nicht aufweisen. In seiner Struktur erinnert es an Episodenfilme i.S. von Magnolia, wobei allerdings ein dem Krötenregen vergleichbarer Höhepunkt fehlt. Dies macht der Autor durch ein Höchstmaß an Verdichtung wett. Existenzielle Fragen bringt er auf kürzestem Raum auf den Punkt: Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist etwa die Geschichte des Ägyptenkorrespondenten, die sich als humorvolle Variante des Doppelgängers von Dostojewski oder Ähnlichem von E.T.A. Hoffmann ausnimmt. Hier bereitet das Werk uneingeschränkte Freude.
Fazit: Wer großen Wert auf eine gute, durchgehende Geschichte legt, ist hier nicht am richtigen Platz. Wer jedoch ansonsten gut konstruierte Short Stories mag oder sich gerne auch einmal auf eine existenzielle Frage einlässt, liegt hier richtig.