"Imperfect Harmonies" - Harmonien stehen immer im Zusammenhang mit einem Zwischen, sie beschreiben Beziehungen zwischen den Dingen in dieser Welt, die nicht aus den Fugen geraten sind, sondern sich schmeichelnd umeinander ergänzen in einer vollendeten Vereinigung. So mag der Titel umso paradoxer wirken, wenn von unperfekten Harmonien die Rede ist. Und doch: Es gibt Dissonanzen, eine perfekte Harmonie ist ein Kreis, doch Serj Tankian will mit seinem neuen Album aus dem Kreis heraustreten und dabei in das Reich der Formen und Spiralen eintauchen.
Die imperfect harmonies, mit denen sich Serj Tankian in seinem neuen Album beschäftigt, sind politischer, soziokultureller, persönlicher und gar metaphysischer Natur. Es werden Klänge miteinander kombiniert, die unkombinierbar erscheinen, es werden Themen angesprochen, die am Ende der Zivilisation unser Denken beschäftigen werden. Letzten Endes ist es eines: Serjs persönliches Meisterwerk #2 nach seiner "Elect The Dead"-Phase mitsamt der symphonischen Verarbeitung des Erstlingswerkes.
Während "Elect the Dead" vor allem progressiver, teils schon jazziger und psychedelischer Rock ist, in der das Ende der Zivilisation prophezeit wird und vielleicht gar gegen Ende des Albums seinen Anfang nimmt, so ist die Szenerie eine andere in "Imperfect Harmonies".
Eine surréalistische Soundcollage aus den Klangfarben der klassischer Orchestermusik und Electronics, des Jazz und Rocks, die mit Serjs dionysischer Stimme und dessen Falsett-Schatten die Geschichte eines Mannes erzählen, welcher am Ende der Zivilisation seine Beziehungen zu allem neu konifgurieren muss. Sein Denken bestimmt die imperfect harmonies zur Natur, zur Kultur, zu Gott, und letzten Endes zu seinen Mitmenschen. Der rote Faden durchgehend im Album, ob anhand der musikalischen Umsetzung oder der lyrischen Komponente, ist das Motiv von WASSER, REGEN, STURM, KRANKHEIT - und auch LIEBE.
Es beginnt schon mit wütenden, brachial aufberstenden Wellenbergen im Song "Disowned Inc.", das sogleich an einen Rammstein-esken Industrialsound erinnert. Und doch folgen noch seichte Melodien, elektronische Klickgeräusche wie Möwen am Strand, jazzige Interludes - und Lyrics, die meiner Meinung nach bereits zu den Besten des Albums gehören. Nicht zu selten im Album, werden die Hörer noch mit lynchesken Situationen irritiert, wie in "Disowned Inc.", worin die Textzeile auftritt: "An old man stares at me in mutual bizarre reverie." Oder im letzten Song der Platte, das spätsommerliche und daher melancholische "Wings of Summer", in dem Serjs verdrehten (auch eben nicht humorlosen) Verse wie "I ran over the guy with a Hummer" mit Shana Halligans wundersam erotischen Stimme als seltsames Lachen gewürzt wird.
Da jeder Song unglaublich spezifisch ist, möchte ich an dieser Stelle einfach mal im Schnelldurchlauf die Besonderheiten des einzelnen Lieder erwähnen:
1. Disowned Inc. - der brachiale, und doch so delikate Einstieg in die Welt von "Imperfect Harmonies", die Metaphysik hinter dem Ganzen.
2. Borders Are... - konkretes Thema: Imaginäre Grenzen, hauptsächlich politische und soziokulturelle, sind der Grund für Furcht, welcher wiederum die Ursache für Kriege und Genozide ist. Orchester und Elektro im organisch-synthethischen Einklang.
3. Deserving? - es beginnt furchterregend düster, doch laut der surréalistischen Regel "Unerwartete Gegenüberstellungen, die plötzlich auftreten, schocken" werden nicht zu wenige schmunzeln müssen oder das Gesicht verziehen, wenn plötzlich das Discolicht angeht und Serj nur für kurze Zeit einen Disco-Popsong daraus macht. Die Lyrics, wohl die einfallslosesten in Serjs Karriere zum Thema Liebe, spielen da keine Rolle mehr, weil schon dieser krasse musikalische Gegensatz diesen Song zu einem Favoriten macht.
4. Beatus - experimentelle Schönheit, die an japanische Insekten erinnert: bunt, seltsam und doch unerwartet einfach und bezaubernd. Von der Liebe, von Schmetterlings- und Zikadenklängen zu brachialem Kriegsfilmorchester und zurück. Der originellste Liebessong, den ich je gehört habe.
5. Reconstructive Demonstrations - Serjs persönlicher Favorit #1 auf dem Album. Ein ruhiges, progressives Klagelied, das am Ende wie ein Krebsgeschwür das Wort "disease" für Krankheit herausstreichen muss. Wird wahrscheinlich die nächste Single.
6. Electron - ein dark psych space trip. Anders kann man es nicht bezeichnen, ein rasanter Song im Sturm, der mit den plötzlichen Pausen, sozusagen im Auge des Sturms, einen klaren Nachthimmel und damit die Sterne & das unendliche Weltraum preisgibt. "Storm shines bright" flüstert Serj in Anbetracht dieser Erhabenheit.
7. Gate 21 - ein ruhiges, berührendes Pianostück in Tradition zum Song "Elect the Dead". Das Thema ist Schicksal und Trennung, Liebe in Sehnsucht. Dass sich die Szenerie schöner Weise an einem Flughafen abspielen muss, macht mir den Song besonders wertvoll.
8. Yes, It's Genocide - Serjs Lieblingssong #2 und ein außergewöhnliches Klagelied in armenischer Sprache. Wie ein Mantra (laut Serjs eigenen Worten) wiederholt sich der Song mit Piano-Begleitung in unterschiedlicher Intensität, geht in einen orchestralen, psychedelischen (ich füge gern das englische Wort "haunting" hinzu) Höhepunkt hinzu, der wie ein Aufschrei all der Geister erinnert, die im Genozid an die Armenier während des Ersten Weltkriegs erinnert. Eine besondere Perle auf dem Album, auch durch Ani Maldjians Soprano-Opernstimme im Hintergrund.. und die Ruhe vor dem Sturm.
9. Peace Be Revenged - misanthropischer war ein Serj-Song wohl noch nicht. Ein orchestraler, dramatischer Höheunkt des Albums, der den Sturm und vor allem den sintflut-artigen Regen heraufbeschwört, der durch das Schlagen auf die Hi-Hat immitiert wird. Für die Benutzung des Wortes "mitochondria" in einem mehr oder weniger klassischen Rock-Song gilt schon allein meine ganze Sympathie dem Song.
10. Left of Center - dunkler orientalischer Sound gepaart mit Rock: dieser Song erinnert mit seinem vorchistlich antiken Klang-Charakter am ehesten an das "Elect the Dead"-Konzept.
11. Wings of Summer - ein melancholischer, spätsommerlicher Film noir, begleitet von Akustikgitarren, leicht verstimmtem Piano, einer Violine und einer sexy Trompete. Serjs und Shana Halligans Stimmen spitzen den erotischen Bezug noch weiter zu, ohne dass Liebe und Sex Thema dieses Songs wären. Wenn es ein Musikvideo dazu geben würde, müsste dieser Serj mit seiner Back-Up-Band The FCC und Shana als Jazz-Band in einem verrauchten New Yorker Jazz-Club der 30er Jahre präsentieren. Ein ruhig, abklingendes Ende wie "Elect the Dead"...
FAZIT: Wer sich als konservativer Genre-Fan gibt (wohl besonders auch im Hinblick auf System of a Down), braucht sich nicht für das Album zu bemühen. Gepriesen sind jedoch die, die offenen Geistes und mit einem Hang zum Surréalen, Dunklen und doch Schönen gesegnet sind. Denn für diese ist dieses filmische Musikalbum ein Trip, eine Achterbahnfahrt durch eine klangliche, wasserreiche Welt. Wie Bruce Lee so schön sagte: Water can crash, water can flow - be water, my friend. In einer englischen Rezension hieß es vortrefflich, dass sich "Imperfect Harmonies" anhört, als würde Frank Zappa noch die Zeit von Crystal Method, Ozzfest, George W. Bush und Final Fantasy X mitbekommen haben. Bitte sehr.