Tägliche Kalendergeschichten über die 266 Päpste und die 41 Gegenpäpste - das bietet der "immerwährende Päpstekalender". Jeder Papst wird einem markanten Datum zugeordnet, dem Beginn seines Pontifikats, seinem Geburts-, Todestag oder auch einem wesentlichen Geschichtsdatum seiner Amtszeit wie Verkündigung eines Dogmas oder politische Ereignisse im Zusammenhang des Kirchenstaats. Dabei zeigt sich: Dieser Kalender ist alles andere als Lektüre für papsttreue Katholiken, vermeidet aber auch den idiosynkratischen Hetz-Ton mancher Berufsantiklerikalen.
Der Autor gibt den augenzwinkernden Hinweis: Diese Kalendergeschichten richten sich an Gläubige UND an Ketzer. Wobei die ketzerisch angehauchten Leser wohl mehr Material zu ihrer Bestätigung finden dürften. Jeder kennt natürlich Papst Alexander VI., er regierte vom 11. August 1492 18. August 1503, der es auf siebzehn Sprösslinge brachte. Er umsorgte sie in so grenzenloser väterlicher Leidenschaft, dass er für sie bedenkenlos über Leichen ging. Die Geschichte Alexanders und seiner wilden Brut ist umrankt von den bizarrsten Berichten, Gerüchten und Legenden. Sexorgien im Vatikan sind durch das Tagebuch seines deutschen Zeremonienmeisters Burckard gut bezeugt."
266 Päpste plus 41 Gegenpäpste. Das reicht natürlich noch nicht für einen Jahreskalender. Darum hat Autor Sellner einige geschichtspralle Lebensläufe auf mehrere Tage verteilt, zum Beispiel auf Geburtstag, Todestag und Pontifikatsbeginn. Mir leuchtet das ein, es gibt eben Amtsträger, von denen mehr zu erzählen ist als von anderen. Superaction von Mord und Totschlag, Leichenschändung und Notzucht, tödlichen Hofintrigen und Schlachtenlärm gibt es bei den Päpsten des zehnten Jahrhunderts. Nach der Lektüre der Stories von neun oder zehn römischen Amtsleitern ist man dann über die fromme Welle der kirchlichen Reformbewegung im 11. Jahrhundert richtig dankbar. Schluß mit Sex und Korruption! Und wenn die wieder zu langweilig zu werden, dann folgt wieder der skandalträchtige Stoff der in Avignon residierenden Päpste. Sex und Korrution hoch zwei! Am buntesten sind selbstverständlich die Papstgestalten der Renaissance. Da gibt jeder einzelne Material für drei historische Romane. Ich finde es schade, dass bisher fast ausschließlich die zugegeben amüsante Borgia-Family literarisch durchgenudelt wurde, nach der Lektüre der Sellnerschen Kalendergeschichten scheinen mir die della Rovere, die Medici, die Farnese und die Colonnas und wie sie alle heißen mindestens genau so skandalergiebig, spannend und schicksalsdräuend zu sein.
Das Schöne am Sellnerschen Buch ist es: Man kann Tag für Tag die entsprechende Geschichte aufschlagen, man kann sich aber auch einfach treiben lassen, neugierig auf neue Namen, neue Geschichten. Und schnell stößt man dabei auf die ganz kuriose Begebenheiten, die Einführung des Lottos im Kirchenstaat, die Genehmigung der Schokolade als Fastenspeise, die Aufhebung des Rauch- und Schnupfverbots oder das Verbot des Jesuitenordens durch Clemens XIV., der seinen Freunden sagte, mit der Unterschrift unter die Urkunde habe er wohl sein eigenes Todesurteil unterschrieben (recht hatte er, er wurde vergiftet). Und wie die Jesuiten dann in den katholischen Ländern verfolgt wurden, während sie im orthodoxen Russland und im protestantischen Preußen Zuflucht und Schutz fanden.
Sellner versteht es, Fakten und Anekdoten geschickt zu verbinden. Die Geschichten sind anschaulich und pointiert, so verdichtet und lakonisch geschrieben, dass man sich von selbst einen Roman oder Film dazu denken kann. Man wird animiert zum Weiterstöbern in Lexika und Geschichtsatlanten. Glossar und Register am Ende des Buches sind hilfreich, aber könnten noch ausführlicher sein. Besonders anspruchsvoll ist die Buchausstattung der Erstausgabe, in kardinalsrotem Leinen und mit goldfarbenen Überschriften. Könnte ein wunderbares Geschenk für historisch Interessierte sein.
Fazit: Ein faszinierendes, unterhaltsam geschriebenes, aber auch anspruchsvolles Werk, bei dem es sich lohnt, Atlas und Lexika parat zu haben.