Herta Müller kann man nicht nebenbei lesen. Dafür gehen einem die Texte einfach zu nahe. Ihr jüngstes Buch enthält 18 Essays, in denen es um ihr Leben und ihre Arbeit als Schriftstellerin, um Geschichte und Politik und vor allem um Macht geht. Die Texte sind oft eine Auseinandersetzung mit der überwältigenden Macht des kommunistischen Regimes in Rumänien - und sie zeugen auf der anderen Seite eindrucksvoll von der Macht der Sprache, die das Unaussprechliche in Bildern sagbar zu machen vermag.
Wenn Herta Müller über Macht schreibt, dann tut sie es auf eine gänzlich andere Weise als zum Beispiel ein Soziologe oder ein Politikwissenschaftler dies tun würde, der sich überwiegend auf einer theoretischen Ebene mit dem Phänomen beschäftigt, bei dem also - um mit Peter Rühmkorf zu sprechen - "Nichts eratmet alles angelesen" ist. Herta Müller hat die Macht einer menschenverachtenden Diktatur am eigenen Leib erfahren. Jeden Tag aufs Neue hat sie diese exakt arbeitende Maschinerie der Macht fast in den Wahnsinn getrieben. Für viele von uns eine kaum begreifliche Vorstellung, die Herta Müller in ihren Texten aber fassbar macht. Deshalb gehen sie einem so nahe, deshalb kann man Herta Müller nicht nebenbei lesen - weil es hier um eine konkrete Bedrohung geht, die Menschen nach ihrem Leben trachtet und die das ständig bedrohte Leben dieser Menschen auch noch zu etwas macht, das völlig aus den Fugen geraten ist. Unter solchen Bedingungen kann man selbst kein Leben "führen". Immer wieder schreibt Müller über ihre Zeit in der Fabrik, ihre Weigerung mit der Securitate zusammenzuarbeiten und die Folgen: Provokationen und Schikanen, Drohungen und Verleumdungen.
Und dann schreibt Herta Müller noch über Opportunismus und Verrat. Thematisiert wird unter anderem der Opportunismus der Landsmannschaft der Banater Schwaben, die ganz offensichtlich mit dem rumänischen Geheimdienst zusammengearbeitet hat und auf der anderen Seite verlogen genug war, Herta Müller nach der Verleihung des Literaturnobelpreises in der Verbandszeitung als eine der ihren zu feiern. Thematisiert wird aber auch der persönliche Verrat, der einen Menschen ganz besonders trifft. In ihrem Roman "Herztier" steht der Verrat einer Freundin im Mittelpunkt und hier kommt eine weitere Dimension hinzu.
Es ist der Versuch einer Aufarbeitung der Beziehung zum Freund Oskar Pastior, mit dem Herta Müller gemeinsam ein Buch über Pastiors Zeit in der sowjetischen Gefangenschaft schreiben wollte. Da Oskar Pastior in der Zeit der Niederschrift verstarb, schrieb Müller das Buch "Atemschaukel" ohne ihn. Erst nach seinem Tod erfuhr sie von der Akte "Stein Otto", die Pastior als Täter ausweist. Eine Auseinandersetzung mit diesen Tatsachen ist schwierig und Müller weiß, dass seine "Täterakte zum großen Teil eine Opferakte ist", denn "Wissenschaftler aus der rumänischen Aktenbehörde weisen darauf hin, dass es in den fünfziger und den sechziger Jahren Tausende Spitzel gab, die unter Haftandrohung zur Mitarbeit bei der Securitate erpresst wurden." Herta Müller möchte die Aktivitäten des Freundes nicht verharmlosen und beurteilt "den IM Pastior mit denselben Kriterien wie andere IM" aus ihrer Akte - also Menschen die sie bespitzelt und verraten haben. Doch sie gelangt zu einem anderen Fazit: "Wenn Pastior noch leben würde, würde ich jedesmal, wenn ich zu ihm käme, insistieren, dass er seine Akte lesen und selbst darüber schreiben soll. Aber jedesmal würde ich ihn dabei in den Arm nehmen." (S. 171)
An Herta Müller muss man den Mut bewundern, Dinge auszusprechen, die gefährlich - auf alle Fälle mit Ängsten besetzt - sind. Denn wenn sie über die Mechanismen der Unterdrückung und der Gewalt in der kommunistischen Diktatur schreibt ist sie sich stets dessen bewusst, dass der rumänische Staatssicherheitsdienst Securitate immer noch im Dienst ist und lediglich umbenannt wurde in SRI (Rumänischer Informationsdienst).
Charakteristisch für Herta Müllers Texte ist auch in diesem Essayband ihre Sprache der schonungslosen Bilder. Manchmal ist man überwältigt von diesen Bildern, in denen das Unaussprechliche doch zur Sprache kommen kann und zwar ohne das Eigentliche - wie etwa Zärtlichkeit oder Tod - selbst zu bemühen.
Oft sind es die scheinbar harmlosen Fragen, die alltäglichen Nebensächlichkeiten, die eine ganze Lebenseinstellung in einem einzigen Satz zusammenfassen, wie etwa die tägliche Frage der Mutter nach dem Taschentuch. Wenn die Mutter das Kind vor dem Verlassen des Hauses fragte: "Hast du ein Taschentuch?", war dies ein versteckter Liebesbeweis, der zeigte, dass die Mutter das Kind behütete.
Mit solchen präzisen Analysen scheinbar unwichtiger Alltäglichkeiten zeigt Herta Müller eindrucksvoll auf, wie der Mensch sich mit der Sprache behilft, wenn Gefühle nicht offen gezeigt werden können.
Und dann schreibt sie noch über Autoren, die ihr wichtig sind. Oft sind es Schriftsteller die nicht viele Leser gefunden haben und vielleicht werden sie durch Müllers Empfehlung doch noch entdeckt. Man wünscht es ihnen - etwa M. Blecher, dessen Buch "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", Herta Müller zufolge eine "Schule der Beobachtung" ist, in der der Autor resigniert konstatiert: "Verzweifelt musste ich feststellen, daß ich in der Welt lebte, sie sah. Dagegen war nichts zu machen."
Müller schreibt auch über Jürgen Fuchs, über die Gedichte Theodor Kramers und über den sehr viel bekannteren E. M. Cioran, der 1911 in Rumänien geboren wurde und 1937 nach Paris emigrierte.
Fazit: Herta Müllers Essays sind schonungslos und sehr persönlich. Dies hat zur Folge, dass die Lektüre an die Substanz geht und das ist gut so, weil man sich als Leserkaum entziehen kann. "Immer derselbe Onkel und immer derselbe Schnee" ist ein Buch, dem ich viele Leser wünsche!