Dota Kehrs Stimme hat hohen Wiedererkennungswert, egal ob sie singt oder mit einer ganz markanten Mischung aus Rap und Sprechgesang loslegt, und zwar auch noch dann, wenn's drum geht, Songtexte knapp unter Schallgeschwindigkeit präzise zu artikulieren. Sie schreibt ihre Texte selber, und diese Texte haben es meistens in sich: Ihre Lieder sind Geschichten, und diese Geschichten nehmen die vordergründigen Szene-Idyllen des Berliner Alltags und der Liebe mit allen tückischen Begleiterscheinungen nach allen Regeln der Kunst auseinander, und zwar ganz ohne Befindlichkeits-Huberei. Dass Kehr in "Mond" dann doch mal in die Klischee-Falle tappt und all diese "Ich bin dein Trabant"-Metaphern aus der Mottenkiste hervorkramt -- was soll's. Mut will gewürdigt sein, und sei's der Mut, das gute alte "Völlig losgelöst" in ernstem Kontext zu zitieren. Wenn sonst nichts schiefgegangen ist... Und mehr ist nicht schiefgegangen: Melancholie dominiert, aber die Melancholie ist frei von aller Wehleidigkeit. Dafür sorgen schon die Freude am Wortspiel, die hinterfotzigen Zitate aus dem Geschwafel der Arrivierten oder die verblüffenden Reime, die im letzten Moment doch noch elegant die Kurve kriegen. Selbstzweck ist dieser virtuose Umgang mit der Sprache niemals, immer werden damit scharfe Beobachtungen haargenau ausgedrückt. Und die Kleingeldprinzessin (schon der Name ist Programm) hat einen instinktiven Blick für die entscheidenden Details.
Doch nicht nur Dota Kehrs Texte und Stimme haben es in sich, sondern auch die Musik und die Klasse, mit der die Stadtpiraten (Jan Rohrbach, E-Gitarre; Sebastian Vogel, Bass; Janis Görlich, Drums) aufspielen. Sie sind mindestens ebenso vielseitig und geistreich wie die Texte, oszillieren zwischen überbordendem Balkan-Brass und coolem Bossa Nova und nehmen das ganze Spektrum dazwischen gleich mit. Ob Calypso, Klezmer, Independent, Chanson, Reggae, Musette, Folk oder Swing -- das und noch mehr haben sie auf Lager, kontrastieren quirlige und sentimentale Melodielinien mit sarkastischen Texten -- ein Paradebeispiel unter einigen: "Die Funktionalisierer".
Alle diese Stile beherrschen sie, und überall setzen sie eigenwillige, markante Akzente: "Ö.N." brettert in unglaublichem Ska-Tempo los, "Der Fluch des Schlaraffenlandes" als heimlicher Titelsong erinnert an LaBrassBanda in Hochform, "Schatten werfen" setzt unsentimentalen Abschiedsschmerz um in coolen Bossanova, "Noch so einer" wird zum klassischen Musette-Walzer, "Hinter den Liedern" balanciert auf der Demarkationslinie zwischen Folk und Klassik-Zitaten, und "Zimmer" mit seinem 20er-Jahre-Charme haut einen ganz einfach von den Socken. Wobei "Zimmer" nochmal eine Klasse für sich ist: Das unaussprechliche inwendige Grausen, kombiniert mit munterem Swing.
Mir fällt auf die Schnelle nur eines ein, wofür sich dieses Album zum Glück absolut nicht eignet: Zum Bedudeln von Aufzügen und Kaufhäusern. Und das ist aber sowas von gut so.