Nur keine Scheu vor den Großen der Philosophie! Der Leser, der schon an mancher Einführung in Kants Werk schwer zu kauen hatte, ist überrascht, wie Steffen Dietzsch dem Leser leicht verständlich den Zugang zum Leben und Werk des Giganten von Königsberg öffnet, ohne zu verflachen oder ins Triviale abzugleiten. Steffen Dietzsch, Professor für Philosophie an der Humboldt- Universität Berlin, kennt seinen Kant und holt auch bisher Unbekanntes über ihn ans Tageslicht. Dietzsch schreibt mit leichter Hand. Der Leser absolviert bei der Lektüre von Dietzschs Buch nebenbei ein kleines Seminar über die Philosophie des 18. Jahrhunderts. Im Leser wird das Verlangen geweckt, die im Lauf der Zeit im Bücherschrank nach hinten geratenen "drei Kritiken" wieder hervorzuholen und mit Hilfe von Dietzschs Buch wieder einen Versuch zu wagen in das Kantsche Universum einzudringen, ein Weg der durch das Gestrüpp von Kants umständlichen und komplizierten Satzkonstruktionen führt. Der Leser kann jetzt manches ihm bei früherer Lektüre Kants dunkel gebliebene Kapitel erhellen. Dietzschs Buch ist mehrerlei: Sowohl Biografie als auch Annäherung und erste behutsame Einführung in Kants Werk. Kants Begriffe, deren genaue Kenntnis für das Verständnis seines philosophischen Systems unerlässlich ist, werden eingebettet in den Entwicklungsgang des Denkers erläutert und populäre Missverständnisse ausgeräumt. Dietzsch schildert die Rezeption von Kants Werk durch die Zunft, die anfängliche Zurückhaltung und Kritik und die anschließende hohe Wertschätzung durch viele seiner Zeitgenossen. Er zeigt den bereits über der Aufklärung stehenden Aufklärer Kant und er würdigt Kants Bedeutung für die Entstehung des modernen wissenschaftlichen Weltbilds. Das 24seitige Kapitel "Kants unmerkliches Lächeln über die Aufklärung" ist ein fein und geistvoll geschriebenes Kabinettstück, von Dietzsch mit Leichtigkeit vorgetragen, seinem großen Vorbild Kant angemessen und kann als eigenständiger Essay gelesen werden.
In einem 30seitigen Exkurs werden von Dietzsch die Beziehungen Kants zum Judentum, frei vom Richten wollen und vom Bessermenschensein von Nachgeborenen, geschildert. Der Bogen spannt sich vom zeittypischen, in einigen Äußerungen nachweisbaren Antijudaismus Kants, über die Bedeutung von Kants Werk für die neuere jüdische Philosophie, der Freundschaft Kants mit zeitgenössischen jüdischen Denkern bis zu Kants Eintreten gegen "intolerante Grundsätze", als die Berufung eines Juden zum Professor durch die Universität abgelehnt wurde.
Dietzsch nimmt den Leser mit zu kleinen Abstechern in die Kulturgeschichte und der Leser erfährt vieles über den Alltag der Lehrkräfte im akademischen Betrieb, über Querelen, Kompetenz- und Rangstreitigkeiten, über Verordnungen, Gesetze, Sitten und Gebräuche an preußischen Universitäten zu Kants Zeit. Liebhaber von Zitaten finden viele bekannte Zitate Kants, dazu den Hinweis auf die Stelle in Kants Werk.
Dietzschs Buch ist für einen breiten Leserkeis bestimmt, er begrenzt den Umfang der Fachwörter auf das Notwendige, die meisten lateinischen Zitate wurden im Text übersetzt. Ein 73seitiger Anhang, der außer den Anmerkungen und dem Personenregister auch apokryphe Kanttexte enthält, dürfte Dietzschs Buch auch für Studierende interessant machen.