Die Beschäftigung mit dem neben Georg Wilhelm Friedrich Hegel bedeutendsten Philosophen des Klassischen Deutschen Idealismus stellt den Leser heute vor beträchtliche Anforderungen. Das Schrifttum zu Kants Leben und Werk ist seit Jahrzehnten unüberschaubar. Nachfolgende chronologische Synopse soll eine Schneise durch das bisweilen unüberwindbare bibliographische Geäst schlagen. (Die Angaben in Klammern beziehen sich auf die erste Auflage. Fast alle Ausgaben haben aber zahlreiche Folgeauflagen erfahren.)
Karl Vorländer: Immanuel Kants Leben (1911)
Klassische Biographie des neukantisch geprägten Philosophiehistorikers Karl Vorländer (1860-1928). Stark historisch-biographisch gefärbt ohne eigenständige und/oder tiefergehende Beschäftigung mit der Philosophie Kants. In Duktus und Diktion etwas patiniert. Für die Kant-Forschung nur noch von sekundärer Bedeutung.
Ernst Cassirer: Kants Leben und Lehre (1918)
Philosophisch völlig eigenständige und souveräne Aneignung der Philosophie Immanuel Kants. Cassirer (1874-1945), einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, neukantisch geprägt, hat mit seiner Philosophie der symbolischen Formen ein eigenständiges, bis heute wirksames philosophisches System geschaffen. Dem unterliegt auch diese Arbeit, so dass hier eine ganz spezifische Kant-Exegese geliefert wird. Trotz seines Alters kaum mit (sprachlicher) Patina behaftet, aber nicht leicht zugänglich. Als erste Einführung heute nicht mehr geeignet. Als philosophische Arbeit sui generis gleichwohl ein Meilenstein und Meisterwerk.
Karl Jaspers: Kant (1967)
Jaspers (1883-1969) gehört neben Heidegger zu den wichtigsten Vertretern des deutschen Existentialismus. Seine Kant-Darstellung konzentriert sich auf die philosophischen Themenkomplexe, bleibt aber eigentümlich unselbständig und verhalten. Jaspers' Darstellungsweise ist nicht besonders zugänglich, und in der heutigen Kant-Forschung spielt seine Deutung auch keine Rolle mehr, so dass dieser Titel durchaus vernachlässigt werden darf.
Arsenij Gulyga: Immanuel Kant (1977)
In der Ausgewogenheit von biographischer Schilderung und philosophischer Analyse nach wie vor eine der besten Einführungen zu Kant. "Die bedeutendste Kant-Biographie des 20. Jahrhunderts." (Dieter Henrich). Trotz ihres Entstehungskontextes frei vom Einfluss sowjetisch-sozialistischer Ideologie. Heute zu Unrecht aus dem Blickfeld geraten. (Die aufgeführte Sekundärliteratur ist aber in der Tat ohne Belang.)
Friedrich Kaulbach: Immanuel Kant (1982)
Philosophisch ambitionierte Einführung. Ähnlich wie im Falle Cassirers durch einen eigenen dezidierten philosophischen Ansatz, die Philosophie des Perspektivismus, geprägt. Zu den Wegbereitern dieses Konzeptes gehören Kaulbach (1912-1992) zufolge Aristoteles, Kant und Nietzsche. (Volker Gerhardt, ebenfalls sehr bewandert in der Kant-Exegese, ist Schüler Kaulbachs.) Sehr interessanter Ansatz, inhaltlich und sprachlich klug ausgeführt, aber aufgrund des spezifischen Blickwinkels für Einsteiger nur in eingeschränktem Maße geeignet.
Otfried Höffe: Immanuel Kant (1983)
Beste philosophische (erkenntnis- und wissenschaftstheoretische) Einführung in Kants Werk. Die biographischen Informationen beschränken sich auf das notwendige Minimum. Keine andere Einführung erschließt Werk und Wirkung so strukturiert und fachlich souverän wie Höffes Text. Enthält wichtige bibliographische Informationen. (Eine Kurzfassung des Textes in: O. Höffe [Hg.]: Klassiker der Philosophie. Bd. II)
Manfred Kühn: Kant (2001)
Sehr stark biographisch orientierte Arbeit, die sich (zu) stark mit den privaten und gesellschaftlichen Aspekten von Kants Leben auseinandersetzt. Die Darstellung von Kants philosophischen Ansätzen bleibt zu oberflächlich und fragmentarisch. Insgesamt ein zwar gut lesenswertes, aber langatmiges und nicht sehr tief reichendes Panoptikum des Zeitalters, in dem Kant lebte. Für eine fundierte Auseinandersetzung mit der Kantischen Vernunftkritik kaum geeignet.
Manfred Geier: Kants Welt (2003)
Glänzend geschriebene Kant-Biographie, die sich stärker als Kühns Arbeit auf die Philosophie Kants einlässt. Guter Einstieg in das geistige und kulturelle Universum, in dem der Königsberger Philosoph lebte. Aber auch nicht ganz frei von Oberflächlichkeit und allzu essayistischer Attitüde.
Eberhard Döring: Immanuel Kant (2004)
Wohlfeile, ordentliche Einführung. Enthält nur marginale biographische Daten, bettet Kant aber gut in den philosophiehistorischen Kontext ein. Starke Fokussierung auf das philosophische Denkgebäude Kants, die allerdings nicht immer gut lesbar ist und streckenweise die souveräne Stoff- und Themenbeherrschung vermissen lässt. Als Einstieg nur bedingt geeignet.
Roger Scruton: Kant (o.J.)
Kompakte, wohlfeile, im englischen Original erstmals 1982 erschienene Einführung. Ordentliche, gelegentlich etwas arg verkürzte Beschäftigung mit der Kantischen Philosophie; sehr oberflächliche und unvollständige Bezugnahme auf die Forschungsliteratur. Für eine erste Orientierung aufgrund des Umfangs und der guten Lesbarkeit allerdings durchaus empfehlenswert.
Für die weiterführende Beschäftigung mit Kants Werk und Wirkung sind außerdem die folgenden Titel unabdingbar:
Peter F. Strawson: Die Grenzen des Sinns. Ein Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft (1981)
Alfred Baeumler: Das Irrationalitätsproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur Kritik der Urteilskraft (1923 - Es handelt hier sich beim Verfasser tatsächlich um jenen Alfred Baeumler, der sich später und mit großer Vehemenz dem nationalsozialistischen Terrorregime angeschlossen hat. Trotzdem zählt seine Monographie nach wie vor zu den wesentlichen Meilensteinen in der Interpretation von Kants dritter Kritik.
Wer indes glaubt, mit Martin Heideggers "Kant und das Problem der Metaphysik" eine Einführung in die Kantische Metaphysik in Händen zu halten, der wird enttäuscht sein. Vielmehr handelt es sich, ähnlich wie bei Cassirer und Kaulbach, um eine Einführung in die Heideggersche Philosophie ... freilich aus Anlass der Vernunftkritik des Königsberger Philosophen.