? wandelt über die Welt ? oder "unter" ihr ? und treibt seinen Schabernack mit uns. Er ist jenseitiger Traum und Phantasiegebilde und lauert auf seine Ausgeburt.
In seinem Roman IMAGON beschreibt Michael Marrak die Wiederkehr einer uralten Wesenheit, die den Älteren Göttern zum Trotz die Zeiten überdauert hat und von Menschen unterstützt wird, die einer sagenhaften Bestimmung folgen. Dabei liegt es in der Natur des Menschen und entspringt gewissermaßen seinem Forschergeist, dass Neugier und Wissensdurst das Unheil erst heraufbeschwören, das sie ergründen wollen. Das wiederum sorgt für heftigen Tumult und Rumoren unter der eisigen Oberfläche Grönlands, wohin die unheilvolle Geschichte ihren Lauf nimmt. Und wahrlich, gemütlich geht es für den Geophysiker Poul Silis nicht zu: da schmelzen zuerst unbekannte Kräfte einen gigantischen Krater in die arktische Einöde; da werden Raketen abgefeuert, die ihrem Ziel nur leichte Magenverstimmung bereiten (eine kleine humoristische Einlage á la Tim Burtons "Mars attack"); es wird eine mit shoggothischem Anti-Serum gefüllte Aerosol-Bombe gezündet, in der Absicht das Unergründliche medizinisch zu therapieren; es wird wild geschossen und auch mit schamanistischer Magie nicht gegeizt. Doch das Grauen lässt sich nicht aufhalten und schleicht sich mehr und mehr, am Bannsiegel der Älteren Götter vorbei durch die Poren der Beteiligten ? und durch die des Lesers.
Das Geschehen wird sehr eindringlich und bilderreich, so wie es die Art des Autors ist, geschildert. Und so lässt er seinen Hauptprotagonisten erst widerwillig und in der Folge redlich darum bemüht sein, die irrationalen Phänomene wissenschaftlich aufzuklären. Mit einem bedeutungsvollen Talisman um den Hals versehen, folgt Poul intuitiv der verwehten Spur nach Grönland und bahnt dabei unbewusst den dunklen Mächten den Weg in "diese" Welt. ? Es mag einem dabei ein bestimmter Tonkelch in den Sinn kommen oder der Ring der Macht aus J.R.R. Tolkiens Fantasy-Epos. Oder man denke vielleicht an multiple Persönlichkeiten, die ja mitunter enorme geistige Fähigkeiten "besitzen" und selbst von etwas besessen sind; Visionen von Geistwesen, die der Unbedarfte für die eigenen hält und seinem Ego als Talent oder Berufung erscheinen. ? Ganz allmählich wird dessen Bastion aus Logik und gesundem Menschenverstand in etwas äußerst Lebensbedrohliches verwandelt. Das Vertrauen in Wissenschaft und Technik, gleichwie der Glauben an das Gute, an Gott, Götter oder was auch immer, geraten in arge Turbulenzen. Die Phänomene jedoch bleiben. Die Gabe des Poul Silis ? sich träumend jahrtausendealter Ereignisse zu erinnern ? ist nur eines davon. Die Frage nach freiem Willen oder Schicksalhaftigkeit stellt sich ihm (und dem Leser) mit Vehemenz: Sind wir nur ein Spielball kosmischer Kräfte und immer noch "deren Sklaven"?
Das Buch ist eine düstere Offenbarung, die fasziniert und zugleich betroffen macht, so geschickt werden in die phantastische Handlung realistische Hintergründe eingefügt. Und damit wird eine weitere Frage aufgeworfen: Gibt es vielleicht eine verborgene Botschaft? (Nicht nur, um damit die Spannung unnötig steigern zu wollen ?) In IMAGON ist nämlich das abgrundtief Böse bereits gegenwärtig und der Tod nicht einzig der natürlich gegebene Antipode des Lebendigen; er ist auch Wegbereiter für etwas Fremdartiges (für das Michael Marrak hier Namen bereit hält), und die Angst (vor dem Unbekannten) ist der Speer in der Hand des Menschen. Diesen nicht auf alles Unbekannte zu werfen, bedarf geradezu unmenschlicher Selbstbeherrschung. Und das Scheitern scheint vorprogrammiert zu sein ?
Nach vollendeter Lektüre kann man einfach aufstehen und sich einem anderen Zeitvertreib zuwenden; vergnügt gleichgültig bleiben oder sich mit Gleichmut auf die Suche machen. Denn hat nicht jeder eine andere "Gabe", die es gilt, gefunden zu werden?