Zu Lebzeiten war Claude Debussy weitaus bekannter und erfolgreicher als Maurice Ravel, nach seinem Tode aber fristet er heute im Gegensatz zu seinem Landsmann und Freund ein eher untergeordnetes Dasein. Der Hauptgrund dafür dürfte wohl sein, dass Debussys Musik wohl weit weniger melodisch und spätromantisch angehaucht ist als die Ravels. Sie ist mehr dem Impressionismus verschworen.
Auf dieser wundervollen CD befinden sich neben den Images pour Orchestre das Prélude à l'Après-Midi d'un Faune und die Printemps. Letztere sind eines der frühesten Orchesterwerke des französischen Meisters. Debussy wollte hier die Abfolge der Schöpfung zum Ausdruck bringen. Beachtet man die Tatsache, dass es sich um einen seiner ehesten Werke auf dem Gebiet der Orchestermusik handelt, darf man diesem Werk durchaus Respekt zollen, auch wenn es nur gemäßigt impressionistisch anmutet.
Ganz anders verhält es sich mit dem Prélude à l'Après-Midi d'un Faune, das von vielen als erstes Werk der Neuen Musik angesehen wird. Zahlreiche Dissonanzen bestimmen dieses Stück, die zusammen mit dem größtenteils impressionistsichen Gestus zu einem wunderbaren klanglichen Ereignis verschmelzen. Die flirrende Hitze des Nachmittags des triebgesteuerten Fauns fühlt man sich beinahe ins Haus geholt.
Das in meinen Augen großartigste Orchesterwerk Debussys sind die Images pour Orchestre, die in drei Sequenzen untergliedert sind. Die Gigues sind ein strenges Stück, dessen strikter Aufbau zwar beinahe an Johann Sebastian Bach erinnern mag, dessen lautmalerische Rhythmen aber berauschen.
Das Herzstück der Images ist Iberia, ein Zyklus dreier Sätze, deren erster das bunte Treiben auf den Straßen einer spanischen Großstadt trefflich beschreibt. Der zweite Satz, "das Parfum der Nacht", ist der wundervollste: Knisternde Atmosphäre, immer noch sengende Hitze und latente Leidenschaften in der Nacht werden musikalisch gemalt, dass der Klangteppich dem Hörer die verschwommenen Konturen schattenhaft vor Augen ruft. Der abschließend gemalte Festtag macht regelrecht trunken. Iberia ist ein Stück, das Ravels Rapsodie espagnole durchaus ebenbürtig ist.
Zum Abschluss folgen die Rondes du Printemps, deren märchenhafter Klang und deren Eindringlichkeit in wohlige Frühlingslandschaften einladen.
The Cleveland Orchestra unter Pierre Boulez setzt diese schwierigen Orchesterwerke prachtvoll und unprätentiös um. Man fängt an, die Gemälde, die Debussy vor unser inneres Auge ruft, greifen, fassen zu wollen. Zurecht gilt Boulez als Spezialist für den französischen Impressionismus: Auch seine anderen Debussy und Ravel Einspielungen kann ich nur gutheißen.
Fazit: Für Freunde des Impressionismus ist diese CD ein gefundenes Fressen, denn neben Charles Dutoit mit dem Orchestre symphonique du Montréal gibt es keine Einspielung, die den Kern dessen, was Debussy ausdrücken wollte, so zielsicher trifft. Ich schließe mich gerne dem an, was auf dem Aufkleber auf der CD steht: ...most miraculous web of delicately spun sensations.