Aus der Amazon.de-Redaktion
Den überaus erfolgreichen Anfang machte der Meister des religiösen Verschwörungs- und Mystik-Thrillers, der Amerikaner Dan Brown mit Sakrileg, in dem er niemand geringeren als Jesus Christus einen überaus unchristlichen (und verschweigungswürdigen) Lebenswandel andichtete. Browns 68-jähriger Landsmann John Sack aus Ashland (Ohio) hat sich nun einen ganz ähnlichen Plot erdacht, ihn allerdings nicht in unsere Tage versetzt, sondern ins 13. Jahrhundert zurück verfrachtet. Der heilige Franziskus von Assisi ist gerade einmal 40 Jahre tot, seine Nachfolge in der von ihm begründeten Bruderschaft der Franziskaner noch nicht in letzter Konsequenz gefestigt. Da wird der junge Eremit Conrad mit einer kryptischen Botschaft von seiner Klause im Apennin aus auf die Suche nach der Wahrheit über den Gründervater geschickt. Widerwillig nimmt er den Auftrag an und stößt dank der Hilfe einer Novizin mit dem bezeichneten Name Amata in geheimen Büchern auf merkwürdige Geschichten, bevor er vom Abt in dessen Folterkammer gesperrt wird: Seine Liebe zur Wahrheit hat ihn auf die Spur eines dunklen Geheimnisses gebracht ...
Noch etwas hat Sacks Buch mit den Thrillern von Brown gemein: Auch Im Zeichen der Seraphim ist auf berauschende Art und Weise gut recherchiert -- so gut, dass man manche Ungereimtheit dafür gern in Kauf nimmt. Mystery meets History: Eine Kombination, die bei Im Zeichen der Seraphim hundertprozentig überzeugt. --Stefan Kellerer
historische-romane.de, Februar 2006
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Im Zeichen der Seraphim von John Sack. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1. Oktober 1271
Fra Conrad runzelte die Stirn, als er oben auf dem Pfad ankam, der sich zu seiner Hütte hinaufwand. Ein Eichhörnchen saß zeternd auf dem Fenstersims und schlug mit dem Schwanz.
Ein anderer Besucher als Rosannas Mann schien ihn in der Hütte zu erwarten.
»Ruhig, Bruder Grau!«, schalt er, während er das Bündel Reisig von seiner Schulter fallen ließ. »Heiße den Fremden willkommen, wie du mich willkommen heißt. Er könnte ein Engel Gottes sein.«
Der Eremit nahm das Eichhörnchen in seine Hände und setzte es behutsam auf den schwarzen Stamm einer nahen Pinie. Als Conrad die Hütte betrat, huschte es auf einen höheren Ast.
Der Besucher schlief tief und fest, den Kopf auf die Arme gelegt, am Tisch des Einsiedlers. Es war ein Mönch, und sein Gesicht war unter der Kapuze verborgen. Conrad brummte zufrieden.
Wenn er schon gesellig sein und sich unterhalten musste, würde es wenigstens um geistige Themen gehen. Die Ledersandalen und die weiche, neue mausgraue Kutte seines Gastes erfreuten ihn weniger. Wahrscheinlich ein Konventual, einer jener verwöhnten Mönche, die wie die schwarzen Mönche in Klöstern lebten und nicht wie die entwurzelten Söhne des San Francesco umherzogen.
Er hoffte, das Gespräch würde nicht in den alten Streit über das Wesen wahrer Armut münden, ein Gespräch, vor dem er sich hütete und das ihn zugleich ermüdete. Bisher hatte ihm der Zwist nichts als Kummer gebracht.
Er holte das mit einer Weidenrute verschnürte Bündel Reisig, das er gesammelt hatte. An Herbstnachmittagen wie diesem versank die Sonne schon früh hinter den Bergen des Apennin, und die Luft war nachts kalt. Er häufte mehrere Hände voll tote Blätter, Pinienzapfen und trockene Nadeln als Zunder in die runde Feuerstelle aus flachen Steinen in der Mitte des Raums. Als er sie mit seinem Feuerstein entzündete, erhob sich verschlafenes Gemurmel in der Ecke.
»Fra Conrad da Offida?« Die Stimme klang überraschend hoch, wie die eines Chorknaben vor dem Stimmbruch. Sein Besucher war ein Novize, vermutete er, und wahrscheinlich sogar noch
minderjährig. Eigentlich nahm der Orden keine Kandidaten unter vierzehn auf, aber häufig missachteten die Oberen dieses Verbot.
»Ja, ich bin Fra Conrad«, sagte er. »Der Friede des Herrn sei mit dir, kleiner Bruder.« Er blieb an der Feuerstelle knien.
»Und mit Euch. Ich heiße Fabiano«, nuschelte das Kind und wischte sich mit dem Handrücken die Nase.
»Fabiano. Gut! Sei mir willkommen. Wenn das Feuer brennt, koche ich uns eine Suppe. Ich habe schon Fava-Bohnen im Kessel eingeweicht.«
»Wir haben auch etwas zu essen mitgebracht«, sagte der Junge und wies mit dem Daumen auf ein Netz, das am Dachsparren hing. »Käse, Brot und Trauben.«
»Wir?«
»Monna Rosannas Diener hat mich hergeführt. Seine Herrin schickt diese Vorräte falls Ihr nicht genügend für Euch und einen Gast habt.«
Conrad lächelte. »Das ist ganz die liebenswürdige Art der Dame.«
Inzwischen knisterte das Feuer laut und erfüllte den Raum mit dem Duft brennender Aleppo-Pinie. Rauchschwaden kräuselten sich hinauf zum rußgeschwärzten Strohdach und durch eine kleine Öffnung in der Decke hinaus ins Freie. Die Flammen spiegelten sich in den Augen des Besuchers, die schwarz glänzend wie reife Oliven unter seiner Kapuze hervorblinzelten. Conrad stellte den Kessel aufs Feuer und nahm den Proviantbeutel herunter.
Rosanna, Gott segne ihr großes Herz, hatte auch eine Zwiebel eingepackt. Er schnitt zwei Scheiben ab, um sie roh zum Käse zu essen, und viertelte den Rest für die Suppe.
»Wer hat dich zu Monna Rosanna geschickt?«, fragte Conrad.
»Meine Oberen in Assisi. Ich sollte sie in Ancona aufsuchen. Vor der Stadt habe ich dann zwei Mönche getroffen, die mir sagten, wo ich das Haus der Signora finde. Sie war so neugierig, als ich ihr erzählte, dass ich auf der Suche nach Euch bin « Die Bemerkung klang eher wie eine Frage.
»Wir sind zusammen aufgewachsen«, erklärte er. »Beinahe wie Bruder und Schwester. Sie das heißt, sie und ihr Mann kümmern sich noch immer um mich, sooft sie können.« Erinnerungen zogen durch seine Gedanken zwei Kinder, die auf einer Hafenmauer Kekse aßen, während die Sonne auf dem Wasser zu ihren Füßen glitzerte. Das Bild verschwamm sofort wieder, ebenso wie sich ihre Spiegelbilder an jenem Nachmittag vor langer Zeit in den Wellenringen aufgelöst hatten, denn der Besucher plapperte unaufhörlich weiter.
»Seid Ihr Waise? Und habt Ihr deshalb bei ihrer Familie gelebt?«
Conrad blies die Wangen auf und atmete dann langsam aus. »Die Vergangenheit dieser Person ist unwichtig«, sagte er. Dies war nicht der geistige Austausch, den er sich erhofft hatte. Er hätte das Thema fallen lassen, aber Fabiano sah so enttäuscht aus, dass Conrad hinzufügte:
»Nun gut. Mein Vater war Fischer in Ancona. Gott hat ihn in einem Sturm zu sich gerufen, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Monna Rosannas Eltern haben mich bei sich aufgenommen. Sie wollten, dass ich eine Ausbildung erhielt, und schickten mich mit fünfzehn zu den Mönchen. Nun, vierzehn Jahre später, bin ich hier, und das ist meine ganze Geschichte.« Beim Umrühren der Suppe tränten ihm ein wenig die Augen. Er wischte sie mit dem Ärmelaufschlag ab und wollte gerade etwas über die Schärfe der Zwiebel sagen, als der Junge ihn abermals unterbrach.
»Und wo war Eure Mutter?«
»Zweifellos im Himmel. Mein Vater sagte, sie starb mit dem Namen der Heiligen Jungfrau auf den Lippen, als sie mir das Leben schenkte.«
Der Duft der brodelnden Fava-Bohnen erfüllte die Hütte. Das Kind atmete tief ein und kratzte sich am Kopf. »Ich liebe es, Geschichten über das Leben anderer Menschen zu hören. Ich wünschte, ich könnte mein ganzes Leben lang durch die Welt ziehen und Geschichten sammeln. Wie Fra Salimbene. KenntIhr Fra Salimbene?«
Conrad runzelte die Augenbrauen. »Er gehört nicht gerade zu den Brüdern, denen du nacheifern solltest«, sagte er. »Warum erzählst du mir nicht, weshalb du mich suchst?« Er blickte abermals in die dunklen Augen, die plötzlich voller Mitleid waren, und Conrad begriff sofort.
»Fra Leo?«, beantwortete er seine eigene Frage.
»Ja.«
»Ist er in Frieden gestorben?«
»Ja, in derselben Hütte, in der Francesco von uns ging.«
»Darüber war er sicherlich glücklich.«
Der Einsiedler sank auf seine Fersen. Der Verlust seines Freundes und Mentors traf ihn nicht unerwartet. Leo hatte schließlich über acht Jahrzehnte gesehen. Dennoch war sein Tod ein Schlag.