Als langjähriger RHCP-Fan habe ich mich sehr auf "I'm With You" gefreut und bereits Wochen vorher regelmäßig auf der offiziellen Internetseite der Peppers nach neuen Informationen zur Veröffentlichung des Albums gesucht. Dort wurde ja ein ziemliches "Trara" veranstaltet (Countdown bis zum 1. Live-Streaming, Ankündigung der Kino-Live-Übertragung, ständiges Bekanntwerden diverser Secret Gigs und Gewinnspiele ...). So war die Erwartung natürlich ausgesprochen hoch, obwohl ich aufgrund des erneuten Ausstiegs von John Frusciante immer größer werdende Zweifel daran hatte, dass die neue Musik der Peppers auch ohne den "Gitarrengott" die gleiche Qualität haben kann.
Nach Erscheinen des neuen Albums war ich dann erst einmal tage- bzw. eigentlich wochenlang damit beschäftigt, die "neuen" Peppers zu bewerten und zu entscheiden, ob Josh Klinghoffer nun ein würdiger Nachfolger von John Frusciante ist. Ich wollte das Album einordnen können und es in meinem persönlichen Ranking einen Platz zwischen den anderen Platten geben, was sich als äussert schwierige Aufgabe erwiesen hat. Meine Meinung schwankte täglich zwischen "das ist ein super Album" und "doch nicht so gut wie die anderen Scheiben". Zunächst war ich zugegebenermaßen etwas enttäuscht, da sich der Sound doch SEHR verändert hat. Die RHCP sind nun eher eine Pop- als eine Rock-Band ' das muss man erst einmal verarbeiten. Ich wäre allerdings gleichermaßen enttäuscht gewesen, wenn sich der Stil nicht verändert hätte. Für eine Band, die jahrzehntelang erfolgreich ist, ist eine musikalische Weiterentwickling essenziell. Und so sehr ich Blood Sugar Sex Magik liebe ' ich möchte keine Neuauflage dieses legendären Albums, sondern etwas Neues (wenn ich BSSM hören will, höre ich es). Und das haben wir mit "I'm With You" nun (hört sich jetzt an wie "Da haben wir den Salat", aber so schlimm ist es nicht ;-) ).
Anfangs habe ich den Ausstieg von John Frusciante dann doch etwas mehr bedauert, als ich es erwartet hatte. Er hat den Sound der Chili Peppers geprägt und er war innerhalb der Band sehr dominant. Ich habe erst jetzt im Nachhinein so richtig realisiert, denn eigentlich war ich nicht so auf ihn fixiert und mochte "One Hot Minute" mit Dave Navarro lieber als z.B. "Californication", welches mir zu mainstreamig war. "By The Way" fand ich dann schon wieder besser als "Californication"; "Stadium Arcadium" ist mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen (an dieser Stelle möchte ich aber betonen, dass ich nicht zu denjenigen gehöre, die Stadium Arcadium anfangs nicht schätzten ... das war quasi Liebe auf den ersten Durchhörgang).
Obwohl ich nach einigen Tagen fast schon entschieden hatte, dass "I'm With You" nicht an die früheren Werke heranreicht, hat mich dann doch irgendetwas dazu veranlasst, es immer und immer wieder zu hören. Einige Songs fand ich anfangs nicht so gut (z.B. das etwas gewöhnungsbedürftige "Monarchy Of Roses", welches laut Flea der Idee entsprungen ist, den Sound von Back Sabbath mit dem von Michael Jackson zu kreuzen), aber mit jedem Hören fand ich das Lied besser. Auch andere Songs, die ich anfangs nur mittelmäßig fand ("Factory Of Faith", "Annie Wants A Baby", "Meet Me At The Corner") finde ich mittlerweile sehr gut. "Did I Let You Know" war von Anfang an mein persönliches Highlight der Platte und ist in meinen Augen ein perfekter Song. Ich hoffe sehr, dass die Peppers mit dem nächsten Album (welches es hoffentlich geben wird) diesen tollen, neuen Stil noch weiter ausbauen.
Momentan gibt es nur noch zwei Tracks, mit denen ich nach wie vor nicht so ganz warm werde. Das ist zum einen "Goodbye Hooray", welches mir anfangs zu hektisch daherkommt, sowie "Look Around", bei dem mir im Vergleich zu den anderen Liedern das besondere Etwas fehlt. Es klingt in meinen Ohren wie ein Mix aus vielen alten RHCP Songs. "The Adventures Of Rain Dance Maggie" fand ich eine gut gewählte erste Single. Das Lied hat etwas von den "alten" Peppers, ist aber ein guter Vorgeschmack auf die neuen Lieder auf "I'm With You". Die gute Laune, die man in dem Song hört, ist die Grundstimmung dieser Platte, obwohl auch das ein oder andere ernste Thema behandelt wird.
Mittlerweile mag ich das Album sehr und bin mir sicher, dass ich es in Zukunft regelmäßig hören werde. Die Lieder sind abwechslungsreich und leichter verdaulich als z.B. die Lieder auf "One Hot Minute", welche mehr Aufmerksamkeit erfordern. Das soll aber keinesfalls eine Abwertung sein. Für mich ist "I'm With You" eine Gute-Laune-Platte, die einen locker & flockig durch den Tag bringt. Nicht unbedingt eine Scheibe zum Philosophieren und Nachdenken, aber das muss ja auch gar nicht sein (und die RHCP waren eigentlich noch nie so eine Band).
Einen Stern Abzug gibt es von mir für die Texte von Anthony Kiedis, die meiner Meinung nach oft einfach willkürlich dahin geschrieben wurden. Man versteht nur selten, worum es in dem Lied eigentlich gehen soll ("Brendands Death Song", "Police Station" und "Did I Let You Know" sind hier einige Ausnahmen). Ich war immer ein Fan von AK's Texten, auch wenn diese oft von banalen Dingen wie Sex handeln und auch oft ins Alberne abdriften ("you try to be a lady, but you're walking like a sauerkraut"). Trotzdem schafft Anthony Kiedis es gewöhnlich, interessante Texte zu schreiben, die irgendwie "anders" sind und einen ganz speziellen Wortwitz aufweisen. Dies ist auf "I'm With You" leider nicht der Fall. Bemerkenswert finde ich aber, dass AK mit einfachen Mitteln (ein Seufzer hier oder ein "Dibidi-Dibidibidi" da) den Liedern noch etwas mehr Pfeffer verleiht.
Positiv ist mir die Backing-Stimme von Josh Klinghoffer (speziell bei "Meet Me At The Corner") aufgefallen. Diese empfinde ich - wenn auch etwas feminin - als sehr angenehm. Die Backing Vocals von Frusciante waren nie so ganz mein Fall, aber das ist natürlich Geschmackssache. Auch mag ich das subtile Gitarrenspiel sehr gerne und finde es gut, dass Flea in vielen Songs den Ton angibt. In "Factory of Faith" ist die Gitarre von Josh Klinghoffer gegen Ende des Liedes das "Tüpfelchen auf dem i".
Zu Josh Klinghoffer kann ich insgesamt nur sagen, dass er im Spiel und in den Interviews etwas zurückhaltender ist als John Frusciante es war. Das ist aber nicht schlecht - im Gegenteil. Ich hoffe nur, er kommt bei nächster Gelegenheit noch etwas mehr aus sich heraus. Wenn man sich die Lieder seines Soloprojektes "Dot Hacker" anhört (z.B. auf YouTube) merkt man, dass in ihm wirklich großes Talent steckt. Man sollte also aufhören, darauf herumzuhacken, dass Klinghoffer nicht Frusciante ist. In meinen Augen war Picasso nicht talentierter als Van Gogh - es waren einfach zwei talentierte Künstler mit einer anderen Sicht- und Ausdrucksweise.
Alles in allem wirklich eine gelungene Scheibe für aufgeschlossene Peppers-Fans, die nicht den alten Zeiten nachtrauern und gerne abwechslungsreiche Gute-Laune-Musik hören. "I'm With You" kann man nicht mit früheren Alben vergleichen - muss man auch nicht. Es ist ein gutes Popalbum der Peppers und auch wenn die sich Zutaten geändert haben und die Gewürze hier und da andere sind, so ergibt sich insgesamt ein leckeres Gericht (und den Chili kann man durchaus noch rausschmecken).
Wer "BSSM" hören will, soll "BSSM" hören. Wer "Californication" hören will, soll genau das tun. "I'm With You" ist etwas anderes. Ich bin gespannt auf das, was noch kommt. Nur der Bart muss bitte ab. ;-)