Nein, man musste kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass die Bright Eyes spätestens mit diesen beiden Alben durch die Decke gehen werden, waren doch schon die beiden Vorab-Singleauskopplungen auf Platz 1. und 2. in die amerikanischen Verkaufscharts eingestiegen. Da ist er nun also, der Herr Conor Oberst, auf dem Titelblatt jeder erdenklichen Musikzeitschrift und wird mit seinen gerade mal 24 Jahren nicht selten als „Wunderknabe" bezeichnet. Nicht zu unrecht, wie ich finde. Und da Conor noch nicht genug Alben in seinen jungen Jahren veröffentlicht hat (ich glaube weit über 7 Alben, mit 3 verschiedenen Bands), wirft er nun zwei Alben gleichzeitig auf den Markt, von welchen man keines missen möchte. Zum einen wäre da „I'm wide awake it's morning", welches ein klassisches Singer-/Songwriter Album mit Folk- und Countryeinflüssen darstellt, und zum anderen „Digital ash in a digital urn", welches sich experimentellem Elektro-Pop verschrieben hat. Mit dem erstgenannten Album ist ihm definitiv ein kleines Meisterwerk gelungen.
Dabei klingt „I'm wide awake it's morning" offener, kompakter, klarer und weniger verzweifelt als der Vorgänger „Lifted, or the story...", aber natürlich nicht minder brillant. Zunächst einmal wird der Hörer in „The bottom of everything" mit einer traurigen Geschichte über einen Flugzeugabsturz auf die Folter gespannt, bevor die Platte dann letztendlich beginnen kann. Sie beginnt am Boden, mit einem Conor Oberst, der feststellt, dass er „really no one" ist. Der Song an sich ist eigentlich gleich die erste Bombe auf diesem Album, die so dermaßen einschlägt, wie das Flugzeug, das im „deep blue see" versinkt. Weiter geht's mit „We are nowhere and it's now", eine Ode an die Hoffnung mit dem bezaubernden Background Gesang von Emmylou Harris. Schöner geht's kaum, möchte man meinen. Aber doch, es wird noch besser: Für „First day of my life" kann man Conor Oberst eigentlich nur lauthals „Danke" zurufen. Schon jetzt ein Klassiker! Und wenn man seiner Freundin ein Mixtape mit Liebesliedern basteln will, dann darf dieser Song auf gar keinen Fall fehlen. In „Poison Oak" ist es dann wieder da, das Gefühl von Verzweiflung, wenn Conor „The sound of loneliness makes me happier" singt, großartig. Im Schlusstrack „Road to joy", welcher an Beethovens „Freude schöner Götterfunken" angelehnt ist, fühlt man sich dann auch wieder an alte „Lifted..." Zeiten erinnert, wenn nach den grandiosen Sätzen „I could have been a famous singer, if i had someone elses voice./ But failure's always sounded better, lets fuck it up boys./ Make some noise!" ein Soundgewitter losbricht, welches sogar die Frisur von Mr. Propper durcheinander wirbeln würde. Und Außerdem? Außerdem gibt's da noch das herrlich minimalistische Lua, den zum Ende hin immer lauter werdenden, mit Trompete untermalten „Old Soul Song", den Country-Stampfer „Another Travellin' Song" und das ebenfalls sehr countryeske „Train Under Water".
Conor Oberst darf sich mit seinen Bright Eyes nun definitiv zu den ganz großen Zählen, ihn zu Hassen wird vielen mit diesem Album noch schwerer fallen. Ich persönlich habe definitiv schon lange keine solch wunderbare, tiefschürfende und eindringliche Platte gehört wie diese. Um noch mal Bezug zur Überschrift zu nehmen: So was hat man lange nicht gesehen, in diesem Fall natürlich „gehört".