Narrative Philosophie, mit Metaphern angereichert, ist das Genre des philosophischen Mediengurus Peter Sloterdijk, bekannt aus dem philosophischen Quartett. Er zeigt wieder einmal auch hier seine umfassende Kenntnis psycho-historischer Zusammenhänge und vor allem deren Lichtspiele in der allgemeinen wie in der philosophischen Literatur. Der Umschlag zeigt bereits den Beginn der Erzählung: es ist das Jahr 1851, der Londoner Kristallpalast als geschlossenes System zur ersten Weltausstellung ist abgebildet und auch Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" (sehr empfehlenswert!!) greift dieses Gebäude symbolhaft auf. Globales zeigt sich also schon in der einfachen Darstellung des Baus, da eine Halb-Kugel (Himmel) als abschirmender Baldachin das neue Welt-Wirken mit den alten ptolemäischen Erinnerungen und Denkmustern (Austellungs-Erdfläche) verbindet. Doch der wirkliche und tatkräftige Beginn der Globalisierung ist mit Kolumbus, Amerigo Vespuci und Magellan zu verzeichnen, da hier die Eroberung der Welt über den Ozean begann.
"Ich begebe mich einfach an Bord", für Herman Melville in Moby Dick die Flucht des Einzelnen aus seiner terranen Depression. Maritimes Denken gewann die Überhand und hat in Folge das Leben der Menschen aus der bisherigen Enge geführt. "Expansion ist alles." Feudale Landstrukturen und Besitzverhältnisse waren mit einem Mal nicht mehr Einzig und die Möglichkeit, schneller als jedes Grundbuch ein Teil der Neuen Welt sein Eigen nennen zu können, war im Auge der Entdecker (Cuius carta, eius regio).
Kopernikus hatte seinen Anteil an dem neuen Denken, da das heliozentrische Weltbild das bisherige geozentrische ablöste. Die Erde eine Kugel im Weltraum, der Mensch nicht mehr im Zentrum, sondern an die Peripherie gerückt, nach Außen. Die Umrundung der Erde gewann mit zunehmender Technik und Nautik an Schnelligkeit, 80 Tage nach Jules Verne sind nur nötig zur Umrundung der Welt. Christliche Seefahrt führte zur Vereinnahmung und sprachlichen Neuidentität der okkupierten Völker. Menschen, die ihr Außen-Sein begriffen, benahmen sich dort gesetzlos und bar jeder kulturellen Erziehung, sodass P. Sl. nicht haltmacht vor der Kritik an Kant, dass sein kategorischer Imperativ eine Erhabenheit darstellt, jedoch Unanwendbarkeit sicherstellt. "Die Zerstörung des Bestehenden im Namen des Besseren", sodass mit dem Progressismus Alt nach Neu nur das Mitmachen des Einzelnen oder sein Abdanken Platz findet.
Zur See fahren wird zur grandiosen Beherrschung der Oberfläche, zu vermeiden ist, auf Grund zu gehen, eher sind die flexiblen Reaktionen des Navigierens von Vorteil. (mir scheint, als wenn die elektronische Revolution der Modernen vom Menschen nichts anderes fordert) Wie die Schiffe um die Welt gingen, ist es Hauptsache der Neuzeit, dass das investierte Geld um die Welt läuft. Vermehrt kommt es wieder, wenn es gut geht, denn das Wiedersehen, das revenue, ist der eigentliche Zweck im Glücksspiel des Börsenzeitalter. In diesem Spektakel der Expansionen lag es zum Beginn des 20. JH nahe, dass neue innere Bereiche des Menschen erforscht werden mussten. Nichts anderes ist für P.Sl. die konsequente Fortführung des Handels durch Sigmund Freuds Eroberungen der menschlichen Tiefe.
Im globalen Zeitalter, dass wir nun erreicht haben und in dem wir leben, sind aber weiterhin alle Dinge und Kulturen ortsstabil, solange sie sich nicht einer Liquidation unterwerfen lassen. Somit erkennt Sloterdijk folgerichtig, dass nicht die Vergangenheit, gemeint ist das kulturelle Basislager eines jeden einzelnen sich der Globalisierung unterwerfen wird und kann. Er führt an: "Die große Mobilmachung durch das Kapital muss stehenlassen, was sich der Liquidierung widersetzt. Sie kann lokale Kulturen nicht per Auslandsüberweisung transferieren, sie kann die generativen Prozesse modifizieren, aber nicht ersetzen."
Sloterdijk lobt damit die nationalen Eigenarten, das sich widersetzende Lokale und bemitleidet (vor allem amerikanische) Globalisierungsstrategen ob ihrer erworbenen Unfähigkeit, elementare Tatsachen einer verdichteten und vernetzten Welt zu erkennen.
Die Zukunft muss eh neu definiert werden, denn das Schmiermittel einer sich schnell drehenden Welt wird zu Ende gehen. Die Resource: Energie wird die Zukunft bestimmen, insbesondere die Absenz von Öl.
Insgesamt sind 415 anregende Seiten Grundlage zum Weiterdenken und ebenso zur Diskussion.