Mit "Im Wahn" beschloss ich, David Moody mal eine Chance zu geben. Mit knapp 316 Seiten halte ich einen ziemlich kurz geratenen Auftakt einer ganzen Trilogie in den Händen.
Worum gehts? Der Büroangestellte Danny McCoyne ist ein Familienvater der unteren Mittelschicht in London. Der Job reicht gerade, um seine Frau und die drei Kinder über Wasser zu halten, seine Vorgesetzten und wütende Kunden machen jeden Arbeitstag zur Nervenprobe. Darüber hinaus muss sich Danny mit den Sorgen und Problemen eines jungen Elternpaares rumschlagen, die ungehorsamen Kinder bringen Danny ein ums andere Mal an den Rande eines Ausbruchs. Diese wenig erfreuliche, aber immerhin solide Routine wird jäh gestört, als sich Fälle unerklärlicher Gewaltausbrüche häufen. Ganz normale Bürger scheinen aus heiterem Himmel den Verstand zu verlieren und gehen wie Berserker auf ihre Mitmenschen los. Egal ob Freund, Ehepartner oder eigenes Kind: Einmal zum "Hasser" (Engl. "Hater") geworden, ist niemand vor den Verwandelten sicher. Nach und nach werden immer mehr Menschen betroffen, und Danny muss sich und seine Familie vor dem Chaos beschützen. Doch was wenn die größte Gefahr nicht draußen lauert? Was wenn der "Hass" ein Mitglied der Familie erfasst? Wie lange ist Dannys Familie noch vor ihm sicher? Oder er vor ihr?
Das Szenario ließt sich aufregend und ist geradezu geschaffen für wunderbare Exkurse in Paranoia und psychologische Nervenspielchen. Wie lebt man, wenn man niemanden Vertrauen kann, nicht einmal sich selbst? Was unterscheidet die "Hasser" eigentlich vom normalen Wahnsinn auf den Straßen einer Großstadt?
In der Tat ist Moodys Schreibstil beeindruckend. Durch die eher ungewöhnliche "Ich"-Perspektive gewährt Moody dem Leser eine direkte Verbindung mit dem Protagonisten (?) Danny. Und wirklich: Gerade auf den ersten Seiten erlebt man den ganzen Ärger, die alltäglichen Demütigungen und die Resignation von Danny gerade hautnah zu mit. Nicht all zu viele Bücher haben es geschafft, in mir tatsächlich solche Gefühle zu wecken.
Ich habe mich dabei ertappt, wirklich mit Danny zu hoffen und zu bangen, und das obwohl Moody mit nicht einmal 350 Seiten wahrlich nicht viel Zeit hat, eine detailierte Bindung aufzubauen.
Ich möchte nicht zu viel über die Handlung verraten, deswegen kann ich die nächsten positiven Aspekte des Buches nur schwer darlegen. So viel sei gesagt: Moody vollzieht eine ungewöhnliche Wendung, die tatsächlich ein Szenario etabliert, das nicht 0815-Apokalypse-Ware ist.
Moody hält die Geschwindigkeit hoch und es gibt kaum Seiten die "verschwendet" wirken. Man "schlüpft" gespannt durch das Werk, erst zum Ende hin geht der Story leider ein bißchen die Puste aus.
Erstaunlich (im positiven Sinne) finde ich auch, dass der Einsatz an Gewalt moderat geblieben ist. Natürlich kann ein Roman, in dem es um wahnsinnige Killer geht, nicht ohne blutige Szenarien von Statten gehen. Große "Gore-Orgien" bleiben aber erfreulicherweise aus.
Allerdings ist doch nicht alles Gold was glänzt: Bei aller realistischen Nähe zum Hauptcharakter wird das Buch in der zweiten Hälfte manchmal ein bißchen absurd. Man hat das Gefühl, Moody will philosophisch eine Moral rauskitzeln, aber irgendwie gibt das Buch das in der zweiten Hälfte nicht so recht her. Wo das Buch bisher (innerhalb des Szenarios) plausibel war, wirkt die Handlung zum Schluss etwas aus dem Ärmel geschüttelt.
Bedauerlicherweise liefert das Buch wenig Antworten, der Rahmen wird auch nicht sonderlich ausgestaltet, was wohl zum einem der kurzen Länge geschuldet ist und zum anderen dem Fakt, dass es sich um eine Trilogie handelt. Kritisieren könnte man hier auch, wozu Moody denn überhaupt so stückelt. Mit knapp 380 Seiten ist der Nachfolger "Todeshunger" (liegt schon auf meinem Schreibtisch) auch nicht sonderlich lang geraten und es drängt sich die Frage auf, wieso man die beiden Romane nicht in ein Buch gefasst hat. Als "stand alone"-Werk taugt "Im Wahn" nämlich nur sehr bedingt: Obwohl es sich durchaus spannend ließt, reißen das brutal offene Ende und die vielen verbleibenden Fragen ein ordentliches Loch in das Lesevergnügen, wenn man auf das Nachfolgewerk verzichten möchte.
Und so komme ich zum Fazit: "Im Wahn" macht durchaus Spaß und ist für Fans von Weltuntergangsszenarien auch empfehlenswert. Auch das nicht einmalige, aber doch recht ungewöhnliche Setting unterhält gut, obwohl man aus der psychologischen Komponente, zum Beispiel in punkto Gesellschaftskritik, noch einen Tick mehr hätte machen können. Nach den Berichten über die anderen Bücher (zB. "Herbst"-Reihe) des Autors hatte ich insbesondere darauf ein stück weit gehofft. Aber egal: "Im Wahn" ist auch so ein kurzweiliges und nicht zu profanes Buch, das aber wohl erst in der Trilogie sein ganzes Potential entfalten kann.
Ich würde 3.5 Punkte geben, runde aber notwendigerweise auf 4 auf, denn das Buch fühlt sich insgesamt doch eher "überdurchschnittlich" an.
Wer also was mit dem Setting anfangen kann, auf Endzeit steht und auch ein paar Euros für die Fortsetzungsromane in der Tasche hat, kann bedenkenlos zugreifen!