Eine der größten Schwierigkeiten bei der Darstellung des Holocaust ist es, das ungeheure Verbrechen anschaulich werden zu lassen. In gewisser Weise verhindert der hohe Abstraktionsgrad eines erheblichen Teils der Literatur das Verständnis dessen, was geschehen ist. Bei allen Plänen, Konferenzen und Zugfahrplänen, sind es schließlich konkrete Menschen gewesen, mit ihrer eigenen Persönlichkeit, ihrer eigenen Biographie und ihren eigenen Ängsten und Schmerzen, die zusammengetrieben, deportiert, erschossen oder vergast wurden.
Um das deutlich zu machen, muß man, wie Aly in diesem kleinen Buch, einzelne Menschen in den Mittelpunkt stellen und erklären, was mit ihnen geschehen ist. In diesem Falle Marion Samuel, ein Mädchen mit großen, schreckhaften Augen, das zuletzt in Berlin Prenzlauer Berg wohnte und im Zuge der Fabrikaktion Anfang 1943 nach Auschwitz gebracht, dort von ihrem Vater getrennt und sofort vergast wurde. Das wenige, was sich heute noch zu Marion Samuel finden ließ, hat Aly detektivisch aufgespürt und in einer kurzen Biographie nachgezeichnet. Allerdings ist Aly Wissenschaftler, kein Schriftsteller. Anders als bei Patrick Modiano, der in „Dora Bruder" ein ähnliches Thema verfolgt, ist das Buch dadurch sehr nüchtern geraten, ganz auf die Fakten konzentriert. Es enthält sehr viele Abbildungen, für meinen Geschmack vielleicht zu viele Photos von Dokumenten, die doch eher geeignet sind, Prozesse zu illustrieren, und zu wenige von Menschen, Gebäuden usw., also dem, was dieses kurze Leben noch etwas plastischer hätte machen können. Wenn es dann um Auschwitz geht, zieht sich Aly leider komplett zurück. Es ist bekannt, was vor, in und nach den Gaskammern geschah und was auch Marion Samuel und ihren Angehörigen widerfahren sein muß. Ich weiß nicht aus welchen Gründen, aber Aly verzichtet darauf, diese letzten Momente des Lebens von Marion Samuel zu erzählen. Ich meine, dies ist ein Fehler. Man muß - gerade, wenn es um ein 11-jähriges Mädchen geht - den Leser bis in die Einzelheiten mit der vollen Wahrheit des Holocaust konfrontieren, so daß einfach kein Ausweg des Wegschauens, Leugnens oder Verharmlosens mehr bleibt.
Dessenungeachtet eine bewegende Lektüre.